•  (Daniel Schwendener)

"Wenn ich am Start stehe, fühle ich nichts"

Sie liebt die Geschwindigkeit auf Skiern. Warum kann sich Veronika Ackermann dem Drang, schnell zu fahren, nicht entziehen? Ganz einfach: Das Leben ist kurz.

Der Himmel ist blau, als sich Veronika Ackermann das erste Mal an den Start eines Speed-Race-Rennens stellt. Das Thermometer zeigt ein paar Grad unter null. Mehrere Male hat sie sich um einen Startplatz am «Weissen Ring» in Lech beworben. Im Jahr 2017 war es so weit. Mit 14 weiteren Skifahrerinnen steht sie im Pulk an der Startlinie und lauscht gespannt in die Stille. Das Ziel ist noch weit weg. Dann wird der Lauf freigegeben und sie ist mittendrin – im Rennen. Sie stürzt sich mit ihren Skiern in einer Hocke-Position den Steilhang hinunter, wie aus der Pistole geschossen. Beim ersten Speed-race in Zürs rast sie mit 118 Stundenkilometern ins Ziel. «Dass ich schnell Ski fahren kann, wusste ich schon als Teenager», sagt sie. Batsch, bumm, peng. Veronika hat Blut geleckt und steht sofort in Liechtenstein und der Schweiz wieder auf den Skiern. «Im Winter 2017/2018 lud mich die Fédération Suisse de Ski de Vitesse ins französische Jura ein, um mich vorzustellen und ein Rennen zu fahren», erzählt Veronika. Nach dem ersten Rennen gab es ein Schulterklopfen und ein herzliches Willkommen. Im April absolvierte sie ihren ersten offiziellen Auftritt am «FIS Speed Skiing World Cup Finale» in Andorra. Zum ersten Mal konnte sie auf einer professionellen Strecke die Skier laufen lassen.
 
Nur im Hier und im Jetzt
Veronika, die kreative Handwerkerin, Hobbyfotografin und Bergliebhaberin erreicht an diesem Tag im April ihren persönlichen Rekord und donnert mit 162 Km/h über die präparierte Piste auf den vierten Rang. Es gibt viele Emotionen beim Speedskiing. «Das Gefühl etwa, dass ich mich jetzt in den Berg fallenlasse und alles loslasse. Das ist wunderbar.» Noch nie hat sie sich so frei gefühlt. Was ihr eigentlich bei 162 Stundenkilometern durch den Kopf geht? Nichts. «Das Stärkste ist jener Moment, wenn ich mich ohne Gedanken, ohne eine Emotion wie in einem luftleeren Raum befinde vor dem Start. Ich und meine Skier, nur wir zwei, im Hier und Jetzt», erzählt Veronika und ihr Blick schweift in die Ferne. Gerade so, also wünschte sie sich in diesem Moment auf die Piste. Stille. Und dann lacht sie laut auf. «Ich bin ein Wirbelwind.» Eine Macherin, die ein «Nein, das kannst du nicht» nicht gelten lässt. Denn als sie anfangs nach Unterstützung sucht, erfährt sie Widerstand und wird sogar ausgebremst. «Manche gaben mir zu verstehen, dass ich zu alt und zu übergewichtig bin.» Dieses Jahr wird sie 40 Jahre alt. Ihre Konkurrentinnen sind in der Regel bis zu 20 Jahre jünger, was sie überhaupt nicht stört, da jeder Sportler hart dafür arbeitet und sein Bestes gibt, egal wie alt er ist. 

Humor als Allzweckwaffe
Wo immer Veronika hingeht, ihre gute Laune ist dabei. Schwierige Situationen hat sie schon immer mit Humor gemeistert und auch diese schwierige Situation nimmt sie mit einem Lächeln. «Niemand sagt mir, dass ich etwas nicht kann», sagt die temperamentvolle Rebellin. «Zumindest im Sport. Im Berufsleben bin ich ganz zahm», lacht sie. Die gelernte medizinische Praxisassistentin arbeitet in einer Praxis in Sargans und übernimmt dort die Diagnostik – zum Beispiel bei Epilepsie-Patienten mittels EEG. Einige Jahre zuvor war sie in der Pflege- und Palliativmedizin tätig. Diese Zeit hat sie im Leben geprägt wie nichts anderes. «Es hat mich gelehrt, dass man das machen muss im Leben, was einen glücklich macht», erzählt Veronika. Ohne etwas darauf zu geben, was andere denken. Das Leben sei kurz. In dieser Zeit hat sie auch erfahren, dass am Ende weder Haus, Geld noch ein teures Auto zählen. Sondern es waren oft die kleinen Momente, an die Sterbende glückerfüllt und mit einem Lächeln zurückdachten. 

Diese Menschen sind für sie Vorbilder. Und Leute, die sich von nichts ausbremsen lassen. So wie ein Speed-Skifahrer namens Rauli aus den USA, der mit Jahrgang 1946 noch immer aktiv fährt. Einfach, weil es ihn glücklich macht und «das Kribbeln jetzt da runter zu wollen,  auch immer noch spürt». Sie selbst hat schon oft gehört: «Das ist zu gefährlich!» Schon ein paar Mal wurde sie gefragt, ob sie verrückt sei. Dabei fühlt sie sich auf der circa 20 Meter breiten Piste sogar wohl und sicher. «Doch die kleinste falsche Bewegung, Unsicherheit oder Materialprobleme können zum Sturz führen.» Schlussendlich sei es aber die mentale Stärke, die eine grosse Komponente beim Speedski sei. 

Und obwohl Veronika den Adrenalin-Kick beim Rennen liebt, ist sie nicht nur im Berufsleben zahm. Sie fährt Motorrad, aber kein schnelles Racebike, sondern einen gemütlichen Chopper. Erst ein oder zwei Mal im Leben hat sie einen Strafzettel bekommen. 

Am Wandern fasziniert sie die Geologie, die Blumen, die Tiere, die Wege und die Aus- und Weitsichten. Dieses Jahr will sie zum ersten Mal den Grauspitz bezwingen. Ein bis zwei Mal im Jahr geht sie auf den Falknis. Er hat für sie eine grosse Symbolkraft, weil es ein Grenzberg der Schweiz und Liechtenstein ist. Oben auf dem Berggipfel kann sie – wie auf der Rennpiste – frei sein. «Jede noch so grosse Sorge im Tal sieht von da oben einfach nur winzig klein aus und fühlt sich auf einmal unwichtig an», erzählt sie. 

Dabei hatte sie im Leben bereits mehrere Tiefpunkte erreicht, die für sie persönlich sehr schwierig waren. Sie will das nicht unerwähnt lassen, um anderen Mut zu machen. «Egal wie schwierig und aussichtlos eine Situation scheint, man kann sich mit Hartnäckigkeit zurückkämpfen», sagt sie. Batsch, bumm, peng. Und genau das hat sie mehrere Male getan. Dieses Jahr stehen zwei grosse FIS-Rennen auf ihrem Programm und kleinere Rennen. Sie will mindestens einmal einen Podestplatz ergattern. Dafür trainiert sie hart. Zweimal die Woche Krafttraining ist Pflicht. Weil es ein recht teures Hobby ist, wäre es ohne Sponsoren gar nicht erst möglich. «Allerdings ist es schwierig, solche zu finden, weil die Randsportart recht unbekannt ist.» Doch sie denkt positiv und freut sich schon auf den nächsten Lauf, den nächsten Kraftakt. An das Gefühl kurz vor dem Start, wenn sie der Stille in sich lauscht. (dal)

 

13. Jan 2019 / 00:00
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