• Marc Gstöhl, Sargans
    Marc Gstöhl tüftelt in seinem bescheidenen Büro in Sargans an der Anwendung und entwickelt sie weiter.  (Tatjana Schnalzger)

"Habe auch schon kalte Füsse bekommen"

Als Marc Gstöhl nach einer digitalen Möglichkeit für die Verwaltung von Liegenschaften suchte, wurde er nicht fündig. Also schuf er selbst eine Lösung.

Anhand eigener Erfahrungen haben Sie beschlossen, das Verwalten von Liegenschaften zu vereinfachen und zu digitalisieren. Wie ist es dazu gekommen?
Marc Gstöhl, CEO und Gründer von Aimmo: Als ich mein Studium in England begann, stand mein Elternhaus leer und ich suchte mit meiner Mutter nach einem Mieter. Leider verlief nicht alles so, wie wir uns das vorgestellt haben. Es kam zu Schwierigkeiten in der Kommunikation und auch zu Schäden in der Liegenschaft. Es herrschte grosse Unsicherheit, was nun erledigt war. Meine Mutter rief mich an, schilderte mir den Schaden und ich fragte nach Bildern, um mir das anzusehen. Sie nahm dann wieder Kontakt mit dem Mieter auf, der die Fotos per E-Mail schickte. Es gab ein Hin und Her und verschiedene Kommunikationswege wurden genutzt. Die Transparenz war einfach nicht vorhanden. Also suchte ich nach einer Lösung, wie ich aus Distanz die Liegenschaft gemeinsam mit meiner Mutter verwalten kann und alle Informationen an einem zentralen Ort digital zusammenfliessen. Dass der Markt nichts zu bieten hatte, überraschte mich sehr.

Also nahmen Sie die Dinge selbst in die Hand?
Nicht sofort. In meinem Studium Entrepreneurship ging es genau um solche Themen. Der Gedanke war da, aber angefangen daran zu arbeiten habe ich erst später.

Wann legten Sie richtig los?
Als ich von England wieder zurückkam. Ich wollte mehr als nur eine Kommunikation zwischen Mieter und Vermieter bieten, nämlich eine Transparenz herstellen. Grundsätzlich war mir im ersten Punkt als Vermieter wichtig, alle Informationen digital abzulegen und rasch abzurufen. Es kann doch nicht sein, dass ich im 21. Jahrhundert noch mit Ordnern herumrenne. Am 16. April 2019 habe ich erstmals meine Idee auf Papier zusammengestellt. Das ist auch der offizielle Startschuss von Aimmo.

Wie viele Personen sind nun an dem Projekt beteiligt?
Derzeit sind wir neun: vier Entwickler im Hintergrund und vier Mitarbeiter im Marketing. Wir arbeiten nach keinem klassischen Muster, sondern immer in dem Pensum, das gerade notwendig ist. Entweder steigern wir es oder fahren herunter, wie es die Situation gerade verlangt. Das erlaubt uns eine finanzielle Flexibilität. Die Mitarbeiter sind zusätzlich noch in anderen Projekten involviert.

Wie haben Sie das Team dafür zusammengestellt?
Das war noch witzig. Angefangen hat es mit der Plattform Cofoundme, auf der ich mein Projekt postete. Ein Entwickler der Plattform war sehr interessiert, nahm Kontakt auf und alles kam ins Rollen. Einer seiner Kollegen stiess hinzu und wir merkten schnell, dass wir mehr Personen brauchten. So wurden wir immer grösser, wie auch die Kapazitäten. Die meisten habe ich über eine Plattform gefunden, auf der sie ihren Service im Stundenansatz anbieten.

Und Sie arbeiten zu 100 Prozent in der Firma?
Ich war immer 100 Prozent in der Firma. Da Aimmo ein Jungunternehmen ist, bin ich zuversichtlich, dass es auch so bleibt. Die Anwendung bietet einen Mehrwert für den modernen Vermieter. Vielleicht gehe ich auch etwas blauäugig an die Sache heran – oder bin einfach nur mutig, das ist Ansichtssache. Wir überprüfen unsere Zwischenziele regelmässig und passen uns am Markt an. Ehrlich gesagt, habe ich auch schon kalte Füsse bekommen und mich nach einer Anstellung umgesehen. Doch dann hat mich der Ehrgeiz wieder gepackt.

Was kann man sich unter der Software vorstellen?
Das System befindet sich im Internet. Mit jedem Gerät kann man ­darauf zugreifen. Es ist eine Cloud-Software, wie Facebook oder Twitter. Rudimentär ausgedrückt stecken ähnliche Technologien dahinter. Aimmo speichert Daten, ­welche die Liegenschaft betreffen. Wenn der Mieter digital erfasst ist, hat er einen beschränkten Zugang darauf. Er sieht das digitale Protokoll mit den Schäden und kann auch Mängel aufnehmen, wenn der Vermieter das zulässt.

