• Scientists working in laboratory
    Die Forschung beschäftigt sich in verschiedenen Bereichen mit dem Einsatz von Stammzellen.  (101dalmatians)

Ersatz aus dem Körper?

Die Medizin setzt grosse Hoffnungen in die Stammzellen. Sie sollen für viele Krankheiten die Lösung sein. Bei Erkrankungen des Blutes kommen sie bereits zum Einsatz.

50 Millionen Zellen sterben bei einem erwachsenen Menschen jede Sekunde ab. Doch keine Sorge, für Nachschub ist gesorgt. Das übernehmen sogenannte Stammzellen. Diese bilden neue Haut, neues Muskelgewebe und blutbildende Zellen. Experten sehen in der Stammzellenforschung die Zukunft der Medizin. Geforscht wird in alle Richtungen: Krebs, Rückenmarksverletzungen, Parkinson und sogar Diabetes sollen die Stammzellen eines Tages vielleicht heilen können. Bisher ist die Behandlung mit Stammzellen bis auf wenige Ausnahmen auf experimentelle Studien beschränkt. Aber was macht diese Zellen überhaupt so besonders?

Stammzellen sind ganz spezielle Zellen, weil sie zwei besondere Merkmale haben: Sie können sich einerseits erneuern (Regeneration) und andererseits zu anderen Zellen weiterentwickeln (Differenzierung). Jeder Mensch entsteht aus sogenannten embryonalen Stammzellen, die sich in jede Form von Körperzelle entwickeln können: Haut-, Nerven-, Muskel- oder Blutzellen. Für Forscher sind Studien mit diesen embryonalen Stammzellen besonders interessant, da sie noch undifferenzierte Vorläuferzellen sind. Denn adulte Stammzellen können sich nicht mehr in verschiedene Gewebetypen verwandeln. Allerdings ist die Forschung mit embryonalen Stammzellen ethisch sehr umstritten, denn sie bedingt die Zerstörung eines Embryos in seiner frühesten Wachstumsphase (fünf Tage nach der Befruchtung). In der Schweiz ist die Forschung an humanen embryonalen Stammzellen nur aus sogenannten «überzähligen» Embryonen erlaubt. Also jenen Embryonen, die im Rahmen einer künstlichen Befruchtung entstehen, aber nicht verwendet werden können. 

Die Medizin setzt grosse Hoffnungen in die Stammzellen. Denn sie sollen es ermöglichen, abgestorbenes Gewebe zu erneuern. Vernarbtes nach einem Herzinfarkt könnte sich vernarbtes Gewebe regenerieren, durchtrennte Nervenzellen im Rückenmark könnten wieder zusammenwachsen oder degenerative Krankheiten (zum Beispiel Parkinson) im Gehirn könnten geheilt werden. 

Bereits erfolgreich angewendet

Ein Bereich, in dem die Behandlung mit Stammzellen seit über 40 Jahren zum Einsatz kommt, ist die Transplantation von Blutstammzellen bei Erkrankungen des Blutes beziehungsweise des Immunsystems, wie zum Beispiel bei Leukämie. Dabei werden einem Spender Blutstammzellen entnommen und dem Patienten transplantiert. Dafür gibt es zwei Methoden, wie Ruth Seidlitz von Blutspende SRK Graubünden erklärt: «Entweder werden dem Spender die Stammzellen direkt aus dem Knochenmark entnommen oder man holt sie direkt aus dem Blut.» Welche Methode angewendet wird, entscheidet der behandelnde Arzt individuell nach Situation des Patienten. «Heutzutage wird in den meisten Fällen die periphere Stammzelltransplantation angewendet. Knochenmarktransplantationen sind mittlerweile eher selten», erklärt die Medizinische Analytikerin. 

Bei der Entnahme von Knochenmark wird der Beckenknochen des Spenders punktiert. Das geschieht während einer Vollnarkose. Dabei wird je nach Gewicht des Patienten 0,5 bis 1,5 Liter Knochenmarkblut durch eine Punktionsnadel abgesaugt. Da das Verfahren recht aufwendig und für den Spender schmerzhaft ist, wird es nur mehr selten angewendet. 

