•  (Elma Korac)

Damals fehlte es mir an Lebenserfahrung

Jessica Matzig ist Psychologin und Schauspielerin. Ein Schicksalsschlag zeigte ihr, dass es sich lohnt, seinen Träumen zu folgen.

An beiden Händen trug sie zwei grosse Taschen voll Bücher. So lief Jessica Matzig als Kind mindestens einmal pro Monat aus der Landesbibliothek. Lesen –  das tat sie als selbst ernannter Bücherwurm schon immer gerne. «Ich war schon als Kind überzeugt, irgendwann selbst Schriftstellerin zu werden», sagt die Buchserin. In der dritten Klasse spielte sie zum ersten Mal beim Weihnachtsspiel der Schule mit. Mit ihrer ganz eigenen Darbietung des Weinachtsengels brachte sie die Lehrerin zum Lachen, bis ihr die Tränen kamen. «Da erkannte ich, dass man Geschichten nicht nur schreiben, sondern auch mit Stimme und Gestik spannend erzählen kann», sagt sie strahlend.

Diese Erkenntnis sollte sie auch weiter begleiten: Vom ersten richtigen Theaterstück in der sechsten Klasse ging es in der Oberstufe – nachdem sie ihre Eltern überredet hatte – weiter zum Jungen Theater Liechtenstein. Begleitet wurde sie von einem Schulkollegen. «Wir waren junge, pickelige Teenager und wollten uns ausdrücken», sagt sie lachend.

Es kam von selbst ins Rollen
Der besagte Schulkollege, Peter Beck,  wurde zum Theaterkameraden und schlussendlich zum besten Freund. Und er spielte eine Schlüsselrolle auf ihrem weiteren Weg zur Schauspielerei: «Eines Tages rief mich Peter an und sagte: ‹Jessy, wir brauchen noch eine junge Frau fürs Stück Hysterikon. Komm doch vorsprechen.› Und das tat ich dann auch», erklärt sie. Als sie mit dem Stück «Hysterikon» des Theaters Karussell auf der Bühne stand, sei alles plötzlich wie von Zauberhand ins Rollen geraten. Das Vorarlberger Volkstheater, wo sie während ihrer Zeit am Gymnasium ihr erstes Geld verdiente, engagierte sie. «Von da an spielte ich immer wieder in Stücken, die immer professioneller wurden», erklärt sie. Nach der abgeschlossenen Matura musste sie sich dann für ein Studium entscheiden. Die Wahl zwischen einem Schauspielstudium und einem Psychologiestudium fiel ihr keineswegs leicht. Sie fragte sich: «Soll ich Schauspiel studieren, obwohl ich bereits jetzt mit Profis auf der Bühne stehe?» Für ein Schauspielstudium habe sie sich noch zu wenig reif gefühlt. «Mir fehlte die Lebenserfahrung. Irgendwie war ich noch ein Kind. Neben den selbstbewussten Städtern wäre ich als schüchternes Landei untergegangen.»

Sie entschied sich für ein Studium in Psychologie, Erziehungswissenschaft und Gymnasialpädagogik. «Es hat mich schon immer interessiert, wie der Mensch funktioniert, wie er denkt, fühlt und agiert. Mich in andere Menschen einzufühlen liegt mir.» Eine Eigenschaft, die ihr auch als Schauspielerin zugute kommt. Während ihrer Studienzeit führte sie ein Doppelleben: «Ich pendelte jeweils von Zürich nach Götzis. Am Tag war ich in der Uni, am Abend auf der Bühne zum Proben.» 

