•  (zvg)

Wenn es sich richtig anfühlt, ziehen wir weiter

Zweieinhalb Jahre reiste Gabriella Hummel in einem Camper von Seattle nach Feuerland. Von Südamerika hat sie aber noch lange nicht genug.

Frau Hummel, Sie und Ihr Partner reisten in einem Camper von Seattle nach Feuerland, dem südlichsten Punkt Südamerikas. Eigentlich planten Sie für die Route 1,5 Jahre ein, doch es dauerte etwas länger …
Gabriella Hummel:
Gestartet sind wir im Juli 2016 und nach über zweieinhalb Jahren erreichten wir Feuerland. Insgesamt legten wir über 65 000 Kilometer zurück. Ursprünglich planten wir, höchstens eineinhalb Jahre unterwegs zu sein, aber nach neun Monaten waren wir noch immer erst in Mexiko. Also musste ein neuer Plan her: Entweder brechen wir ab, gehen nach Hause, verdienen Geld und kehren wieder zurück oder wir versuchen von unterwegs zu arbeiten. Wir entschieden uns für die zweite Variante und gründeten im Norden Kolumbiens eine Text- und Kommunikationsagentur. Seither beraten und schreiben wir für Publikationen und Kunden in der Schweiz, in Liechtenstein und in Deutschland. 

Machten Sie also das Reisen zu Ihrem Beruf?
Eher zum Lebensstil. Als Journalistin nutze ich die Inputs meiner Reisen und die Inspiration, die hinter jeder Ecke liegt. Im Moment passt es so für uns, an keinem Ort sein zu müssen und wir geniessen die Freiheit, zu entscheiden, wohin es uns zieht.

Wie reisen Sie am liebsten?
In Städten nehmen wir gerne das Angebot von Airbnb in Anspruch, das ist immer wieder eine willkommene Abwechslung. Mir persönlich taugt das Reisen in einem Camper aber am besten. Dann bin ich flexibel, unabhängig, kann selbst entscheiden, wohin ich will und wann ich anhalten möchte. Wir sind auch oft abseits der typischen Routen unterwegs und campen in der Wildnis. Ein weiterer Vorteil ist, dass man das Zuhause immer dabei hat. Heute geht es uns nicht mehr unbedingt um das Reisen an sich, sondern darum, einen Ort wirklich zu erleben, ihn eine Weile zu unserem Daheim zu machen. Und wenn es sich richtig anfühlt, ziehen wir weiter. 

Haben Sie den Camper für die Südamerika-Reise speziell ausgerüstet?
Wir kauften ihn in der Schweiz von einem Paar ab, das den Camper für eine Südamerika-Reise umgerüstet hatte. Für uns waren die Solarpanels und der Trinkwasserfilter essentiell. Damit konnten wir problemlos autonom leben. Das war uns viel wert. 

Ihr habt also sozusagen sehr spartanisch gelebt?
Man muss schon der Typ dafür sein, aber man gewöhnt sich auch daran. Es klingt etwas klischeehaft, aber wir haben in diesen Jahren wortwörtlich erfahren, wie wenig man braucht, um ein glückliches Leben zu führen. Das Tolle am Camper ist ja, dass man als Reisende ein wenig mehr Material dabei haben kann als beispielsweise ein Backpacker. Seit Ende April sind wir wieder in der Schweiz und mieten ein WG-Zimmer mit zwei Schränken, die wir mit unserem wenigem Zeug nicht mal halb füllen.

Welche Kultur faszinierte Sie am meisten?
Mexiko hat mir extrem gut gefallen, weil dort irgendwie alles stimmte. Es ist so vielfältig und jede Region fühlt sich an wie ein anderes Land. Das Essen dort ist unglaublich gut, die Kultur ist bunt, das Land geschichts­trächtig und die Menschen sind sehr nett. Wir blieben gleich ein halbes Jahr dort und fühlten uns so wohl, dass wir sogar nachgefragt haben, ob es möglich wäre, unser Visum zu verlängern. Das klappte leider nicht. Nach Mexiko würde ich sofort zurückkehren. Argentinien gefiel mir wegen der vielfältigen Landschaften. Denn dort hat man Gletscher, Wüste, Regenwald, Berge und eine fantastische Hauptstadt. In Kolumbien verbrachten wir ebenfalls ein halbes Jahr. Da die Touristen erst allmählich in das Land kommen, sind die Einwohner noch nicht so daran gewohnt und deshalb sehr neugierig und offen. Grundsätzlich hat jedes Land seine wundervollen Seiten. 

