•  (Tatjana Schnalzger)

Gratwanderung zwischen Empathie und Distanz

Petra Miescher ist für das KIT im Einsatz und unterstützt von speziellen Ereignissen betroffene Personen in den ersten schweren Stunden.

In Notfällen jeglicher Art gehört das Kriseninterventionsteam Liechtenstein (KIT) zu den Ersten vor Ort, welche die Betroffenen betreuen. Wie gehen Sie dabei vor? 
Petra Miescher, Teammitglied des KIT:
Am häufigsten werden wir von der Landespolizei aufgeboten. Da wir keine Blaulichtorganisation sind, müssen wir nicht als Erste vor Ort sein. Wenn das KIT von der Landespolizei oder einer anderen Rettungsorganisation aufgeboten wird, so treffen wir in der Regel in 20 Minuten am Ort des Geschehens ein. Wir sind dann für diejenigen da, die an dem Unglück oder Vorfall in irgendeiner Form beteiligt sind. Das KIT betreut, begleitet und unterstützt betroffene Personen in diesen Fällen direkt vor Ort. Wir halten immer zuerst Rücksprache mit der Polizei oder der Person, die uns aufgeboten hat.

Was kommt am häufigsten vor?
Wir werden oft bei aussergewöhnlichen Todesfällen von der Polizei aufgeboten. Wir begleiten die Polizei in der Regel immer bei der Über­bringung einer Todesnachricht. Wir bleiben dann so lange bei den Hinterbliebenen, bis ihnen ausreichend soziale Ressourcen zur Verfügung stehen. In sehr vielen Einsätzen ist es für die Hinterbliebenen von grosser Bedeutung, dass wir ihnen ein letztes, sehr persönliches Abschiednehmen vor der kirchlichen Bestattung ermöglichen. 

In dieser Tätigkeit werden Sie bestimmt auch mit heftigen Schicksalsschlägen konfrontiert. Wie verarbeiten Sie diese?
Ich denke, eine wichtige Voraussetzung, um überhaupt für das KIT zu arbeiten, ist eine positive Lebenseinstellung. Diese verleiht auch die nötige Kraft, um gesund und aktiv zu bleiben. Mir ist ein respektvoller Umgang mit den Menschen wichtig, und wir werden auch darin geschult, wertfrei auf die Betroffenen zuzugehen. Wenn wir zu einem Ereignis gerufen werden, kennen wir eine Vorgeschichte in der Regel nicht. Darum ist es ganz wichtig, den Betroffenen Sicherheit zu geben, Vertrauen zu vermitteln und sie zu unterstützen in den ersten Stunden, nachdem das Ereignis eingetreten ist. Es ist zudem enorm wichtig, zu wissen, dass die Reaktionen von den betroffenen Personen normal sind. Was nicht normal ist, ist, was eben passiert ist.

Wie distanzieren Sie sich von den Ereignissen?
Es ist eine Gratwanderung zwischen der notwendigen und ehrlichen Empathie, um die Betroffenen zu verstehen, und zugleich die nötige Distanz zu wahren. Nur wer das wirklich beherrscht, wird diese Tätigkeit langfristig ausüben können. Um die Ereignisse zu verarbeiten, bieten sich für uns mehrere Möglichkeiten: Einerseits hat jeder seine individuelle Art, das Erlebte zu verarbeiten, und andererseits besprechen wir jeden Einsatz relativ zeitnah nach. Jeden dritten Monat kommt das Team für eine Supervision zusammen, bei der spezielle Fälle besprochen und die Arbeit reflektiert werden kann. Zudem hat jedes Teammitglied die Möglichkeit, unseren Supervisor persönlich zu kontaktieren, falls ihm ein Fall zu nahegegangen ist. Ich persönlich gehe gerne in den Wald laufen, so verarbeite ich die Ereignisse. Oder ich spreche mit meinem Partner über meine persönlichen Gefühle, die mich noch beschäftigen. Selbstverständlich unterstehen wir immer der absoluten Schweigepflicht. 

Was gehört für Sie zu den speziellen Einsätzen?
Jeder Einsatz ist einzigartig. Betroffene können in ähnlichen Situationen sehr unterschiedlich reagieren. Speziell ist für mich beispielsweise, wenn Kinder oder ganze Gruppen betroffen sind. Wichtig ist, dass man nicht anfängt, Parallelen zum eigenen Leben zu ziehen. Beispielsweise wenn ich am Einsatzort eintreffe und ein Kind im Alter meiner Kinder betroffen ist, dann darf ich nicht denken: «Wenn das jetzt mein Kind wäre.» Dann bin ich emotional zu sehr beteiligt und lenke den Bezug zu stark auf mich selbst. Das können nicht alle, zeichnet aber das KIT-Team aus. 

Wie reagieren Sie, wenn Sie eintreffen?
Erst erfasse ich die Situation. Jeder Betroffene reagiert anders. Das Gespür, was in einem solchen Moment hilft, muss vorhanden sein. Es gibt Menschen, die verhalten sich vollkommen ruhig und schweigen. Andere dagegen haben sofort sehr viele Fragen. Darauf muss man eingehen können und teilweise die Ruhe einfach aushalten. Wir erhalten viele Rückmeldungen, bei denen die Leute sagen: «Es hat sehr gut getan, dass du einfach hier warst.»

