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Jede gerettete Mahlzeit zählt

In Dänemark wurde 2016 eine Idee geboren, die in einigen Ländern hohe Wellen schlägt. Too Good To Go sagt der Lebensmittelverschwendung den Kampf an.

Vom Acker bis zur Gabel werden Lebensmittel entlang der Wertschöpfungskette verschwendet. Food Waste ist ein Dauerbrenner – und das auf der ganzen Welt. Allein in der Schweiz landen jährlich über zwei Millionen Tonnen Nahrungsmittel im Müll. Das entspricht etwa einem Drittel aller produzierten Lebensmittel. Auch in Liechtenstein sieht die Situation nicht besser aus: Dort rechnen Experten mit rund 11 400 Tonnen, die pro Jahr sinnlos weggeschmissen werden. Fast die Hälfte dieser Abfälle fallen, sowohl in Liechtenstein wie auch in der Schweiz, in Haushalten und der Gastronomie an. Die Tendenz ist weiterhin stark steigend. 

Abgesehen davon, dass es unnötig und schade ist, noch geniessbare Lebensmittel einfach so in die Tonne zu werfen, hat dies auch enorme Auswirkungen auf die Umwelt: Ein Kilo Essen in der Herstellung verursacht in etwa zwei Kilogramm CO2-Emissionen. Die Produktion der Lebensmittel, die verloren gehen, verursacht in der Schweiz die gleiche Menge an CO2 wie 36 Prozent aller Autos.

Kampfgeist aus der Schweiz zahlt sich aus
Damit soll nun aber Schluss sein. Ein dänisches Start-up-Unternehmen namens Too Good To Go (auf Deutsch: «zu gut zum Wegwerfen») hat sich dieses Problems angenommen und mittlerweile Verbündete in neun weiteren europäischen Ländern für den Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung gefunden. Allein in der Schweiz ist es dem neunköpfigen Team seit dem vergangenen Jahr gelungen, mithilfe der gleichnamigen App mehr als 157 000 Mahlzeiten zu retten und rund 315 Tonnen an CO2 einzusparen. 

Neben rund 400 selbstständigen Betrieben sind auch die grossen Detailhändler wie Migros, Coop, Manor und Valora mit Caffé Spettacolo auf den Zug aufgesprungen. Somit ist schweizweit die beachtliche Anzahl von über 600 Partnern zusammengekommen. Die Schweizer Too-Good-To-Go-Bewegung will aber noch höher hinaus: «Unsere Vision ist eine Welt, in der alle produzierten Lebensmittel auch tatsächlich konsumiert werden, und in der die Menschen den Wert unserer Ressourcen verstehen und schätzen», sagt Lucie Rein, Gründerin von Too Good To Go Schweiz. So will das Team weitere grosse Detailhändler und Restaurants bald auch auf der App präsentieren können. Eine räumliche Expansion ist ebenfalls angedacht: Sind die grossen Hotspots bislang die Regionen Zürich, Bern, Lausanne und Genf, sollen bald schon neue Städte und Orte hinzukommen – auch in Liechtenstein und dem Rheintal.

Entschieden gegen Food Waste vorgehen
Über eine kostenlose App können die rund 180 000 Nutzer aus der Schweiz und Liechtenstein auf einen Blick sehen, welche gastronomischen Betriebe und Detailhändler ihre übrig gebliebenen Mahlzeiten oder Produkte zu einem vergünstigten Preis anbieten. Hat sich der Kunde für eine Lokalität entschieden, kann er die Produkte direkt auf der App bestellen und bezahlen. Zum Abholen stehen die Lebensmittel nach dem Mittagsservice oder vor Ladenschluss bereit. 

