• friends clinking wine glasses at festive christmas table
    So macht man sich’s «hyggelig»: Mit Freunden und Familie, Kerzenschein, gutem Essen und Trinken.  (golero)

Das Glück der Dänen: So wird das Leben hyggelig

Bescheiden und langsam, eher rustikal als neu, eher einfach als schick, eher atmosphärisch als aufregend: Hygge bedeutet so viel wie «Gemütlichkeit» und ist die dänische Version eines langsamen, einfachen Lebens – zur Nachahmung empfohlen, denn die Dänen gelten nicht umsonst als glücklichstes Volk Europas.

Draussen klirrt die Kälte, drinnen knistert das Kaminfeuer. Die Füsse stecken in Kuschelsocken. In der Hand ein Rotwein oder dampfend heisse Schokolade. Auf dem Schoss ein gutes Buch – für den Moment vergessen, denn der Blick schweift gerade in die Ferne und die Seele wird nicht einfach baumeln gelassen, nein, sie räkelt sich ebenso wohlig wie die Beine unter der Wolldecke. Die Dänen haben für traumhaft entspannte Augenblicke wie diesen einen bestimmten Begriff, der sich samt Konzept zum Megatrend gemausert hat: Hygge (gesprochen Hügge).

Sie wissen, wie es sich gut lebt. Diverse Studien zeigen, dass die Dänen das glücklichste Volk Europas sind – und das, obwohl sie beispielsweise einen der höchsten Steuersätze haben. Dass das nicht nur an Smørrebrød (dänisch smør «Butter» und  brød «Brot») und Himbeermarmelade liegen kann, liegt auf der Hand. Auf der ganzen Welt haben kluge Köpfe versucht, herauszufinden, woran es liegt, mittlerweile gibt es Seminare an Universitäten und Bücher zu einem Lebensgefühl, das typisch dänisch ist – «hygge» eben.

Ursprung und Bedeutung

Im 16. Jahrhundert gab es im Norwegischen bereits das Wort hugga, von dem sich der Begriff Hygge ableiten soll. Es wird allerdings spekuliert, dass Hygge auch aus dem «hugge» entsprungen sein könnte. «Hugge» oder «hug» bedeutet nicht weniger als umarmen und passt damit in die Bedeutungsreihe von Trösten, Gemütlichkeit und Geborgenheit. In Dänemark trat die Bezeichnung im 18. Jahrhundert auf und beschrieb nicht nur die Gemütlichkeit. 

Mittlerweile wird das Wort Hygge sowohl in Dänemark als auch Norwegen genutzt und ist mehr als eine entspannte Stunde nach dem Feierabend, sondern eher eine Art Überlebensstrategie, die fest in den Wertvorstellungen und der Lebensart in den skandinavischen Ländern verankert ist. Das Gute an Hygge ist, dass es sich in alle Kontexte integrieren lässt. Die Dänen schaffen es, die Hygge-Stimmung auf alle Alltäglichkeiten zu übertragen – während eines Urlaubs in Dänemark wird einem das auffallen.

Was ist Hygge?

Es ist Wollsocken vor dem knisternden offenen Feuer in der Holzhütte am Strand. Es ist warmes backfrisches Smörrebröd mit Himbeermarmelade und Marzipankuchen, ausgepackt in den Dünen Dänemarks. Hygge ist ein Kernbestandteil der dänischen Tradition, eine gemütliche, herzliche Atmosphäre, in der man das Gute des Lebens mit netten Leuten zusammen geniesst. Das warme Licht der Kerzen ist «hyggelig». Freunde und Familie gehören auch zur Hygge. Und nicht zu vergessen das Essen und Trinken – das heisst für Dänen am liebsten mehrere Stunden am Tisch zu sitzen und sich gemeinsam mit den grösseren und kleineren Dingen des Lebens auseinanderzusetzen.

Mit Hygge liegt der Fokus auf mehr als nur Gemütlichkeit. Der Begriff umfasst auch Zufrie-
denheit, Geselligkeit, Respekt vor anderen, Besinnen auf Glücksmomente, Träumen, Genuss, Verwöhnen und Self Care – also das Kümmern um sich selbst oder auch Selbstfürsorge. Von diesen bewussten «Luxus»-Zeiten profitiert die Willenskraft und die Stressbelastung sinkt. Das schafft wiederum Raum für effizienteres Arbeiten und kann dazu befähigen, auch mal unabhängig von den Rahmenbedingungen auf das Positive zu achten oder es gezielt zu planen. Durchaus eine nützliche Fähigkeit im grauen Alltag.

