• Interview mit Raphaela Wagner
    Interview mit Raphaela Wagner  ((Foto: Daniel Schwendener))

«Von einem Tag auf den anderen geriet ich ins Rampenlicht»

Eigentlich wollte Raphaela Wagner nach der Matura für sechs Monate eine Filmschule in London besuchen. Doch daraus wurde mehr und nun dreht sie eine Serie.

Bereits mit 18 Jahren drehen Sie Ihre erste Fantasy-Serie und stehen als Regisseurin hinter der Kamera. Wie wurden Sie auf die Met Film School, mit der alles anfing, aufmerksam?
Raphaela Wagner, Regisseurin: Es kommt bekanntlich ja immer anders, als man denkt. Nachdem ich die Matura abgeschlossen hatte, wollte ich eigentlich nur ein Zwischenjahr einlegen. Die Met Film School passte da zeitlich perfekt und London faszinierte mich schon immer. Die Schule sollte mir einen kleinen Einblick in diese andere Welt des Filmschaffens geben, doch dann hat mich dieses bislang fremde Metier von Kopf bis Fuss komplett vereinnahmt. Dass ich so ein riesiges Projekt wie «Once One» ins Leben rufe, hätte ich mir damals auf keinen Fall erträumt.

Wie nahm das Projekt «Once One», das ursprünglich nur als Kurzfilm gedacht war und sich nun zu einer Serie entwickelt, seinen Lauf?
Eines Nachts erwachte ich um zwei Uhr morgens aus einem Traum, in dem das eigenartige Wort «Laegrit» vorkam. Ich schrieb es auf und wollte es nachschlagen, doch das Wort existierte nicht. Trotz bevorstehender Matura und anschliessend geplantem Medizinstudium liess mich diese geheimnisvolle Sache nicht los, und aus dem mysteriösen Wort «Laegrit» entstand der Name für das magische Volk meiner Geschichte. Der ursprüngliche Kurzfilm  entwickelte sich in der Folge zu einem «Proof of Concept»- Film für eine ganze Serie. Der grosse Traum wäre, dass die Serie vom Fernsehen oder von einer Online-Plattform aufgenommen und umgesetzt wird. Das Risiko, dass dies nicht gelingt, ist im Filmbusiness riesig. Aber auch dann hätte ich mit «Once One» immer noch ein starkes Portfolio. 

Erzählen Sie uns ein wenig über den Hintergrund der Serie.
Als Grundlage orientiert sich die Geschichte an historischen Ereignissen, die sich um das 17. Jahrhundert herum im Bündnerland und in Österreich zugetragen haben. Das mische ich mit «Fantasy», da es mir einerseits mehr Spielraum eröffnet und andererseits den dramatischen «Hexenglauben» jener Zeit bildhaft in ein zeitgemässes Filmgenre übersetzt. Eine der versteckten Botschaften im Film zeigt zum Beispiel auf, dass man als Team alles erreichen kann – sowohl im positiven als auch negativen Sinn. Denn eine gemeinsame Stärke kann sich gegen Schwächere richten. Man muss aufpassen, wie man seine Stärke nutzt, ansonsten kann sich aus der Dynamik beispielsweise Fremdenhass ent­wi­ckeln oder jemand wird ins falsche Licht gerückt, damit man selbst besser dasteht. Die Serie ist in erster Linie unterhaltsam, aber auf einer etwas tiefgründigeren Ebene stellen sich beängstigende Fragen zu aktuellen populistischen oder gar demagogischen Tendenzen.

Wie sind Sie eigentlich in die Filmbranche reingerutscht?
Es ging alles sehr plötzlich. Ich habe schon immer gerne Geschichten erzählt, aber Bücher schreiben war nie mein Ding. Als ich «Inception» gesehen habe, verfolgte mich der Schluss des Films zwei Jahre lang. Ich finde es faszinierend, wie man – oft kontroverse – Themen und Aussagen durch das Medium Film vermitteln kann. Das hat mich dazu animiert, selbst in die Branche einzusteigen. Man beginnt, die Welt um sich herum ganz anders zu sehen und zu analysieren.

