•  (Daniel Schwendener)

Das, was ich tue, muss mit meinen Werten übereinstimmen

Die Berufung von Adrian Hirt gilt der Lebensmittelbranche. In Kanada lernte er die traditionelle Aufzucht von Rindern kennen und in Jamaica arbeitete er in einer Metzgerei.

Aufgewachsen in Tschiertschen, einem kleinen 250-Seelen-Dorf 1350 Meter über Meer, kam Adrian Hirt früh in Kontakt mit der traditionellen Verarbeitung von Bündnerfleisch. Und zwar so, wie es noch zu Zeiten seines Urgrossvaters hergestellt wurde: er trocknete das Fleisch, verwendete Salz, Gewürze (die er gerade zur Verfügung hatte) und Rotwein, um es haltbar zu machen. Das proteinhaltige Fleisch verlieh den Bauern die Energie, die sie für die schwere Feldarbeit benötigten. «Mein Urgrossvater bewirtschaftete die Felder noch mit seinen Tieren, die zusätzlich Milch gaben, und wenn ihre Zeit im Alter zwischen 15 und 20 Jahren gekommen ist, wurde ihr Fleisch verarbeitet», erzählt der Bündner an einem sommerlichen Nachmittag im Garten seiner gemieteten Wohnung in Triesen Oberdorf. Dort wohnt er derzeit mit seiner Frau Sabrina und Sohn Arthur. Der aufgeschlossene Mann erinnert sich während seinen Ausführungen daran, wie er als Kind einst seinem Gross­vater bei der Verarbeitung des Bindenfleisches zur Hand ging. 

Der heute 36-Jährige absolvierte eine Lehre als Chemielaborant, worauf es ihn für eine kurze Zeit in die Pharmabranche verschlug, in der er aber nicht wirklich glücklich wurde. Denn Adrian Hirt ist ein Mensch, der vieles hinterfragt und selten etwas einfach als gegeben hinnimmt. Das hat ihn auch dorthin geführt, wo er heute ist. Was er tut, muss mit seinen Werten übereinstimmen. Seine Berufung fand er schliesslich im Studium zum Lebensmitteltechnologen. Er spezialisierte sich danach auf Fleisch und arbeitete in verschiedenen Stationen. Das veranlasste ihn dazu, sich intensiv mit der Ernährung auseinanderzusetzen. «Ich realisierte zunehmend, dass laufend mehr Geld für Medikamente aus­gegeben wird und weniger für Lebensmittel», schildert er seine Beobachtungen. «Das, was wir essen, hält unser Körpersystem aufrecht. Durch die falsche Ernährung entstehen Krankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck, Überfettung der Leber und vieles mehr.» Der raffinierte und oft hinzugefügte Zucker sei so gut wie überall enthalten und nichts anderes als ein Suchtmittel, das die Menschen krank mache – genau wie Geschmacksverstärker und andere chemische Stoffe in den Lebensmitteln. Auch das Bündnerfleisch gab es bis 2014 nicht mehr in der Form, wie der Naturbursche es als Kind kennen lernte. Das brachte ihn zum Nachdenken.

In einer komplett anderen Welt
Seine wohl wichtigste Lebensschule durchlebte der Wahl-Triesner im Ausland. In Kanada verrichtete er Farmarbeiten hoch zu Ross und lernte auf traditionelle Art und Weise die Aufzucht von Rindern kennen. Er wollte etwas von der Welt sehen, sein Englisch verbessern und sich im Bereich Fleisch weiterbilden. «In 1,5 Jahren habe ich drei verschiedene Leben gelebt», lacht er. Zudem wollte er die Lebensweise der Menschen kennen lernen und ein Teil der Gesellschaft sein. Seine Augen leuchten vor Begeisterung, während er seine Abenteuer schildert.

Nach seinem Aufenthalt in Kanada reiste er weiter nach Jamaika. Ein Schweizer führte dort eine Metzgerei namens «Arosa». Der damals 27-Jährige fand sich in einer komplett anderen Welt wieder. Die Arbeitsbedingungen und der Umgang mit den Angestellten waren katastrophal. Adrian Hirt war noch nie zuvor in einem Drittweltland. «Auf der Insel ist die Kriminalität wie auch die Arbeitslosigkeit sehr hoch und mir war auch nicht immer zu 100 Prozent wohl», gesteht er. Aber der abenteuerlustige Bündner lernte einige Einheimische kennen, mit denen er sicher unterwegs war. Zudem kann er sich rasch anpassen und gut in eine neue Situation hineinfühlen. Er lernte sogar etwas ­Jamaican-English.

Zurück in der Schweiz erlebte er einen weiteren Kulturschock. Es fiel ihm anfangs schwer, sich wieder zurechtzufinden. «Die Probleme, die wir hier haben, schienen für mich auf einmal so banal und auch die Oberflächlichkeit machte mir anfangs sehr zu schaffen.» Und das obwohl er grundsätzlich ein positiv eingestellter Mensch ist.

Geduld und langer Atem
Weiter wurde dem Abenteurer bewusst, dass das Leben zu kurz sei, um einen Beruf auszuführen, der ihm keinen Spass macht. Also gründete er 2014 seine Firma Alpenhirt, die Bündner Trockenfleisch wie sein Urgrossvater herstellt. «Primär geht es mir um gesunde und nachhaltige Ernährung. Mit Fleisch fing ich an, weil ich dieses Metier seit meiner Kindheit kenne.» Der Gründer hatte durch seine Auslandserfahrung eine höhere Affinität für das Risiko entwickelt und war sehr optimistisch gestimmt. «Da bin ich ordentlich auf die Schnauze gefallen. Heute weiss ich, dass man sich Nachhaltigkeit leisten können muss», gesteht er. Adrian Hirt brauchte viel Geduld und einen langen Atem, bis er erstmals Geld mit seiner Firma verdiente. Um sich zusätzlich ein Einkommen zu sichern, ist der Geschäftsmann auch als Ernährungscoach, da er sich seit Jahren intensiv mit dem Thema auseinandersetzt, für Unternehmer und Führungskräfte tätig. Er sprüht nur so vor Energie und redet offen und ausführlich über seinen Werdegang.

Früher ein Chaot, ist der heutige Familienvater fokussierter unterwegs. Er hat aus seinen Erfahrungen gelernt, möchte sie aber auf keinen Fall missen. Schliesslich haben sie ihn dahin geführt, wo er heute ist. Und er scheint zufrieden und im Einklang mit sich selbst zu sein. Dazu hat wohl auch seine junge Familie beigetragen.

Fixe Familienzeit
Nach dem zerstörerischen Brand seines Geschäftes in Tschiertschen im April 2019 steht der Laden nun in einem anderen Gebäude wieder und sein Büro befindet sich seither in Balzers. So ist der Vater näher bei seiner jungen Familie und kann so viel Zeit wie möglich mit ihr verbringen. Für seinen Sohn Arthur möchte er da sein und hat seine fixen Zeiten, die er mit ihm verbringt – morgens, mittags sowie abends. (ms) 

08. Aug 2020 / 21:57
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