•  (Daniel Schwendener)

"Wenn die Gelegenheit kommt, packe ich sie"

Die Leidenschaft für das Schreiben steckte schon immer in Alice Gabathuler. Ein Online-Schreib­forum gab ihr den nötigen Anlass, einen Roman zu verfassen. Heute ist sie Autorin und Verlegerin.

Als Teenager stellte sich Alice Gabathuler jeweils vor, wie sie in einem Haus auf einer Klippe in Irland ihr Buch schreibt. Tatsächlich entstanden ihre Romane hauptsächlich zwischen Haushalt, Kindern, Beruf, in der Nacht und an den Wochenenden. Trotzdem erfüllte sie sich ihre Vorstellung: «Als ich auf der Klippe mein Buch schrieb, fühlte ich mich wieder wie 17 Jahre alt», schwärmt die Werdenbergerin. In ihr steckt zwar kein Tropfen britisches Blut und doch ist sie es in ihrem Herzen. «Meine ersten Ferien verbrachte ich in England, das hat mich geprägt», lacht sie. Zudem gefalle ihr der dortige Lebensstil und der schwarze, britische Humor. Als 39-Jährige entdeckte sie das Internet für sich und stiess auf ein Schreibforum. Dies war der Beginn ihres Werdegangs zur Autorin. Alice Gabathuler inte­ressiert sich in erster Linie für die er­fundenen Personen in ihren Ge­schichten und könnte ein ganzes Buch alleine mit deren Umschreibung füllen. 

Das Leben ist wie ein Fluss
Ihr erstes Buch handelte von einem 16-jährigen Jugendlichen, der sein noch junges Leben bereits verdorben hat. «Ich habe mich dabei selbst gefragt, was macht so einer? Wie es ausgeht, wusste ich zu Beginn nicht, und so habe ich immer wieder ins Leere geschrieben, da am Ende nichts aufging», erzählt sie. Damals hatte sie noch keinen Verlag, der sie mit einer Zeitlimite unter Druck setzte. «Heute plane ich, habe meine Figuren, bewege mich in einem Thema und folge einem roten Faden.» Jedoch geschehen in ihren Büchern plötzlich wieder unvorhergesehene Dinge. Wenn sie alles komplett durchplanen würde, wäre ihr das Schreiben zu langweilig. Die 57-Jährige plant nicht gerne, sie lebe im Jetzt. «Wenn ich mit jungen Menschen spreche, erhalte ich den Eindruck, dass alles sofort geschehen muss.» Für sie ist das Leben wie ein Fluss und manchmal kommt ein Jeep vorbei, auf den man aufspringen kann. «Ich packe die Gelegenheiten, wenn sie kommen. Ich habe nicht geplant, Autorin zu werden.» 

Mit ihren Jugendromanen, die teilweise in der Region spielen, befindet sich Alice Gabathuler in einer Nische der Bücherbranche. «Die Figuren sind Aussenseiter und passen nicht in die Gesellschaft. Es befindet sich weder ein Schönling noch eine Figur darin, in die man sich verlieben könnte», erläutert sie. Folglich gestaltete sich für die Autorin damals auch die Suche nach einem Verlag als schwierig. Schliesslich folgte sie dem Rat, einen Agenten zu engagieren, der ihr erstes Buch umkrempelte und für sie einen Verlag fand.

Auf das Herz hören
Weil die Branche sehr hart ist, spielte Alice Gabathuler vor zwei Jahren mit dem Gedanken, ihre Schreibfeder niederzulegen. Denn die Bedingungen der Verlage seien für die Autoren nicht fair. «Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass ich für den Rest meines Lebens schreiben möchte.» Ihr Verstand hätte sie damals davon abgehalten, sich vom Verlag zu trennen. «Mein Herz dagegen sagte: Warum tust du das?» Irgendwann war es genug und sie hörte auf ihr Herz. «Grundsätzlich bin ich ein Mensch, der seine Entscheidungen mit dem Herzen oder aus dem Bauch heraus trifft», erzählt Alice Gabathuler. Trotzdem spiele der Verstand dabei auch eine Rolle. «Entscheidungen, die zwar mit dem Kopf, aber nicht mit dem Herzen übereinstimmten, nahmen meist kein gutes Ende.»

Die Autoren ernst nehmen
Nun benötigt die Autorin keinen Verlag mehr, denn sie nimmt es selbst in die Hand. «Wir führen zu dritt einen Verlag in Buchs – alles Autoren – und bilden einen Gegenpol zur Branche.» Denn ihrer Ansicht nach können so Verträge entstehen, die für beide Seiten (Verleger und Autor) stimmig seien und der Autor das Gefühl erhalte, ernst genommen zu werden. Schliesslich stecke hinter einem Roman – so bei ihr der Fall – etwa ein Jahr Arbeit dahinter. «Dem damaligen Verlag war es total egal, was mit meinem Buch geschah. Im Katalog befand es sich auf der hintersten Seite und keinerlei Werbung wurde dafür gemacht. Wirklich Geld verdient man eigentlich nur mit Mainstream – und das wird gefördert und verkauft sich gut. Alle anderen befinden sich an hinterster Stelle, vielleicht gewinnt man noch einen Preis für das Ego», beschreibt sie die Branche.

In Jugendliche hineinversetzen 
«Auch wenn wir es selbst in die Hand nehmen, wir verdienen damit nicht mehr Geld, aber die Bedingungen sind angenehmer und alle Autoren werden gleichwertig behandelt.» Nun schreibt sie wieder unbeschwerter. «Ich wage mich an etwas Neues und schreibe einen Roman für Erwachsene», so Alice Gabathuler, denn Jugendromane zu verfassen, sei ihrer Ansicht nach etwas Spezielles. «Die Gefühle, welche die Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren empfinden, sind sehr intensiv. Der erste Liebeskummer beispielsweise bringt sie fast um und wenn sie auf die Nase fallen, überkommt sie das Gefühl, nie mehr auf die Beine zu kommen», beschreibt sie. Auch seien Jugendliche lebensfroher und gehen unbeschwerter durchs Leben als Erwachsene. «Nebst der extremen Gefühlswelt kommt für die Jugendlichen noch die körperliche Veränderung hinzu, mit der sie sich herumschlagen. Das bietet ordentlich Stoff für meine Romane.» Da sie sich so gut in die Teenager hineinversetzen kann, gelingt es ihr, während des Schreibens aus dem Vollen zu schöpfen. 

Für Alice Gabathuler hängt das Schreiben eng mit dem Gärtnern, das sie auch gerne tut, zusammen. «Du kannst eine Pflanze setzen und sie düngen – sogar überdüngen. Dann stirbt sie. Wenn sie zu langsam wächst und du versuchst, an ihr zu ziehen, dann stirbt sie auch. Meine Bücher wachsen wie Pflanzen im Garten und brauchen ihre Zeit.» (ms)

 

09. Dez 2018 / 00:00
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