Wie hat Ihr Umfeld diesen Sinneswandel aufgenommen?
Meine Eltern machten erst grosse Augen, haben mir jedoch unter ein paar Bedingungen rasch ihre Unterstützung zugesagt. England ist ja auch förderlich wegen der Sprache. Was mich sehr beeindruckt und nach wie vor auch einschüchtert, ist das Phänomen, wie man von einem Tag auf den nächsten ins Rampenlicht gerät. Man verliert sozusagen einen Teil seiner Anonymität. Das sind dann sehr ungewohnte Momente, die ich nicht wirklich einordnen kann. Schliesslich bin ich ja nichts weiter als all die anderen jungen Erwachsenen, die die Welt entdecken wollen. 

Was ist momentan Ihre Hauptaufgabe in diesem Projekt?
Die Vermarktung, mit den richtigen Leuten in Kontakt zu treten und Skripte zu schreiben – also eigentlich reine Büroarbeit. Bei den Computer-Effekten und der Nachvertonung vom Sound ist immer wieder meine Meinung gefragt. Grundsätzlich muss ich jetzt die richtigen Partner finden, um «Once One» auf die nächste Stufe zu bringen. In der Schweiz haben bereits einige Produktionsfirmen ihr Interesse bekundet. 

Haben Sie nebst der Serie auch andere Projekte am Laufen?
Selbstverständlich. Mittlerweile habe ich einen weiteren Kurzfilm mit dem Namen «NeoTouch» gedreht. Es ist ein gesellschaftskritischer und zugleich futuristischer Film. Darin geht es darum, wie wir mit neuer Technologie umgehen – im visionären Kurzfilm können Berührungen digital übermittelt werden. Eine Gruppe Studenten vergisst, auf persönliche Grenzen zu achten und aus harmlosen Technik-Spielereinen entstehen schwierige und intime Konflikte. Ansonsten arbeite ich fortlaufend an weiteren Kurzfilm-Konzepten und spiele auch schon mit dem Gedanken, meinen ersten Debütfilm von etwa 90 Minuten zu drehen. 

Sie sind bestimmt eine der Jüngsten in dieser Branche?
Ja, das spüre ich auch immer wieder. Es ist sehr selten, dass ich jemanden in meinem Alter antreffe. Erst ging es bei den Förderungen etwas harzig voran. Da dachten sich wahrscheinlich viele, was die 18-Jährige wolle, die habe doch von Tuten und Blasen keine Ahnung. Nachdem ich dann die ersten Projekte umgesetzt habe, hat sich das gelegt. Jetzt sind die Reaktionen eher ins Gegenteil gekippt: Oh mein Gott, du bist erst 19. Es gilt, diesen Vorsprung zu halten und die Dinge, die einem eben altersbedingt trotzdem verwehrt bleiben, zu umgehen.

Welchen Stellenwert hat man als Frau?
Im Moment tut sich einiges. Viele Institutionen sind auf der Suche nach Frauen und in England ist «Female Empowerment» ein grosses Thema. Trotzdem wird die Branche von Männern dominiert. «Once One» hat deshalb auch eine sehr starke Protagonistin, auf die ich sehr viel Wert lege. Beim Schreiben eines Filmes gibt es oft Momente, in denen die Charaktere ihren eigenen Willen entwickeln und die Geschichte fast schon selbst schreiben. Da kann ich nur sagen, die Hauptfigur Zina hat es faustdick hinter den Ohren.  