Haben Sie sich auf Ihrer Reise nie unsicher gefühlt?
Wir hatten schon Respekt vor neuen Orten. Es war die typische Angst vor dem Unbekannten. Vor Mexiko hat man uns gewarnt und auch vor El Salvador und Honduras wegen der hohen Mordraten. Doch die allermeisten Menschen dort führen ein normales Leben und sind äusserst freundlich. Wir hörten einfach auf unser Bauchgefühl: Wenn wir uns nicht wohl fühlten, fuhren wir weiter. Aber dies kam nicht oft vor. 

Hatten Sie vor Ihrer Reise ein bestimmtes Bild von den Leuten und Ländern im Kopf, das nun völlig anders aussieht? 
Es ist grundsätzlich alles viel besser gelaufen, als wir erwartet hatten. Eine Reise wie diese kann man sich ja nicht mal im Ansatz vorstellen. Am meisten hat uns vielleicht überrascht, wie nett und neugierig die Einheimischen überall sind. Wer offen ist, wird Offenheit erhalten. Als wir nach so langer Zeit Feuerland erreichten, fühlte sich der Blick auf die Landkarte sehr unwirklich an. All das sind wir gefahren, so krass. 

Überkam Sie da nicht auch ein Gefühl der Traurigkeit, dass es vorbei war?
Nein, wir gehen ja zurück und bereisen die Länder, die wir noch nicht gesehen haben. Wir freuen uns, jetzt über den Sommer hier zu sein und später wieder neue Ecken von Südamerika kennenzulernen. Wir sind jetzt, nach der Reise, ganz andere Menschen als zuvor. Aber das ist wohl jeder nach drei Jahren, egal, was man in dieser Zeit gemacht hat

Inwiefern hat die Reise Sie geprägt?
Ich merke, dass ich mich fast nicht mehr aus der Ruhe bringen lasse. Wenn wir zu Beginn der Reise eine Panne hatten, reagierten wir mit viel Nervosität und Angst. Mittlerweile setzen wir uns zuerst hin und essen etwas, besprechen die Optionen und vertrauen darauf, dass alles gut kommt. 

Und jetzt bleiben Sie eine Weile in der Schweiz?
Nach all der Zeit war es uns wichtig, wieder für eine Weile daheim in Zürich zu sein. Den Sommer verbringen wir in der Schweiz und Europa und geniessen so viel Zeit wie möglich mit Freunden und Familie. Wenn wir unterwegs etwas vermisst haben, dann sie.

Wie fühlt es sich für Sie an, nachdem Sie drei Jahre lang in einem Camper lebten, wieder einen festen – wenn auch nur vorübergehenden – Wohnsitz zu haben? 
Der eine grosse Unterschied zum Leben unterwegs ist, dass Sandro und ich nicht mehr ständig zusammen sind. Hier haben wir separate Termine, was wunderbar ist, aber auch gewöhnungsbedürftig. Auf Reisen hatte er zum Beispiel immer die Schlüssel dabei, darum lasse ich hier, wenn ich das Haus verlasse, meinen oft liegen. Nun einige Monate nicht ständig weiterzufahren, gibt uns natürlich auch die Möglichkeit, uns auf die Arbeit zu konzentrieren und mehr Projekte und Aufträge anzunehmen als zuvor. Ausserdem konnten wir nun viele unserer Kunden und Partner, die wir sonst nur über Skype kannten, persönlich treffen.

Hatten Sie bei Ihrer Ankunft in Zürich einen Kulturschock?
Wir reisten nicht gleich nach Zürich, sondern nahmen bewusst einfach irgendeinen Direktflug nach Europa. Zehn Tage verbrachten wir in London, bis wir mit dem Zug heimwärts fuhren. Der Jetlag war dann vorüber, wir haben uns akklimatisiert und wieder an den Rhythmus gewöhnt. Der ist in Europa schon schneller als in Südamerika. So haben wir uns langsam wieder eingelebt.

Spielen Sie mit dem Gedanken, auszuwandern? 
Es gibt Länder und Orte, die mir sehr gefallen. Meine Eltern kommen aus Argentinien, darum ist das Land für mich ohnehin eine zweite Heimat. Ich könnte es mir durchaus vorstellen, für eine Weile dort zu leben. Aber sesshaft werden möchte ich gerade sowieso nicht. 

Wo führen Sie Ihre Reisepläne als Nächstes hin? 
Wir reisen Ende Jahr zurück nach Buenos Aires, bleiben dort ein paar Monate und holen dann unseren Camper aus seinem Winterschlaf. Wohin es geht, werden wir sehen. Wir haben mit Patagonien noch ein paar Rechnungen offen. In Brasilien waren wir noch gar nicht, aber haben nur Gutes gehört. Schön ist, dass wir jetzt kein Ziel mehr vor Augen haben und einfach der Nase nach reisen können. (ms)

16. Jun 2019 / 00:00
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