•  (Tatjana Schnalzger)

"Humanitäre Krisen verstärken die Ungleichheiten"

Die UN, die WHO und Unicef haben einen Nothilfefonds von 2 Milliarden US-Dollar ins Leben gerufen. Bettina Junker erzählt, wie in Krisengebieten geholfen wird.
Die Corona-Pandemie trifft besonders die Entwicklungsländer hart und dort auch viele Kinder. Frau Junker, wie geht es den Jüngsten in der aktuellen Krise? Was bedeutet eine Pandemie für Kinder in Entwicklungsländern?
Bettina Junker: Kinder sind die unsichtbaren Opfer dieser Pandemie. Wir sind besorgt über die kurz- und langfristigen Auswirkungen auf ihre Gesundheit, ihr Wohlbefinden, ihre Entwicklung und ihre Perspektiven. Zwar wissen wir, dass eine Covid-19-Erkrankung die Kinder normalerweise nicht stark trifft. Doch in Krisengebieten wie in Jemen, Syrien, in der südlichen Sahelzone oder im südlichen Afrika ist die Situation anders gelagert: Viele Kinder sind dort teils mangelernährt oder leiden bereits an einer schweren Vorerkrankung wie Tuberkulose oder Malaria und haben Covid-19 wenig entgegenzusetzen, da ihr Immunsystem geschwächt ist. Die Pandemie ist für Millionen Kinder in diesen Krisenregionen eine lebensbedrohliche Gefahr.
 
Zudem haben weltweit 2,1 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser. Rund 40 Prozent der afrikanischen Bevölkerung kann sich zu Hause nicht mit Seife die Hände waschen. Wie wir alle wissen, ist das Händewaschen mit Seife im Kampf gegen Covid-19 von entscheidender Bedeutung. Die hygienischen Verhältnisse sind vielerorts prekär. 
 
Und wir machen uns natürlich auch Sorgen um die Bildung der Kinder. Über 1,5 Milliarden Schüler weltweit sind heute von Schulschliessungen aufgrund der Verbreitung der Coronavirus-Krankheit betroffen. Wir wissen aus Erfahrung, dass gefährdete Kinder umso unwahrscheinlicher wieder zum Unterricht zurückkehren, je länger sie der Schule fernbleiben. Deshalb arbeitet Unicef mit Bildungsministerien auf der ganzen Welt zusammen, um alternative Lernmöglichkeiten zu finden. Seien diese durch Online-Lernkurse oder durch Radio- und Fernsehprogramme.
 
Die UN hat ein Hilfspaket von 2 Milliarden US-Dollar geschnürt. Wofür wird das Geld eingesetzt?
Das Ziel dieses Hilfspakets ist, den steigenden Bedürfnissen der Gesundheitssysteme und -Strukturen gerecht zu werden – sowohl zum Schutz vor der Krankheit als auch im Hinblick auf die Nebenwirkungen von Covid-19. Einer der grössten Nothilfefonds seit Ende des Zweiten Weltkriegs wurde mit der Corona-Pandemie von der UN, der WHO und Unicef ins Leben gerufen. Die Arbeit der Initiatoren 
gestaltet sich wie folgt: die Weltgesundheitsorganisation WHO und Unicef sind im Einsatz, um die Ausbreitung der Pandemie einzudämmen. Das World Food Programme gewährleistet die Kontinuität der Lieferketten und den Transport von Hilfskräften und Hilfsgütern. Unicef und weitere Partnerorganisationen bieten den am stärksten von der Pandemie betroffenen Menschen, darunter Frauen und Mädchen, Flüchtlingen und intern Vertriebenen, humanitäre Hilfe und Schutz. Die Hilfe wird Leistungen zur Ernährungssicherheit, physische und psychische Gesundheitsmassnahmen, sauberes Wasser und sanitäre Einrichtungen sowie Ernährungs- und Schutzprogramme umfassen.
 
Wird das reichen?
Mit 2 Milliarden Dollar können die UN, die WHO und Unicef viel bewirken und unzählige Leben retten. Wir haben jahrzehntelange Erfahrungen in Nothilfen und sind weltweit eng miteinander und mit anderen Partnerorganisationen vernetzt, um ­gemeinsam und effektiv gegen ­Pandemien wie Covid-19 vorzu­gehen. 
 
Wie setzt sich Unicef während der Krise für die Kinder ein – in den Entwicklungsländern und auch hier, in Europa? Was sind akute Probleme?
Das Hilfspaket, das Unicef benötigt, beläuft sich auf über 651 Millionen US Dollar. Unicef konzentriert sich dabei auf fünf Schlüsselbereiche:
 
1. Wir müssen die Menschen dringend mit Botschaften zur Gesundheitsvorsorge in den richtigen Sprachen und über die richtigen Kanäle erreichen, damit sie verstehen, wie sie sich und ihre Kinder vor einer Infektion schützen können.
 
2. Wir müssen den Gesundheitseinrichtungen und dem Personal bei der Ausbildung und der Bevorratung helfen, um kritische Lücken bei weiterer Verbreitung zu schliessen, und sie mit Schutzausrüstung ausstatten.
 