Eine weniger invasive Methode

Die Gewinnung von Stammzellen aus dem Blut ist für den Spender angenehmer und technisch einfacher. Dabei werden die Stammzellen aus dem Blut des Spenders gefiltert. Da der Anteil der Stammzellen im Blut jedoch vergleichsweise gering ist, muss deren Zahl zuerst erhöht werden. Der Spende geht daher eine Vorbehandlung voraus, bei der dem Spender der Botenstoff G-CSF gespritzt wird. Dieser natürliche Wachstumsfaktor bewirkt, dass mehr Stammzellen vom Knochenmark ins Blut wandern. Um diese aus dem Blut zu filtern, benutzt man ein spezielles Verfahren, das Stammzellapherese genannt wird. «Man kann es mit einer Dialyse vergleichen: Dabei wird das Blut des Spenders aus einem Arm heraus durch einen Zellseparator geleitet und über den anderen Arm wieder zurück in den Körper geführt», erklärt Ruth Seidlitz den Ablauf der Spende. Die Spende wird ambulant durchgeführt und der Spender kann daraufhin gleich wieder nach Hause. 

Eine weitere Möglichkeit, Stammzellen zu gewinnen, ist die Entnahme von Nabelschnurblut direkt nach der Geburt. Diese noch sehr jungen Stammzellen sind noch besser für Transplantationen geeignet. Allerdings können aus einer Nabelschnur nur verhältnismässig wenige Stammzellen entnommen werden. Für eine Transplantation bei Kindern reicht die Menge meist aus, für Erwachsene Empfänger ist es jedoch oft zu wenig. 

So funktioniert die Heilung

Der Ablauf einer Stammzellentransplantation wird in drei Phasen gegliedert. In der Konditionierungsphase werden die Tumorzellen und das Knochenmark durch eine Chemotherapie oder eine Bestrahlung zerstört. Der Organismus wird auf die neuen Stammzellen «konditioniert». Das dauert zwischen zwei und zehn Tagen. In der Transplantationsphase werden die neuen Stammzellen transplantiert. Das geschieht über einen Venenzugang, ähnlich wie bei einer Bluttransfusion, und dauert etwa ein bis zwei Stunden. Dann folgt die Aplasiephase. Diese dauert etwa zehn Tage. In der Zeit bilden sich die neuen Blutzellen aus den transplantierten Stammzellen. In dieser Phase ist jede Infektion für den Empfänger 
lebensgefährlich, da es eine Weile dauert, bis das Knochenmark wieder selbstständig Leukozyten, also weisse Blutkörperchen, produziert. 

Fremdspender gesucht

«Für viele Betroffene mit einer bösartigen Blutkrankheit wie Leukämie ist die Stammzellentransplantation oft die einzige Chance auf Heilung», weiss Ruth Seidlitz. Damit eine Spende erfolgreich ist, müssen die Gewebemerkmale von Spender und Empfänger möglichst identisch sein. Die Chance, dass ein passender Spender in der Familie gefunden wird, liegt bei etwa 20 bis 30 Prozent. «In den meisten Fällen sind die Patienten also auf Fremdspenden angewiesen.» Je mehr Menschen sich also registrieren lassen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, einen passenden Spender zu finden. 

Wer sich als Knochenmark- beziehungsweise Stammzellenspender eintragen lassen möchte, kann dies bei allen regionalen Blutspendedienste in der Schweiz tun, wie zum Beispiel im Blutspendezentrum in Chur. «Man kann sich auch direkt online bei Blutspende SRK Schweiz registrieren», weiss die Medizinische Analytikerin. Spender kann jeder gesunde Erwachsene zwischen 18 und 55 Jahre werden. «An dieser Stelle möchten wir aber noch betonten, dass das ganze freiwillig ist. Selbst wenn man als Spender angefragt wird, heisst das nicht, dass man spenden muss. Wenn der potenzielle Spender doch Nein sagt, akzeptieren wir das», weist Ruth Seidlitz hin. Auch die Anonymität von Spender und Empfänger wird gewahrt. 
Die Bereitschaft zu spenden sei heutzutage höher als noch vor etwa zehn Jahren. «Dank Internet und 
sozialen Medien erhalten Betroffene mehr Aufmerksamkeit.» In der Schweiz haben sich bereits 116 652 Personen im Spendenregister eintragen lassen (Stand 2017). (sms)

 

14. Okt 2018 / 00:00
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