Welches sind die wesentlichen Punkte für die Vermieter, die die Software nutzen?
Ich kann nur für mich sprechen. Wesentlich für mich war, dass ich meine Unterlagen und Informationen zur Liegenschaft zentral und auch digital ablegen kann. So kann man beispielsweise die Seriennummer des Wäschetrockners abspeichern, um im Falle einer Reparatur oder neuen Bestellung diese Informationen wieder abzurufen und falls nötig weiterzuleiten. Das sind Details, die hinterlegt werden können. Weiter war für mich wichtig, alle Schäden in der Mängelliste exakt mit Video und Foto dokumentieren zu können, so dass ich diese auch gleich an den Handwerker weiterleiten kann. Zusätzlich erhält er alle relevanten und bereits erfassten Informationen, wie beispielsweise die Seriennummer. Dasselbe gilt auch dafür, wenn ich bei der Versicherung den Schaden geltend machen möchte.

 Und dann ist da noch die Wohnungsübergabe.
Genau. In der Vergangenheit machten wir keine Wohnungsübergaben. Es lief immer gut, doch wurde es laufend schwieriger, da nichts dokumentiert wurde und niemand wusste mehr so genau, wer welchen Schaden wann angerichtet hat. So entstand der dritte Teil: die digitale Wohnungsübergabe. Die Interaktion mit dem Menschen kann Aimmo aber nicht ersetzen, für die Schlüsselübergabe braucht es ein Treffen. Wir führen lediglich die Nutzer digital durch die Übergabe. Und sorgen so dafür, dass nichts vergessen geht. Im Falle eines Schadens können alle Details sauber dokumentiert werden inklusive Klärung der Kostenbeteiligung.

Braucht es dann die Verwaltung noch?
Einige Vermieter wollen gewisse Dinge selbst in die Hand nehmen und andere nicht. Ein klassisches Beispiel ist die Buchhaltung. Sie wird oft extern vergeben. Ist dies der Fall, ist die Anwendung ideal: Man kann die Unterlagen ablegen, eine Mängelliste erstellen und die Wohnungsübergabe durchführen. Wenn aber alles rund um das Facility Management abgegeben wird, dann ist Aimmo nicht unbedingt das Richtige – ausser für die digitale Verwaltung der Daten.

Der Zeitfaktor spielt bestimmt auch eine wesentliche Rolle?
Bei Verwaltungen bestimmt. Die Vorgänge werden beschleunigt und so findet man, salopp ausgedrückt, «Zeit für Wichtigeres». Sobald mehrere Parteien involviert sind, wird der Prozess aufwendiger, Aimmo vereinfacht den Fluss. Wohnungsübergaben sind transparenter, Schäden schneller geklärt und behoben sowie die Informationen an einem Ort gespeichert. Die Ordner können zu Hause bleiben.

Wie fit muss man für die Nutzung der Software sein?
Wenn jemandem eine Onlinebestellung oder das Lesen eines E-Papers schwerfällt, dann ist Aimmo nicht das Richtige für den Anwender. Obwohl der Nutzer laufend vorausschauend durch die Software geleitet wird. Unser ältester Nutzer beispielsweise ist über 75 Jahre alt – das Alter spielt demnach keine Rolle. Wir feilen ständig daran, die Software zu optimieren, die Möglichkeiten sind riesig. Besonders beim Generationswechsel der Eigentümer der Liegenschaften an die Jüngeren der Familie wird Aimmo besonders interessant.

Muss der Mieter die Software ebenfalls nutzen?
Nein. Jedoch kann er mit Aimmo auf seine digitale Mängelliste zugreifen und Schaden erfassen, falls der ­Vermieter ihm die Erlaubnis dazu ­erteilt. Das Protokoll für die Wohnungsübergabe wird allen Parteien gleichzeitig per E-Mail in Form eines PDFs zugestellt. Somit stellen wir die Transparenz zwischen Mieter und Vermieter sicher.

Ist die Software individuell auf den Nutzer angepasst?
Nein, ist auch nicht nötig, denn jeder Nutzer wählt diejenigen Funktionen, die er braucht. Dennoch wird man beim Vermieten feststellen, dass die Funktionen nahtlos ineinandergreifen. Der Gedanke, die Software individuell zu gestalten, war erst vorhanden. Jedoch wollten wir es so unkompliziert wie möglich halten.

Ist die Anwendung eine komplette Lösung?
Was heisst komplett? Wir möchten unsere Software organisch wachsen lassen. Das klingt vielleicht etwas komisch, aber umso mehr Rückmeldungen wir von den Nutzern oder Webseitenbesuchern bekommen, umso besser sehen wir, in welche Richtung wir Aimmo weiterentwickeln sollen. (ms)

14. Jun 2020 / 01:00
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