•  (Daniel Schwendener)

"Wir müssen lernen, mit dem Alltag umzugehen"

Wirtschafts- und Mentalcoach Günter Spiesberger plädiert für mehr Achtsamkeit im Alltag. Ein Gespräch über Stress, Ziele und Visionen.

Herr Spiesberger, Sie haben ein Buch geschrieben: «Warum wir uns selbst im Weg stehen». Worum geht es darin?
Günter Spiesberger:
Erst einmal muss ich gestehen, dass ich das Buch nicht selbst geschrieben habe. Ich habe auch nie vorgehabt, eines zu schreiben …

Wie meinen Sie das?
Ich bin Mentalcoach. Ich helfe Leistungssportlern und Managern, ihr volles Potenzial zu entfalten. Meine Workshops und Coachings leben vom persönlichen Kontakt, der Arbeit von Angesicht zu Angesicht. Das in Buchform zu bringen, schien mir nicht möglich. Zumal es mir wichtig ist, dass die Leute auch etwas damit anfangen können. 

Wie kam es dann zu dem Buch?
Vor etwa drei Jahren habe ich in Deutschland einen Vortrag gehalten. Dort hat mich der Verlagschef gesehen und angesprochen, ob ich meine Inhalte nicht in Buchform herausbringen möchte. Ich habe abgelehnt, aber er liess nicht locker. 

Wie konnte er Sie überreden? 
Er schlug einen Ghostwriter vor, eine Lektorin. Sie hat mir geholfen, und gemeinsam haben wir ein Buch geschrieben, das für den Leser nicht nur verständlich, sondern auch nützlich ist. 

Sie sind ein Pragmatiker.
Ja, absolut. Was nützt mir mein Wissen allein? Die Frage ist: Wie kann ich mir mein Leben erleichtern?

Und wie lautet die Antwort?
Da gibt es nicht die eine Antwort. Klar ist: die Leute kommen immer dann zu mir, wenn sie etwas verändern wollen, wenn es nicht so gut läuft, und nicht, wenn sie Weltmeister sind. Die Gründe dafür sind verschieden. Die Ursachen sind aber meist dieselben: Stress, Leistungsdruck, Konflikte, gewisse Zweifel und Ängste … Und diese Themen beschäftigen heute nicht mehr nur Manager. Sie kommen unabhängig von Hierarchien in allen sozialen Schichten vor. 

Stichwort: Burn-out …
Richtig. Wobei Burn-out meines Erachtens nur ein Modewort ist. Das ist nichts anderes als eine Depression, verursacht von zu viel Stress. Und darin liegt das nächste Problem: wir empfinden Stress als etwas Gutes. Nur wer Stress hat, wer hart arbeitet, ist auch erfolgreich. Wir haben nie gelernt, dass wir etwas auch mit wenig Energie schaffen können, dass wir Ziele leichter erreichen können. Was leicht ist, hat scheinbar keinen Wert. Doch alles, was mit Zwang und Druck zu tun hat, dabei bauen sich bei uns selbst innere Widerstände auf. Das führt zu Stress.

Wie kann man mit Stress umgehen?
Gar nicht. Denn der Stress ist nicht das Problem. Wir müssen lernen, weniger mit dem Stress, sondern mit dem Alltag umzugehen. 

Wie meinen Sie das?
Wir Menschen jammern bekanntlich gern. Wenn man sich umhört, hört man von den Leuten immer, was sie stört und sie nicht wollen. Das Problem ist: unser Gehirn kennt das Wort «nicht» nicht. Dann heisst der Satz: Ich will keine Probleme haben – ich will Probleme haben. Wir müssen also überlegen: Was will ich?

Das tönt recht einfach.
Ja. Das ist es im Grunde auch. Wir haben nur nie gelernt, so zu denken. Dazu kommt, dass unser Unterbewusstsein einen grossen Teil unseres Denkens übernimmt. Die alten Griechen haben schon erkannt: Wir sind reaktive Wesen. Auf einen Reiz reagieren wir. Aber wenn ich reagiere, bin ich schon hinterher. Dann ist die Automatik im Gehirn schon da, die übernimmt. Unser Ziel muss es sein, mehr ins Agieren zu kommen.

