• Janine Ziegler in Weite
    Janine Ziegler leitet den Stützpunkt des Grosstierrettungsdienstes in Weite.  (Daniel Schwendener)

"Erstaunlich, in wie kleine Löcher Grosstiere fallen"

Der Grosstierrettungsdienst kümmert sich um in Not geratene Tiere. Janine Ziegler leitet den Stützpunkt in Weite, der ein grosses Einzugsgebiet abdeckt.

Frau Ziegler, wie sind Sie zur Grosstierrettung gestossen?
Janine Ziegler, Grosstierrettung Stützpunktleiterin Rheintal/GR/FL: Ich brauchte sie selbst. Als unser Fohlen verletzt war und in die Klinik musste, riefen wir die Grosstierrettung für den Transport an, da wir versichert waren. Wir kamen mit den Rettern ins Gespräch und waren begeistert. Eine Woche später schauten ich und mein Mann an einer Übung zu und seit da stehen wir für die Grosstierrettung im Einsatz. 

Wann wird die Grosstierrettung gerufen?
Einerseits wenn Grosstiere – ab der Grösse eines Schafes – in die Tierklinik nach Zürich transportiert und andererseits, wenn Tiere geborgen werden müssen. Das kann sein, wenn es zum Beispiel einen Abhang hinuntergerutscht ist und nicht mehr von selbst heraus- oder hochkommt. Wir sind ein Milizsystem, arbeiten also ehrenamtlich und sind meist noch 100 Prozent berufstätig. Wir rücken dann aus, wenn uns jemand ruft. 

Habt ihr einen Pikettdienst?
In der Regel rücken wir – was den Stützpunkt Weite betrifft – im Schnitt jeden zehnten Tag aus. Wir sind zu siebt und alle erhalten den Alarm. Diejenigen, die am schnellsten vor Ort sein können, übernehmen den Einsatz. Ein Pikettdienst ist aufgrund der niedrigen Einsatzzahlen schwierig, da man meist umsonst zu Hause bleibt und wartet. Ausser an Feiertagen und zu Ferienzeiten sprechen wir uns ab, sodass genug Personen verfügbar sind. Wir sind immer zu zweit unterwegs, ausser es steht eine Bergung bevor, dann rücken alle aus, die können. 

Muss man dafür einen flexiblen Job haben?
Nicht unbedingt. Einige können während der Arbeit weg, andere nicht. Dafür können die vielleicht eher am Wochenende oder frühen Abend Einsätze übernehmen. So geht es sich immer aus. 

Gibt es einen Zeitraum, in dem ihr öfters ausrücken müsst?
Das nicht. Je nach Jahreszeit unterscheiden sich die Einsätze. Für Transporte in die Klinik werden wir meist abends aufgeboten, nachdem der Tierarzt tagsüber alles versucht hat. Bergungen können jederzeit eintreffen.

Mit welchen Tieren habt ihr am meisten zu tun?
Oft sind es Pferde, die wir ins Tierspital fahren. Bei Bergungen handelt es sich meist um Kühe und Pferde, das Verhältnis ist etwa ausgeglichen. 

Der Stützpunkt in Weite deckt das Rheintal, Liechtenstein und Graubünden ab – ein grosses 
Einsatzgebiet.

Es ist sehr weitläufig und dementsprechend dauern auch die Einsätze. Wenn wir ein Pferd vom Engadin ins Tierspital transportieren, vergehen unter Umständen schon mal zwölf Stunden, bis der Einsatz vorbei ist. In der Regel dauert ein Transport mindestens fünf Stunden, ausser es ist eine einfache Bergung. Wir entlasten uns jeweils gegenseitig, indem beispielsweise das Team, das im Engadin ein Pferd holt, von einem anderen abgelöst wird oder die Grosstierrettung Zürich uns entgegen fährt, um das Tier zu übernehmen.

Müsst ihr oft ins Bündnerland ausrücken?
Diesen Sommer war es etwas speziell, da wir öfters als sonst Pferde bergen mussten, die während eines Wanderrittes abgestürzt und nicht mehr aus eigener Kraft hochgekommen sind. Die Stürze waren nicht unbedingt schlimm, aber die Tiere steckten beispielsweise in einem Bachtobel fest und kamen nicht mehr alleine raus. Zudem befinden sich im Sommer viele Kühe und Pferde auf den Alpen. Da gibt es immer wieder Fälle, bei denen die Tiere abrutschen und irgendwo stecken bleiben. 

Wie gelangt ihr in das unwegsame Gelände auf den Alpen?
Wir arbeiten mit Helikopterfirmen zusammen und bieten den nächstgelegenen Stützpunkt für die Bergung auf. Je nachdem, wo sich der Unfallort befindet, fahren wir selbst hin. Selten kommt es vor, dass wir mit dem Helikopter mitfliegen – nur, wenn es ein dringlicher Notfall ist, bei dem jede Minute zählt oder man nur über einen längeren Fussmarsch zum Einsatzort gelangt. 