Einmal ein dänischer Prinz sein
Bei 21 Theaterstücken wirkte Jessica Matzig bereits mit. Sie verkörperte zum Beispiel das Gretchen in «Faust I.» in der Inszenierung des Theaters Karussell. Besonders in Erinnerung geblieben sei ihr auch «Das Fest». Das Stück handelt von einer Familienfeier, bei der die Tischrede des Sohnes vom sexuellen Missbrauch des Vaters handelt. «Als Bühne diente der Bankettsaal des ehemaligen Hotels Schlössle in Vaduz. Diese festliche Umgebung und die Nähe zum Publikum waren unglaublich eindrücklich», erzählt sie. Gerade kürzlich spielte sie im «Schlösslekeller» die Denise Savage im Stück «Savage in Limbo – Fägfüür». Aber auch auf der Kinoleinwand war sie bereits zu sehen: Im Schweizer Film «Himmelfahrtskommando» oder im Historienfilm «Vom Bauer zum Banker». Für diverse Firmen stand sie für Werbespots vor der Kamera. «Das ist für mich nochmals ein ganz anders Gefühl, als auf einer Bühne zu stehen.»


An Tatendrang und Träumen fehlt es Jessica Matzig keineswegs: Irgendwann selbst Theaterregie zu führen, kann sie sich gut vorstellen. Und irgendwann will sie die Rolle des Hamlets von Shakespeares Meisterwerk verkörpern: «Ich weiss auch nicht, wieso das meine Wunschrolle ist. Vielleicht möchte ich mich einmal wie ein dänischer Prinz fühlen», sagt sie und lacht. 

Der Drang, sich auszudrücken
Wer mit Jessica Matzig spricht, der merkt sehr schnell, dass sie für die Schauspielerei brennt. Und doch rechnete sie damit, dass sie nach ihrem Masterabschluss ihre Schauspielkarriere an den Nägel hängen würde. Eine Karriere als Psychologin sollte Regelmässigkeit in ihr Leben bringen. «Ich dachte, der Drang, sich auszudrücken und in andere Rollen schlüpfen zu wollen, verflüchtige sich nach meinem Abschluss. Doch das tat er nicht.» Diesem Drang gab sie nach – und schrieb sich für eine Schauspielschule in London ein. Impuls dafür gab ein schwerer Schicksalsschlag: «Mein Vater verstarb recht plötzlich, als ich gerade an meinem Kinodebüt arbeitete.» Das habe ihr gezeigt, wie schnell das Leben vorbei sein kann und dass man im Jetzt leben sollte: «Ich habe gelernt, dass es sich lohnt, das Pflänzchen in mir, meine Leidenschaft, wachsen zu lassen und das zu tun, wofür mein Herz schlägt.»

Für ihren Traum nimmt Jessica Matzig einiges in Kauf: Die Schule und die Lebenskosten in London, die vergleichbar mit denen in Zürich sind,  finanziert sie mit einem Nanny-Job bei einer millionenschweren Jetset-Familie: «Ich arbeite für einen Stundenlohn von umgerechnet 12 Franken. Und werde dabei – gelinde gesagt – nicht sonderlich höflich behandelt.» Ihr Umfeld, die Schweizer Sauberkeit, den Käse und die Natur vermisst sie. Doch das ist es ihr wert: «Ende Dezember schliesse ich die Schauspielschule ab und hoffe auf ein Engagement.» Ob in London, in der Schweiz oder sonst wo, sei ihr egal.

Bisher habe sie in ihrer Schauspielkarriere viel Glück gehabt. Daran sind die regionalen Theaterinstitutionen nicht ganz unschuldig: «Ohne die Liechtensteiner Kulturszene wäre ich nicht da, wo ich heute bin.» Nun hofft sie, weiter auf dieser Glückswelle reiten zu können. Derweil baut sie sich ein weiteres Standbein auf: «Nebst Regie zu führen ist es auch mein Wunsch, Schauspiel-Coachings zu geben.» 

Kürzlich hat Matzig beim «Movie-Camp» in Basel mitgeholfen. Während einer Woche lernen Kinder zu filmen, zu schneiden und zu schauspielern. Wie sich die Kinder in der kurzen Zeit entwickeln, fasziniere sie. «Kinder haben häufig noch keine Hemmungen und zeigen sich einfach, wie sie sind.» Erwachsene würden sich häufig verstellen. «Erst wenn du deine Masken aus dem Alltag Stück für Stück abgelegt hast, kannst du dich als Schauspieler wirklich in eine andere Rolle versetzen.» (rar)

15. Apr 2018 / 00:00
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