Wie schafft man das?
Durch Achtsamkeit, permanentes Aufmerksamsein. Das ist wie beim Training: Ich bekomme keinen Sixpack, wenn ich einmal ins Fitness-
studio gehe. Da muss man dran­bleiben.

Man darf das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Leicht gesagt …
Das mit den Zielen ist nicht so einfach … Denken Sie an den Neujahrsvorsatz. Der hält in der Regel nicht lange. Die Frage ist: Nehme ich mir den Vorsatz, weil es der 31. Dezember ist, oder setze ich mir tagtäglich ein Ziel.

Kleine Brötchen backen also.
Kurzfristige Ziele sind sinnvoller. Das können schon ganz einfache Ziele sein. Dass ich gut durch den Tag komme. Dass ich am Abend entspannt nach Hause komme. Dass das Meeting gut läuft. Wenn man sich tagtäglich Ziele setzt – kurz-, mittel- und langfristige – und beobachtet und reflektiert, merkt man ­relativ schnell, ob es besser wird. Wenn man sich grosse langfristige Ziele setzt, vielleicht sogar über Jahre, ist die Gefahr gross, sie aus den Augen zu verlieren. Tagesziele kann man schneller und einfacher erreichen. 

Ist das das Geheimnis erfolgreicher Menschen?
Im Grunde, ja. Führungskräfte oder Leistungssportler sind zielbewusster. Sie jammern weniger. Sie wollen was verändern. Sie wollen weiterkommen. 

Setzen Sie sich selbst auch Ziele beziehungsweise Vorsätze?
Für mich ist es eher ein Reflektieren, ein Zurückschauen und Überlegen. Wie war das Jahr? Konnte ich umsetzen, was ich mir vorgenommen habe? Was ist wichtig für das kommende Jahr – in der Beziehung, im Job, in der Gesundheit? Dann optimiere ich und überlege, wann ich anfange. Einen Plan machen, die Ziele runterbrechen – das ist wichtig.

Pläne sind hilfreich?
Ja, sehr. Sie helfen, die Ziele zu definieren und geben Kraft. Wichtig ist, dass man es sich vorstellen, sich selbst sehen kann. Erfolgreiche Menschen in der Wirtschaft nennt man Visionäre. Sie haben eine Vorstellung von ihrem Weg, von dem, was sie vorhaben. Als Kind waren wir alle einmal recht visuell: wir lernen durch sehen. Mit der Zeit sind wir aber zu verstandeslastig geworden. Wir können das Ziel nicht mehr sehen.

Woran liegt das? 
Das ist ein natürlicher Prozess in unserem Gehirn: unsere Erfahrungen werden gespeichert. Wenn wir eine ähnliche Situation erleben, werden die Erfahrungen abgerufen. Dabei bringt das Unterbewusstsein die negativen immer zuerst, um uns zu warnen, weil es immer noch glaubt, es gehe ums Überleben. Ängste und Zweifel, die kommen immer aus der Vergangenheit. Daher neigen wir dazu, Erfahrungen und Situationen, für die wir ein negatives Beispiel gespeichert haben, aus dem Weg zu gehen. Grundsätzlich ist das nichts Schlechtes. Wir müssen nur lernen, dieses negative Beispiel bewusst wahrzunehmen und durch ein positives zu ersetzen. In die Gegenwart zu kommen, ins Jetzt, das ist ein Lernprozess, der nicht aufhört. Aber es wird leichter. (sms)
Das fordert permanente 
Aufmerksamkeit.
Richtig. Wir sind es gewohnt, andere Menschen zu beobachten. Wir achten darauf, was uns an anderen nicht gefällt oder nicht passt. Dabei vergessen wir, die Eigenwahrnehmung bei uns hochzufahren. Selbstreflexion ist wichtig. Je mehr man das in den Alltag einbauen kann, desto leichter läuft dieser. Dann macht man sich selbst auch weniger Druck, der uns viel Energie und am Ende einen hohen Preis kostet. Denn irgendwas geht bei zu viel Stress auf Dauer immer kaputt, sei es beruflich, privat oder gesundheitlich. Das muss nicht sein, wenn man bewusster damit umgeht. 

21. Mär 2020 / 18:09
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