Ist die Betreuung jeweils einmalig?
In den meisten Fällen schon. Oft fragen wir am nächsten Tag kurz nach, ob noch etwas unklar sei. Unsere Aufgabe ist es, so lange zu unterstützen, bis die Handlungsfähigkeit wieder zunimmt. Mein Ansatz liegt darin, zu fragen: «Was benötigst du jetzt? Was würde dir guttun? Wen möchtest du als erstes informieren?» und so weiter. Ich zeige die Schritte für die nächsten Stunden und Tage auf, um das Netzwerk zu aktivieren, damit Betroffene nicht alleine sind. Für die Verarbeitung ist es wichtig, dass die Leute selbst handeln, und dort knüpfen wir an. 

Gibt es einen Fall, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Es ist nicht jeder KIT-Einsatz so dramatisch. Teilweise führen wir Gespräche mit Personen, die gerade eine schwierige Situation in der Familie oder in einer Beziehung durchmachen und für den Augenblick nicht weiterwissen. Nebst der Landespolizei werden wir auch von anderen Organisationen aufgeboten. Jede Privatperson hat die Möglichkeit, uns zu kontaktieren. Wir therapieren nicht, sondern vernetzen Ratsuchende mit Fachpersonen. Hier stellen wir sicher, dass Betroffene, wenn angezeigt und vorallem gewünscht, zeitnah zu einer Psychotherapeutin, der Hausärztin oder anderen vermittelt werden. Manchmal wird für Freunde oder Bekannte angerufen, bei denen das Umfeld realisiert, dass es dieser Person nicht gut geht – auch bei Verdacht auf Suizidalität. Die Wertschätzung und Dankbarkeit der Personen, die wir durch unsere Arbeit erfahren, macht die Tätigkeit trotz ihrer Tragik befriedigend.

Also gehen Sie am Abend mit einem guten Gefühl nach Hause?
In den meisten Fällen schon. Bestimmt gibt es auch Situationen, in denen ich mir im Nachhinein Gedanken mache, ob wirklich alle unsere Möglichkeiten ausgeschöpft worden sind. Bei Beziehungskonflikten oder häuslicher Gewalt, die schon über einen längeren Zeitraum bestehen, kann ich die Situation zwar nicht vor Ort ändern, jedoch dazu beitragen, dass sie sich vielleicht längerfristig verbessert.

Wie hat sich die Arbeit des KIT in den 20 Jahren seines Bestehens verändert?
Ursprüngliche entstand das KIT im Zusammenhang mit Suizid. Vor 20 Jahren war dies das Kernthema, als die Rate in ganz Europa stieg, und auch heute noch ist die Tendenz in Europa und Liechtenstein steigend. Man wollte in diesem Bereich etwas unternehmen. Mittlerweile haben sich die Themen vervielfältigt. Es sind noch immer viele psychosoziale Notfälle, Konflikte und Beratungen. Es hat sich insofern verändert, dass das Spektrum breiter geworden ist.

Könnte das daran liegen, dass die Menschen heute mehr sensibilisiert sind?
Auf jeden Fall. Gerade psychische Erkrankungen sind heute gesellschaftsfähiger. Man spricht darüber und es gibt öffentliche Veranstaltungen über diese Themen. Das wichtigste dabei ist zu wissen, dass es überhaupt Organisationen gibt, die beraten und unterstützen. Dort ist viel Arbeit geleistet worden, auch dass das KIT sehr breit vernetzt ist und bei den Leuten ankommt.

Wie viel Zeit nehmen die Fälle in Anspruch?
Ein Einsatz dauert in der Regel ein bis drei Stunden. Die Fachmeinung ist, dass ein Kriseninterventionseinsatz in der Regel innerhalb von 4 Stunden abgeschlossen sein sollte. Aus unterschiedlichen Gründen kann es auch vorkommen, dass ein Einsatz überdurchschnittlich lange dauert. 

Was hat Sie dazu veranlasst, für das KIT zu arbeiten? 
Für Menschen in aussergewöhnlichen Situationen da zu sein und sie in den ersten Stunden zu betreuen, motiviert mich immer wieder aufs Neue. Es braucht eine gewisse Lebenserfahrung, Offenheit und Flexibilität. Das bringe ich durch meine Tätigkeit im Spital Grabs mit, dort arbeite ich bereits seit 25 Jahren. Wir müssen bereit sein, zu gehen – auch nachts. Die Arbeit des KIT habe ich schon seit längerer Zeit mit grossem Interesse, Achtung und Respekt verfolgt.

Hat die Tätigkeit im Spital diese Entscheidung beeinflusst?
Ich denke schon. Daher bin ich auch schon krisenerprobt. Ich hatte schon immer mit Menschen in aussergewöhnlichen Situationen zu tun. Viele Menschen begleitete ich schon während gesundheitlichen Krisen bis hin zur Sterbebegleitung. So wurde ich nicht ganz ins kalte Wasser geworfen. 

Wie vereinbaren Sie dies mit der Familie?
Ich habe damit gewartet, bis meine Kinder alt genug waren, um sie jederzeit alleine zu Hause zu lassen. Dadurch, dass ich im Spital arbeite, bin ich mir die unregelmässige Arbeit gewöhnt und meine Familie unterstützt mich dabei sehr. Meine Kinder sind inzwischen alt genug, um gewisse Dinge selbst anzupacken, wenn ich los muss. (ms?

18. Nov 2018 / 00:00
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