•  (Daniel Schwendener)

«An einem Ort zu leben, an dem man keine Geschichte hat – das ist schwierig»

Seit 33 Jahren lebt Vicki Gabathuler in der Schweiz. Nicht immer lassen sich Schweizer Bünzlitum und amerikanisches Temperament vereinen. Fettnäpfchen weiss die Wahlschweizerin mit viel Humor zu meistern.

Vicki Gabathuler befindet sich irgendwo dazwischen, wie sie sagt. Irgendwo zwischen den USA und der Schweiz, zwischen ihrer Heimat und ihrem Zuhause. Und irgendwo zwischen der «Südstaaten-Belle», die sich ihre Mutter wünschte, und dem Jungen, den sich ihr Vater erträumte. «Diese Insel besuche ich häufig», sagt sie und lacht. Geboren und aufgewachsen ist die humorvolle Frau in Memphis, im US-Bundesstaat Tennessee. «Ich habe direkt am Elvis Presley Boulevard gewohnt», erzählt sie. Den legendären Musiker selbst habe sie jedoch nicht persönlich gekannt. Ausserdem habe sie sich mehr für Football als für Musik interessiert. «Als Kind wollte ich die erste weibliche Football-Trainerin der Universität von Tennessee werden», verrät sie. Mitte 20 hatte sie aber eine Kaderposition in der Medienbranche inne. «Ich habe als Operations Manager beim Fernsehen gearbeitet, bis ich in die Schweiz gezogen bin.»

Ohne Mantel auf und davon
In die Schweiz hat es Vicki Gabathuler vor 33 Jahren verschlagen. Auszuwandern sei ihr eigentlich nie in den Sinn gekommen. Auch nicht, als sie ihren heutigen Ehemann kennenlernte. «Wir waren vier Monate zusammen, als er aus beruflichen Gründen überraschend wieder zurück in seine Heimat musste.» Da er nicht bleiben und sie nicht einfach so in die Schweiz ziehen konnte, machten die beiden frisch Verliebten Nägel mit Köpfen und heirateten kurz entschlossen. 
Welchen grossen Schritt sie damit wagte, sei ihr damals nicht wirklich bewusst gewesen, wie sie erzählt. Völlig unbedarft sei sie im April von den USA in die Schweiz geflogen – ohne die Sprache zu kennen und ohne Mantel. «Es war so kalt», erinnert sich die Südstaaten-Frau und schaudert. «Ich habe zweieinhalb Jahre in Miami gelebt. Warme Kleidung besass ich nicht. Ich dachte: ‹Es ist April, es sollte warm sein.› Dabei hat es im Juni noch geschneit.» 

Ans kalte Wetter habe sie sich mittlerweile gewöhnt. In ihrem neuen Heimatort Gams hat sie sich über die Jahre gut eingelebt und integriert. Zwölf Jahre engagierte sie sich im Kirchenrat der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Grabs-Gams. Seit vier Jahren ist sie Mitglied der Synode der Evangelisch-Reformierten Kirche in St. Gallen. «Mein Glaube bedeutet mir viel. Dafür setze ich mich gern ein», sagt sie. Und auch in ihrer Rolle als Parteipräsidentin der FDP Ortspartei Gams fühlt sie sich wohl. «Obwohl ich mich ständig blamiere», gesteht sie und lacht dabei herzlich über sich selbst. «Dafür bin ich bekannt.» 

Die Hürden im Alltag
Humor und Durchhaltevermögen, das brauche man, wenn man auswandert. Integration ist auch nach 
33 Jahren ein Thema für Vicki Gabathuler. «Es gibt so viele kleine Stolpersteine im Alltag, welche man als Einheimische nicht sieht», erklärt sie. Da gehe es weniger um die Sprache oder behördliche Strukturen, sondern um die Kultur. «Ich wusste zum Beispiel nicht, was eine ‹Metzgete› ist.» Da die gebürtige Amerikanerin kein Deutsch sprach, als sie in die Schweiz zog, war das Wörterbuch ihr steter Begleiter. «Aber was hilft es dir, wenn deine Schwiegermutter ‹go poschta› will. Da findest du weder ‹go› noch ‹poschta› im Wörterbuch», sagt die gebürtige Amerikanerin und lacht herzlich. Von solchen Erlebnissen könne sie endlos berichten. Aber nicht nur ihr ergehe es so, wie sie weiss. «Ich habe viele Einwanderer kennen-
gelernt und alle haben solche Geschichten auf Lager.» Diese Ge­­schichten sammelt Vicki Gabathuler seit fünf Jahren. Einige davon beschreibt sie in ihrem Blog. Zudem schreibt sie an einem Buch, einem Ratgeber für Migranten. «Es soll Auswanderern helfen, sich in der Schweiz besser zurechtzufinden und den Einheimischen auf humorvolle Art zeigen, wo die täglichen Hürden liegen.» 

Truthahn und grüner Salat
«An einem Ort zu leben, wo man keine Geschichte hat – das ist schwierig», erklärt die aufgestellte Frau. Irgendwo zwischen hier und dort fühle man sich manchmal heimatlos. Seine eigene Geschichte schreiben, das helfe. Wie zum Beispiel an Weihnachten, wenn Christkind und Santa Claus aufeinander treffen. So komme das Christkind an Heiligabend zu den Grosseltern und Santa am Weihnachtstag zu ihr nach Hause, wie die Mutter von drei Kindern erklärt. Das sei über die Jahre zur Familientradition geworden, welche ihr Nachwuchs nicht missen will. So wie der Weihnachtsbrunch, den die gebürtige Amerikanerin am 25. Dezember für den Gabathuler-Clan ausrichtet. Dann kocht die Gastgeberin aus Leidenschaft – ganz amerikanisch – zehn Kilo Truthahn, Reis mit Brokkoli, Kartoffeln mit Pekannüssen und noch ein paar «schweizerische Beilagen». «Zum Beispiel grüner Salat – der darf nicht fehlen», ergänzt sie und lacht. 

22. Dez 2018 / 20:53
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