Begegnungen auf Augenhöhe

Die Hygge zieht offensichtlich weite Kreise, wird doch die Liste der Organization of Cooperation and Development (OECD) hinsichtlich der Work-Life-Balance regelmässig von Dänemark angeführt. Diese Balance ist gesund und tatsächlich recht ausgeglichen. Mit Energie in den Tag starten, Zeit für Kreativität, Ruhe für angeregten Austausch und zum Nachdenken für vernünftige Entscheidungen – wer wirklich effizient sein will, darf nicht zum Sklaven der Uhr werden. Eine neue Erkenntnis ist das nicht, dennoch wird gestresst von Termin zu Termin gehetzt. Die Dänen haben den Dreh hier allem Anschein nach raus.
Hinzu kommen flache Hierarchien, gegenseitiges Vertrauen und «Janteloven». Diese typisch skandinavische Eigenschaft bedeutet im Prinzip nichts anderes, als sich selbst nicht wichtiger als andere zu nehmen. Dadurch ergeben sich wiederum mehrere positive Faktoren:  Die Bevölkerung ist vergleichsweise homogen, Begegnungen geschehen von vornherein auf Augenhöhe. Ideen anderer werden ernst genommen – das begünstigt Innovation, Zusammenarbeit und Effizienz. Anstatt sich über Konkurrenz und Hierarchien Gedanken zu machen oder sich über den Chef zu ärgern, weil dieser sich auf Biegen und Brechen und gegen jede Vernunft durchsetzen will, arbeiten die Dänen verbundener. Und kommen damit einfacher schneller weiter. Zudem haben viele Dänen bereits um 17 Uhr Feierabend, einige Eltern sogar schon um 16 Uhr. Geschafft wird trotzdem so einiges.

Gemütlich, eben hyggelig, ist auch die Tatsache, dass man sich in Dänemark duzt – vom Strassenkehrer bis zum Manager. Der Worst-Case für das erste Gespräch mit einem potenziellen dänischen Geschäftspartner sieht ungefähr so aus: Sie fahren im neuen Mercedes vor, tragen Anzug und Krawatte, reagieren auf das freundliche «Du» des Dänen mit einem förmlichen «Sie» und verlangen, dass sofort die Tagesordnung abgearbeitet wird. Ohne dass eine einzige Zahl, ein einziges gemeinsames Ziel zur Sprache kam, wäre schon an diesem Punkt die Geschäftsbeziehung gefährdet.

Hygge lernen – das geht!

Hygge geht ganz unabhängig vom Wetter und das ganze Jahr über. Tatsächlich ist es einer der Kernpunkte, sich vom Wetter nicht beeinflussen zu lassen. Am leichtesten geht das, wenn man sich seine persönliche Wohlfühloase einrichtet, die eigenen vier Wände also hyggelig werden lässt. Wollpullover anziehen, Musik einschalten und ein Buch in die Hand nehmen – und dafür das Handy ausschalten. Es mag einfach klingen, aber für viele ist vor allem der letzte Punkt eine wahre Herausforderung. Ausserdem ist die To-do-Liste noch längst nicht abgearbeitet und jetzt soll man trotzdem die Füsse hochlegen? Ja, soll man. Auch wenn es schwerfällt und vielleicht etwas Gewöhnung erfordert. 

Wer denkt, dass ihn hyggelige Momente langweilen und schon aus reiner Gewohnheit alle fünf Minuten einen Blick auf das Smartphone wirft, kann klein anfangen und das dänische Lebensgefühl erst einmal für eine halbe Stunde ausprobieren. Bequem anziehen und hinsetzen, eine Kerze anzünden, einen Kaffee trinken und vielleicht in einem Buch oder Magazin schmökern – und dabei natürlich nicht telefonisch erreichbar sein. Das schafft jeder mit ein wenig Übung. Wem das gut gelingt, kann die hyggelige Auszeit verlängern und variieren. Die kommende kalte Jahreszeit ist genau richtig, um mit dem Üben anzufangen. (ge)

11. Nov 2018 / 00:00
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