• Michael Wanger Interview Vaduz 190829
    Michael Wanger war am diesjährigen Weltpfadfinderlager «Jamboree» an der Schlusszeremonie in West Virginia dabei.  (Daniel Ospelt)

"Irgendwie haben wir es geschafft, dass es weiterging"

Über seinen Freundeskreis kam Michael Wanger zu den Pfadi Ruggell. Der Verein steckte damals in einer Krise, die heute überwunden ist.

Herr Wanger, wie lautet Ihr Pfadiname?
Michael Wanger, Präsident Pfadfinder Ruggell: «Jasa», das kommt vom «Ja-Sager». Ich kann es nicht abstreiten, dass es mir schwerfällt, Nein zu sagen. Meine Freunde meinen, das Positive daran sei, dass man immer auf mich zählen könne. Aber so lasse ich mich auch auf Dinge ein, zu denen ich im Nachhinein lieber Nein gesagt hätte.

Eure Abteilung heisst St. Fridolin, woher kommt der Name?
Das kommt vom Patronat der Gemeinde Ruggell. Das Dorf ist dem heiligen St. Fridolin geweiht. Das wird bei der Gründung wahrscheinlich so festgelegt worden sein. 

Wie stiessen Sie zur Pfadi?
Generell bin ich ein Neuling, was das Vereinsleben betrifft. Die Pfadi ist mein erster und einziger Verein, in dem ich Mitglied bin – und das seit sechs Jahren, also seit ich 17 bin. Ich rutschte irgendwie hinein.

Wie das?
Einige Freunde waren in der Pfadi Ruggell und sind auch heute noch dabei. Es war zu einer Zeit, als es 
kriselte und Mitgliedermangel herrschte. Die Frage stand im Raum, wie es mit dem Verein weitergeht. Also animierten sie mich dazu, mitzumachen. Nach und nach über-
nahm ich immer mehr Verantwortung und seit 2016 bin ich Vereinspräsident.

Im Jahr 2011 hatte die Pfadi Ruggell ein grosses Problem mit dem Nachwuchs.
Da hat es angefangen. Eine ganze Generation von Leitern stiegen von einem Tag auf den anderen aus. Die jüngeren Mitglieder, von denen es auch nicht allzu viele gab, mussten nachrücken. Das hat sich über zwei, drei Jahre hingezogen. Irgendwie haben wir es dann geschafft, dass es weiterging.

Gab es dafür einen speziellen Grund?
Das war eindeutig ein Domino-Effekt. Die Aktivsten in der Abteilung sind gegangen. Als jemand aufhörte, sind die anderen gleich nachgezogen. Im Moment geben gerade ältere Mitglieder ihre Verantwortung an jüngere ab und möchten kürzertreten. Doch im Gegensatz zu damals in einem gemässigten Abstand und nicht alle zum selben Zeitpunkt. 

Was für Auswirkungen hatte das Ereignis?
Als ich anfing, war das Nachwuchsproblem ganz klar vorhanden. Mit so wenigen Leuten im Verein konnte das nicht wirklich funktionieren. Wir waren nur schon froh, dass wir als Verein überlebten. Es gab einen Engpass bei den jungen Neumitgliedern. Seit drei Jahren ist dies nun komplett überwunden. Wir haben jetzt sehr viel Nachwuchs. In den vergangenen zwei Jahren durften wir auf der jüngsten Stufe um die 
25 Neumitglieder zählen. Jetzt zeigt sich in der höheren Stufe, der 12- bis 16-Jährigen ein Engpass, als Nachwehe von früher. In diesem Alter ist es schwierig, Neumitglieder zu finden, da die meisten Jugendlichen bereits in einem Verein aktiv sind. Das wirkt sich dann auch wieder auf das Leiterteam aus, wenn diese Generation an der Reihe ist. Es ist eine Laune der Zeit, es gibt immer ein Auf und ein Ab.

Kommt euch da der Schnuppertag entgegen?
Auf jeden Fall, dann ist die Hemmschwelle für Familien und Kinder am geringsten, da es ein offizieller Anlass ist. Im vergangenen Jahr gewannen wir so 15 Neumitglieder – alle etwa im selben Alter, da sie noch ihre Kameraden mitgenommen haben. 

Stellen Sie fest, wie sich die Kinder der verschiedenen Generationen verändern?
Ich bin zwar noch nicht so lange dabei, aber es ist interessant zu beobachten, dass, seit ich dazugekommen bin, wieder ein Umschwung stattfindet. Als ich anfing, hatte die Pfadi einen altmodischen Ruf: Man macht Lagerfeuer und geht in den Wald – also eher zurückgeblieben in den Aktivitäten. Mittlerweile hat es sich gedreht. Die Eltern möchten wieder, dass ihre Kinder hinausgehen und dafür eignet sich die Pfadi am besten. Zudem sind die meisten Eltern nicht mehr übervorsichtig.