In der näheren Umgebung gibt es bisher zwei Betriebe, die in der App aufgeführt werden. Zum einen das Restaurant Asia House in Sargans, zum anderen das Fabrik-Café in Trübbach. Letzteres ist Teil des Psychiatrie-Zentrums Werdenberg-Sarganserland (PZW) und in die Räumlichkeiten der Tagesklinik integriert. Geführt wird es von Mitarbeitenden des Psychiatrie-Zentrums. Wie Samuel Schlittler, Bereichsleiter Infrastruktur und Organisation des PZW, auf Anfrage sagt, sei er per Zufall auf die App gestossen und habe sogleich Gefallen daran gefunden. «Uns war immer schon wichtig, Food Waste so gut es eben möglich ist, zu vermeiden», sagt er. So verfügt das Fabrik-Café bereits über ein internes Bestellsystem für Mitarbeitende, mit dessen Hilfe in etwa abzuschätzen ist, wie viele Mahlzeiten zu kochen sind. Dennoch lässt sich kaum verhindern, dass nicht doch etwas übrig bleibt. «Auch deshalb haben wir uns entschieden, eine zweimonatige Probezeit mit der App zu starten. Zu unserem Erstaunen sind schon am zweiten Tag die ersten Bestellungen eingetroffen», sagt Schlittler. Mittlerweile holen täglich ein bis zwei Too-Good-To-Go-Kunden im Fabrik-Café ihre Mahlzeiten ab. Dabei können sie jeweils zwischen dem vegetarischen und dem normalen Mittagsmenü auswählen und bezahlen statt des Warenwerts von 15 Franken lediglich ein Drittel davon. Viele Kunden würden für die Abholung ihre eigenen Tupperware-Boxen mitbringen. «So kann der unnötige Gebrauch von Plastik gleich auch vermieden werden», erklärt der Bereichsleiter Infrastruktur und Organisation. 

Obwohl in manchen Lokalen eine Auswahl getroffen werden kann, darf der App-Nutzer nicht wählerisch sein. Grundsätzlich wird er nämlich damit überrascht, was in die Tüte kommt. Ein Problem haben die Kunden damit aber nicht. Es sei viel mehr ein erfrischender Überraschungseffekt, der laut Delila Kurtovic, Medienverantwortliche von Too Good To Go Schweiz, zum Erlebnis  dazu gehört. «Es ist witzig, nicht genau zu wissen, was man kriegt, und für viele ist es eine spannende Abwechslung im Alltag.» Auch auf gute Qualität muss der Kunde nicht verzichten. Oberste Priorität sei, dass die Lebensmittel einwandfrei sind. Neben eben diesem Überraschungseffekt geht es eigentlich viel mehr darum, dass die Restaurants, Bäckereien oder auch Detailhändler nie genau wissen, was am Ende des Tages übrig bleibt. Einzig Vegetarier haben in der App die Möglichkeit, einen Filter auszuwählen, um eine Tüte ohne Fleischprodukte zu erhalten.

Mindesthaltbarkeit darf nicht überschritten werden
Dass es bislang keine Detailhändler oder Betriebe aus Liechtenstein gibt, die sich an dieser Art von Lösung gegen Food Waste beteiligen, liegt nicht etwa an einem gesetzlich vorgeschriebenen Verbot. Laut Wolfgang Burtscher, Abteilungsleiter Lebensmittelkontrolle und Verbraucherschutz des Amts für Lebensmittelkontrolle und Veterinärwesen, ist es für Lebensmitteleinzelhandelsbetriebe nämlich durchaus zulässig, eine solche App als zusätzliche Vermarktungsplattform zu gebrauchen und dort Angebote zu platzieren. «Aber nur so lange, wie die Produkte kurz vor Ende des Mindesthaltbarkeitsdatums sind und dieses nicht überschreiten. Ausserdem müssen die notwendigen Informationen zum Lebensmittel (Kennzeichnungsvorschriften) für die Konsumenten zugänglich sein», erklärt Burtscher. Wird das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten, ist die kommerzielle Abgabe solcher Lebensmittel verboten – auch wenn diese zu einem günstigeren Preis ausgeschrieben sind. 

«Wir möchten möglichst bald in allen Ländern aktiv werden. Daher würden wir es sehr begrüssen, wenn wir auch Partner in Liechtenstein finden», ergänzt Kurtovic. Auch in der Ostschweiz ist das Team bemüht, neben den beiden Partnern im Rheintal und einer Vielzahl an Betrieben in der Stadt St. Gallen neue Lokale für die App zu gewinnen. «Wir sind ein kleines Team und unsere Ressourcen sind beschränkt. Aber wir geben unser Bestes», zeigt sich Kurtovic motiviert. Wer Partner werden möchte, kann sich ganz einfach auf der Homepage der App registrieren. Wie auch die Nutzer, müssen die Betriebe und Detailhändler dafür kein Geld in die Hand nehmen. «Unser Konzept ist für alle eine Win-win-Situation und es lohnt sich, der App eine Chance zu geben», sagt Kurtovic. (jka)

Zum Thema

Das neunköpfige Team von Too Good To Go Schweiz hat Grosses vor. Sie wollen eine Food-Waste-Revolution anführen, um die Bevölkerung für das Thema zu sensibilisieren und die Wegwerfmentalität zu stoppen. Denn jeder Einzelne kann ohne grossen Aufwand die Verschwendung von Lebensmitteln vermeiden. mehr...
03. Mär 2019 / 00:00
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