3. Wir müssen Schulen, Gesundheitszentren, Kinderbetreuungseinrichtungen und alle für Kinder eingerichteten Orte dringend mit Handwasch- und Hygieneartikeln versorgen, um die Ausbreitung der Infektion zu stoppen.
 
4. Wir müssen dazu beitragen, die Kinder zu Hause und beim Lernen während der Schliessung von Schulen und Kindergärten zu schützen, einschliesslich psychologischer Unterstützung für Familien, die unter starkem Druck stehen.
 
5. Wir müssen sicherstellen, dass Schwangere, Kleinkinder und Menschen, die mit der Ernährung zu kämpfen haben, aus 
eigenem Willen wichtige lebensrettende Massnahmen ergreifen, einschliesslich Impfungen.
 
Wie ist die Situation in Liechtenstein und der Schweiz? Wie geht es den Kindern hier?
Aktuell verfügen wir über keine Evidenzen, wie es unseren Kindern hier geht. Doch Unicef Schweiz und Liechtenstein weiss aus Erfahrung, dass humanitäre Krisen Ungleich-heiten verstärken und die Schwächsten am meisten treffen. Kinder sind oftmals am meisten gefährdet und am vulnerabelsten in solchen Spannungsfeldern. Sie gilt es besonders zu schützen. Darüber hinaus geht die Schere der sozialen Ungleichheiten weiter auseinander: Gut situierte Familien vermögen allein durch den Umstand, dass sie über mehr privaten Raum verfügen, die Teil-Isolation in der Regel einfacher zu verkraften. Ausserdem ist die Wahrscheinlichkeit grösser, dass in gut strukturierten, bildungsnahen Familien die Familienzeit nun aufblüht und Eltern zu Hilfslehrern werden, während insbesondere die bereits stark gefährdeten und multipel belasteten Kinder mehr unter der eingeschränkten Situation leiden. Letztere fallen eher durch die Masche, denn das Netz, das etwa durch den Schulunterricht und die Lehrerschaft gewährleistet ist, kann nicht mehr gleich engmaschig aufgespannt werden. Dies kann zu einer Diskriminierung führen und gravierende Folgen haben für betroffene Kinder. In Fachkreisen spricht man von «verlorenen Kindern». Die Regierung, die Gemeinden, verschiedene Organisationen und auch Private haben den Auftrag, die Lücken zu füllen. 
 
Gibt es aktuell noch weitere Problemfelder?
Ja, Millionen Kinder sind weltweit aufgrund von Schulschliessungen und Bewegungseinschränkungen länger und häufiger im Internet. Hierdurch sind sie auch vermehrten Online-Risiken ausgesetzt. Und um so anfälliger werden sie für Kinderrechtsverletzungen wie «Cyber-Grooming», dass also die Kinder und Jugendlichen von Erwachsenen im Internet zwecks sexuellen Absichten kontaktiert werden. Die vermehrte Internetnutzung erhöht ausserdem das Risiko, dass die Heranwachsenden ungewollt mit Gewalt darstellenden Inhalten konfrontiert werden oder im Internet gemobbt werden. Während ältere Kinder oft mit den sozialen Medien vertraut sind, nutzen nun auch Kinder unter 13 Jahren zunehmend soziale Netzwerke, die nicht auf sie zugeschnitten sind.
 
Was können wir für die Kinder tun? Wie können wir sie unterstützen?
Betreffend die Nutzung des Internets ruft Unicef die Regierungen, die Internetunternehmen, die Schulen, aber auch die Eltern zu mehr Wachsamkeit, Begleitung und Unterstützung von Kindern und Jugendlichen auf.
 
Doch ganz allgemein sind wir als Erwachsene und als Eltern alle gefordert, die Kinder bestmöglich zu schützen und zu stützen. Die Erfahrung von Unicef aus der weltweiten Arbeit in Krisensituationen zeigt, wie wichtig es ist, in dieser Ausnahmesituation nun umso mehr Kinderrechte wie Schutz, Bildung und Förderung einzuhalten, damit Kinder noch Kind sein können. Die ­Verletzung der Kinderrechte hat ­gravierende Folgen, die einschneidend sind und meist zu weiteren Verletzungen führen. Aber wir ­können das nicht alleine lösen: die Regierungen, die internationale Zusammenarbeit, die Gesellschaft und jede einzelne Person sind gefordert wie noch nie. Die globale Gesellschaft, wir alle, müssen zusammenstehen. Dazu braucht es sowohl lokale Lösungen, wie ein Sorgentelefon für Kinder oder Hausbesuche von Sonderpädagogen, als auch den globalen Blickwinkel. Diese Krise kann die Weltgemeinscha­ft lösen, dazu braucht es länderübergreifende Unterstützung, sprich finanzielle und strukturelle Unterstützung von gut situierten Ländern gegenüber solchen, die dringend Hilfe brauchen. (sms)
25. Apr 2020 / 19:44
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