Möchten Sie in der Filmbranche bleiben?
Unbedingt. Die Branche ist ungemein vielfältig. Man steht zum einen unter hohem wirtschaftlichen Druck, denn meist ist bei Dreharbeiten viel Geld im Spiel. So hat die Filmindustrie eine wirtschaftliche und kalkulatorische Seite, alles muss möglichst kostengünstig sein. Aber dann gibt es auch die Arbeit mit den Schauspielern, die dann eher in Richtung Psychologie geht. Und natürlich die sehr kreative und ideenreiche Seite der Regietätigkeit mit dem grossen Team, das hinter einem steht – es ist ein wirklicher Teamgeist zu spüren. Für mich ist die Summe all dieser Facetten eine spannende Herausforderung. 

Wie gross ist die Crew rund um «Once One»?
Sie besteht etwa aus 40 Personen. Viele Leute können sich das schwer vorstellen, doch abgesehen von den Schauspielern sorgen Licht, Ton, Kamera, Make-up, Requisiten, Fahrer, «Runner» und viele andere Notwendigkeiten auch bei einem kleinen Kurzfilm schnell für ein umfangreiches Team. Die Schauspieler fanden wir durch ein offenes Casting. Über 70 Anmeldungen gingen rein. 

Sie haben in der Region gedreht?
Ja, auf Schloss Tarasp und an der alten Zoll-Station in Altfinstermünz. Es war ein riesiger Trubel und man konnte es sich gleich vorstellen, wie es dort wohl früher zu- und herging. Das Team war von der eindrücklichen Naturkulisse und den geschichts­trächtigen Bauwerken überwältigt. Es gab sogar ein Teammitglied, das noch nie in den Bergen war.

Lief der Dreh reibungslos ab oder kam es zu Zwischenfällen?
Ich glaube ein Filmset ohne Zwischenfälle gibt es nicht. Beispielsweise hatten wir mehrere Szenen, die glühende, narbenähnliche Venen beinhalten. Wir entschieden uns dazu, diese im Nachhinein mittels Computer-Effekten einzubauen. Das war dann ein ziemlicher Aufwand und wir erfuhren, dass wir die Venen bei gewissen Szenen einfach mit einem speziellen Make-up hätten aufmalen können. So etwas lernt man erst, wenn man ins Fettnäpfchen getreten ist. Man sagt ja nicht umsonst, dass Filme machen eigentlich nichts anderes ist, als den lieben langen Tag Probleme zu lösen. 

Können Sie sich vielleicht noch an eine spezielle Situation erinnern?
Als wir am dritten Tag im Engadin am Filmen waren und ich die Szene aufbaute, rief der Tonmeister, es käme eine Lawine und fragte, ob wir nun fliehen müssten. Es tönte so als würde die Welt gleich untergehen. Es war ein ziemliches Erlebnis. Die Lawine war allerdings auf der anderen Talseite und somit keine Gefahr. Der Kameramann hatte grosse Freude daran, den Niedergang zu filmen.

Wie finanzieren Sie das Projekt?
Wir fingen mit einem Crowdfunding an, merkten aber rasch, dass das Geld nirgends hinreicht. Also mussten wir nach Fördergeldern fragen. Der Verein Südkultur hat relativ rasch Unterstützung zugesagt, wie auch die Gemeinden Scuol und Wartau. Zudem unterstützen uns die Kulturförderung St. Gallen und «Kulturdünger» aus Aargau. Hinzu kommt das Geld aus dem internationalen Jugendprojektwettbewerb der Region. Das Team arbeitete fast ausschliesslich ehrenamtlich. Das meiste Geld floss in die Logistikkosten. Fantasy und Historik sind allgemein sehr aufwendige und teure Genres. Man braucht Schlösser, Pferde, Waffen und vieles mehr.

Wie lange werden Sie noch mit dem Projekt «Once One» beschäftigt sein?
Wenn es eine Serie wird, dann hoffentlich noch sehr lange. Eine erste Staffel würde die nächsten drei oder vier Jahre in Anspruch nehmen.

21. Jan 2019 / 16:20
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