• Gina Gross in Vaduz
    Gina Gross arbeitet seit sieben Jahren bei der Securitas (Liechtenstein)  (Daniel Schwendener)

"Als Frau wird man oftmals unterschätzt"

Mit ihren 26 Jahren hält Gina Gross als erste Frau Liechtensteins bereits den Eidgenössischen Fachausweis für Sicherheit und Bewachung in den Händen.

Oft wird Gina Gross auf ihren Beruf und ihr Erreichtes angesprochen. Denn sie hat als erste Frau in Liechtenstein den Eidgenössischen Fachausweis für Sicherheit und Bewachung erworben. «Das ist schon cool, die erste zu sein. Ich musste auch hart dafür arbeiten, es war nicht leicht», erzählt sie. Denn sie gehöre zu den Menschen, die sich mit Lernen nicht leicht tun. «Und gerade beim Eidgenössischen muss man sich viel technisches Wissen im Selbststudium aneignen.» Im Sommer fiel es ihr besonders schwer, wenn ihre Freunde ins Freibad oder an den Rhein gingen. Den Fachausweis erwarb sie, weil sie bei der Securitas (Liechtenstein) AG die Bereichsleitung Führung und Einsatz übernahm. 

Vor sieben Jahren bewarb sie sich für ein Arbeitspensum von 20 Prozent. «Schon während des Vorstellungsgesprächs wurde ich gefragt, ob ich das Pensum auch erhöhen könnte», erzählt Gina Gross. Da sie nicht nur draussen im Einsatz war, sondern auch oft im Büro ausgeholfen hatte, eignete sie sich so ihr Wissen an. «Um an die Prüfung zugelassen zu werden, muss man eine gewisse Anzahl Stunden im Einsatz vorweisen.» Nun trägt sie die Gesamtverantwortung für das Personal und für dessen Einsätze.

Vereinsleben ist schwierig

Ursprünglich hat die Triesnerin eine Ausbildung zur medizinischen Masseurin absolviert, konnte jedoch aus gesundheitlichen Gründen den Beruf nicht weiter ausüben. Das erworbene Wissen wendet sie trotzdem an und zwar während ihrer Freizeit als medizinische Betreuerin des USV Eschen-Mauren. «Das Vereinsleben ist wegen der unregelmässigen Arbeitszeit schon schwierig. Vor allem, wenn man hauptberuflich bei der Securitas arbeitet», erzählt sie. Durch eine gute Organisation sei das jedoch machbar. «Beim USV erhalte ich die nötige Ablenkung. Wenn ich einen stressigen Tag hatte, muntern mich die Jungs im Training wieder auf.» Früher war sie noch im Samariterverein, hängte dies jedoch aus Zeitgründen an den Nagel, da sie an den meisten Übungen nicht teilnehmen konnte. «Entweder ist man dabei und macht mit oder man lässt es, das ist meine Einstellung.»

Da sie nun als Bereichsleiterin oft telefonisch erreichbar sein muss, organisiert sie ihre Freizeit und entscheidet vieles kurzfristig. «Wenn ich nicht weiss, wie es im Geschäft läuft, kann ich nicht definitiv zusagen. Meine Freunde und die Familie wissen das. So freuen sie sich umso mehr, wenn ich dann doch Zeit für sie habe.» Oft werde sie gefragt, ob sie denn nie abschalte und das Telefon beiseite lege. «Es ist eine Einstellungssache, denn ich weiss, wenn meine Mitarbeiter anrufen, dann ist wirklich etwas los. Meist lassen sich die Probleme am Telefon lösen. Es ist auch nicht so, dass ich nachts dauernd Anrufe erhalte», erläutert Gina Gross, es seien Einzelfälle.

Falsche Vorstellungen

Wenn Sitzungen unter den Fachgruppen anstehen, ist Gina Gross die einzig anwesende Frau. «Ich bin mir der Verantwortung durchaus bewusst, dass ich als Frau meine Meinung vertreten muss, denn ich sitze für alle Frauen dort», so die 26-Jährige. Auch im Alltag erlebt sie ähnliche Situationen. «Die Leute sind meist überrascht, wenn sie meinen Beruf erfahren», schmunzelt sie. «Jedoch haben sie oft ein falsches Bild davon.» Zum Beispiel sei sie keineswegs die gesamte Nacht auf Einbrecherjagd. «Wir sind auch wegen anderen Dingen unterwegs», fügt sie hinzu. Hauptsächlich würden sie Gebäude und Areale in Liechtenstein bewachen und für Privatpersonen nach dem Rechten sehen. Die spannenden Einsätze für Gina Gross sind jeweils die Aufträge der Landespolizei oder der Gemeinden, und wenn das WEF in Davos stattfindet, wird ihre Unterstützung angefordert.

Für die Einsätze motivieren

Seit Gina Gross die Bereichsleitung übernommen hat, verbringt sie etwa 90 Prozent ihrer Arbeitszeit im Büro, diese kann sie sich jedoch selbst einteilen. Wenn es die Arbeit zulässt, ist sie draussen im Einsatz. «In erster Linie führe und coache ich die Mitarbeiter. Zudem bin ich zuständig für die Personalplanung. Ausserdem habe ich Kontakt mit den Kunden vor Ort und bespreche mit diesen, worauf unsere Mitarbeiter achten müssen. Des Weiteren bin ich für die Umsetzung der Aufträge verantwortlich und führe die Mitarbeiter ein, damit alles nach Wunsch ausgeführt wird.» Nebst dem Erstellen der Arbeitspläne gehört für sie auch dazu, die Mitarbeiter zu motivieren, an den Wochenenden und an Weihnachten zu arbeiten. «Die Besuche ich dann und bedanke mich persönlich für ihren Einsatz.» Denn das 
nötige Feingefühl und die Kom­mu­nikation spielen für sie eine zentrale Rolle. «Auch ich hatte schon einige Vorgesetzte und da habe ich mir abgeschaut, was ich anders machen könnte.» Zudem habe sie eine ironische Art und damit würden nicht alle so gut klarkommen. Oder auch Gespräche, in denen Situationen besprochen werden, die nicht gut gelaufen sind. «Ich versuche das Gespräch immer so zu führen, damit es die Mitarbeiter annehmen, denn wenn sie dicht machen, bringt es ja nichts.»

Wenn sie die Patrouillen einteilt, schickt Gina Gross gerne eine Frau mit auf den Weg. «Die Stimmung ist dann schon ganz anders – im positiven Sinne – sie wirken beruhigend», so ihre Erfahrungen. «Bis jetzt hatte ich nie Probleme und wurde von den Männern stets respektiert. Als Frau kommt noch hinzu, dass man oft unterschätzt wird.» Ihrer Ansicht nach ist dies ein grosser Vorteil, denn das Überraschungsmoment liegt auf ihrer Seite. Durch das Training kann sie durchaus ohne Weiteres einen Mann zu Boden bringen. Dafür bietet ihr Arbeitgeber regelmässig Kurse an. In den meisten Fällen würden bereits Kommunikation und deeskalierende Massnahmen eine Situation entschärfen, bevor sie aus dem Ruder läuft. «Jedoch gibt es mir ein besseres Gefühl, wenn ich dastehe und weiss, wenn nötig, kann ich etwas tun.» Jedoch gehe es nicht darum, jemanden zu verletzen, sondern die Situation zu deeskalieren und die Personen in Schach zu halten – und nur wenn nötig zu fixieren. (ms)

16. Dez 2018 / 00:00
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