Welche Ausbildung absolviert man, um beim Grosstierrettungsdienst mitzuarbeiten?
Wir absolvieren eine technische Ausbildung und besuchen verschiedene Fachkurse wie Wasserrettung, Flughelfer und eine Fahrausbildung – geleitet von den entsprechenden Fachpersonen. Dazu gehört auch ein Praktikum im Tierspital. Wir verordnen aber keine Medikamente oder dergleichen – wir sind keine Tierärzte. Wir sind so ausgebildet, dass wir einschätzen können, ob eine Sedierung notwendig ist, und lernen, die Pferde zu lesen. Für die Transporte haben wir eine Sonderbewilligung, um das Tier während der Fahrt im Anhänger zu betreuen und sofort reagieren zu können, wenn die Situation brenzlig wird. Eine spezielle Einrichtung erlaubt es uns, die Tiere in einem Netz zu stabilisieren. Diese muss aber überwacht werden. Per Kamera und Funk ist die Person im Anhänger ständig mit dem Fahrer in Kontakt. 


Bestimmt gibt es auch schwierige Situationen, wenn Tiere schwer verletzt und ihre Besitzer panisch sind.
Gewisse Situationen gehen einem schon Nahe. Mit der Zeit lernt man, damit umzugehen. Wenn ich beispielsweise während eines Transports sechs Stunden lang mit dem Pferd oder der Kuh im Anhänger verbringe, hab ich das Tier lieb gewonnen. Wir versuchen stets in Erfahrung zu bringen, wie es dem Tier danach ergangen ist. Es gibt traurige, aber auch viel schöne Momente.

Wie distanzieren Sie sich davon?
Wichtig ist, dass im Team viel darüber gesprochen wird und wir können uns auch mit den Leuten im Tierspital und den Besitzern austauschen. Gewisse Bilder müssen einfach verarbeitet werden. Mit der Zeit lernt man, eine gewisse Distanz zu wahren und die Fälle emotional nicht zu Nahe an sich heranzulassen.

Was war bis jetzt Ihr speziellster Einsatz?
Von der Tierart her ist so ziemlich alles speziell, was nicht gerade ein Pferd oder eine Kuh ist – beispielsweise Alpakas, die hatten wir auch schon. Die Tiere selbst sind jedoch so unterschiedlich und man weiss nie, wie sie reagieren. Mit den Pferden ist es am schwierigsten, Kühe sind da einfacher. Interessant wird es jeweils, wenn mehrere Parteien am Einsatz beteiligt sind. Beispielsweise hatten wir mal einen Fall, bei dem ein Kalb in den Rhein geraten ist: Wir, die Wasserrettung, die Distanzimmobilisation und sogar ein Helikopter standen im Einsatz. Das brauchte viel Organisation und war spannend. 

Sind die Bergungen meist Unfälle, die man hätte vermeiden können?
Bergungen gibt es einfach, da braucht es nicht zwingend ein Fremdverschulden. Klar kann man im Nachhinein immer sagen, das hätte man verhindern können. Unfälle passieren und da dürfen wir auch niemandem einen Vorwurf machen. Meistens ist es dumm gelaufen.

Auf den Fotos eurer Internetseite sind einige Fälle abgebildet, bei denen Tiere aus Misthaufen oder Güllenlöchern geborgen werden.
Es ist teilweise wirklich erstaunlich, in wie kleine Löcher die Grosstiere fallen können. Die Besitzer und auch wir staunen da immer wieder. Oft liegt es daran, dass viele Holzabdeckungen morsch sind. So etwas passiert einem Tierhalter meist nur einmal.

Muss man versichert sein, damit ihr ausrückt?
Neu ist es so, dass es für Pferdebesitzer eine Mitgliedschaft gibt, bei der man jährlich einen zweistelligen Beitrag einzahlt. Dann ist der Einsatz kostenlos. Im Anschluss muss ein Schadensformular innerhalb von 30 Tagen eingereicht werden, ansonsten wird ein Selbstbehalt fällig. Nicht-Mitglieder bezahlen den gesamten Einsatz. 

Gilt das für alle Tiere?
Für Kühe gibt es keine Mitgliedschaft. Wenn wir von einem Landwirt aufgeboten werden, unterstützt uns die Susy Utzinger Stiftung, die den Einsatz subventioniert. So liegt es für die Landwirte auch finanziell drin, eine Kuh ins Tierspital fahren zu lassen. Da finden wir meist eine Lösung.

Reichen die Mitgliederbeiträge und die Unterstützung der Stiftung für die Grosstierrettung finanziell aus?
Nein, wir sind auf zusätzliche Spenden angewiesen. Wir organisieren viele Infoveranstaltungen und zwei Mal im Jahr versenden wir Spendenbriefe. Der Aufwand ist schon gross und auch das medizinische Material, das vorhanden sein muss, ist kostspielig. Hinzu kommt die gesamte Ausrüstung für spezielle Bergungen für Mensch und Tier.

Ist der Grosstierrettungsdienst eine Blaulicht-Organisation?
Nein, lediglich der Standort in Zürich hat Blaulicht erhalten. Das war uns sehr wichtig, denn sobald man dort mit einem Notfall im Stau steht, wird die Situation brenzlig. Sie ist nun der Feuerwehr angeschlossen. In den anderen Kantonen sind wir noch dran. Denn in Dörfer macht es durchaus Sinn. Wenn Tiere in ein Güllenloch fallen, wird erst die Feuerwehr aufgeboten und dann wir. Die Feuerwehr ist somit viel früher vor Ort und muss auf uns warten. Darum erachten wir das Blaulicht für nötig, damit wir ebenfalls rasch vor Ort sind. Auf der Autobahn dürfen wir sowieso nicht schneller fahren als erlaubt – auch nicht mit Blaulicht. (ms)

03. Nov 2019 / 00:00
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