Hat sich die Pfadi ebenfalls verändert?
Eigentlich nicht gross, sie bleibt sich treu. Obwohl es vor 80 Jahren noch ganz anders war. Aber in den vergangenen 20 Jahren hat sich kaum etwas verändert, ausser dass sich die Männer- und Frauenvereine der Pfadis (sie war früher geschlechtergetrennt) zusammenschlossen. Klar verändern sich die Aktivitäten und neue kommen hinzu wie das Geocaching. Aber von der Tradition her bleibt die Pfadi dieselbe. Auch in den Kindern ist es so verankert und sie wachsen in den Ferienlagern schnell hinein. 

Wie geht die Pfadi mit Smartphone und sozialen Medien um?
Es hält überall Einzug und man kann der Entwicklung nicht entkommen. Klar ist es mit den Jugendlichen nicht immer einfach, da sie ziemlich aktiv am Handy wie auch auf den sozialen Netzwerken sind. Im Lager schauen wir darauf, dass das Smartphone tagsüber abgegeben und nur dann mitgenommen wird, um unterwegs in Kontakt zu bleiben. Die Digitalisierung machen wir uns auch zunutze und sind auf Facebook wie auch Instagram aktiv. Es ist eine gute Art und Weise, sich nach aussen zu präsentieren. Damit zeigen wir auch, dass wir nicht altmodisch sind und trotzdem unsere Traditionen pflegen. Der Verband hat auf der neuen Website sogar einen Blog. 

Welche Traditionen bleiben der Pfadi erhalten?
Die Traditionen gehen Hand in Hand mit dem Aufbau der Pfadi und ihrer Struktur. Die Uniform ist genau reglementiert, welche Symbole hinaufgehören und was sie bedeuten. Man trägt sie an offiziellen Anlässen wie auch im Lager und wenn wir in der Öffentlichkeit auftreten. Ein grosser Bestandteil ist das Lagerfeuer mit dem Schlangenbrot und Popcorn. Das Singbuch darf nicht fehlen. Ebenfalls eine Tradition sind Rufe rund ums Lagerfeuer, da Pfadfinder nicht applaudieren. Diese oder Sprüche dienen als Beifall. Im Lager, wenn das Programm morgens beginnt, wird die Fahne aufgezogen, und am Abend, wenn es zu Ende ist, wird sie bei Gesang wieder eingezogen. Für die Gruppenstunde melden sich alle wie zu einem Appell an. 

Die Pfadi in Ruggell gibt es bereits seit 85 Jahren.
Es steckt eine lange Geschichte dahinter. Die Abteilungsleitung übernahm damals Paul Büchel für etwa 20 Jahre und prägte die Pfadi Ruggell massgebend. Er hat einen Kultstatus, denn er war ein respektabler und disziplinierter Leiter, der sehr herzlich ist. Das spürt man auch, wenn man ihn heute trifft. Da kommen einige Geschichten zusammen. 

Was ist die Grundidee der Pfadi?
Der Gründer der Pfadfinder wollte einen Verein schaffen, in dem alle gleich sind. Daher auch die Uniform. Jeder kann mitmachen, weder die politische Ausrichtung noch die Religion spielt eine Rolle. Es gibt keine Einschränkungen und wir sind offen für alle. Gleichzeitig soll die Gemeinschaft gestärkt werden. Bezüglich der Aktivitäten versuchen wir, mit wenig viel zu machen. Egal ob man im Wald ohne Material spielt oder ein Zelt mit Holz und Seilen ohne Werkzeug baut, das alles basiert auf Respekt, Zusammenhalt und spielerischem Lernen. Es klingt kitschig, aber man ist in einer grosser Familie.

Und wie gross ist die «Familie» in Ruggell?
Mittlerweile haben wir zwischen 
55 und 60 Mitglieder. Im Vergleich zu früher sind es viele, denn als ich anfing, waren es kaum 20 Mitglieder. In den vergangenen sechs Jahren ist einiges passiert. Wir sind froh darüber, doch muss man auch bedenken, dass es mit dem 6-Jährigen beginnt und keine Altersgrenze nach oben gesetzt ist. 

Also können auch Erwachsene eintreten?
Auf jeden Fall, nur sind dann die Rollen ganz anders. Man ist nicht mehr bei den «Bienle» und «Wölfli» in der Gruppenstunde. Auch als Leiter fehlt je nach Alter vielleicht der Bezug zu den Jugendlichen, da man sich nicht mehr in sie hineinversetzen kann. Aber es gibt genug anderes zu tun.

Und wie sind Sie in die Pfadi eingestiegen?
Ich bin gleich als Leiter eingestiegen und habe auch vor, das noch eine Weile lang zu sein. Es zeichnet sich langsam ab, dass es jüngere Kandidaten gibt, die das Amt übernehmen würden. Es ist immer gut, die Jungen ranzulassen und rechtzeitig das Amt weiterzugeben. (ms)

01. Sep 2019 / 00:00
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