•  (pd)

"Erfolg ist nicht das Ziel"

Reto Gurtner ist ein erfahrener Unternehmer. Er weiss, was eine gute Führung ausmacht und dass die Digitalisierung nicht der Schlüssel ist.

Herr Gurtner, Sie blicken auf eine langjährige Führungserfahrung zurück. Können Sie mir sagen: Was bedeutet Führen überhaupt?
Reto Gurtner:
Eine interessante Frage. Früher hiess Führen «Command and Control» – man hat sehr viele Kontrollinstrumente gemacht, was zu viel Bürokratie führte. Alles war recht prozessorientiert. Heute geht man jedoch ganz weg von diesem CEO-Denken und bricht die hierarchischen Strukturen auf. 

Kann man ohne hierarchische Strukturen überhaupt von Führung sprechen?
Es geht mehr ums Coachen, darum, einen klaren Weg vorzugeben. Früher hat die Führung ein Ziel vorge-
geben, das sich vor allem an den Kunden orientierte. «Der Kunde ist König» – dieses Sprichwort gilt schon lange nicht mehr. Heute ist der Mitarbeiter auch ein Kunde. 

Wie meinen Sie das?
Wir leben in einer Zeit, in der neuesten Studien zufolge bald über 80 Millionen hochqualifizierte Facharbeiter fehlen. Und wohin gehen jene, die noch bleiben? Sie können sich ihren Job aussuchen. Früher hat man sich die Leute ausgesucht, die zum Job passen. Heute stellen sich die Arbeitnehmer die Frage, ob das Unternehmen passt. 

Was bedeutet das für die Unternehmensführung?
Heute muss man in Führungspositionen vor allem den Auftrag, die Mission vermitteln. «I have a dream» – die Worte von Martin Luther King sind nie aktueller gewesen als heute. Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist: Worum geht es?

So mancher würde auf die Frage wohl mit "Erfolg" antworten …
Aber Erfolg ist nicht das Ziel. Erfolg ist lediglich das Resultat. Wir müssen wegkommen vom Gewinndenken und neue Werte schaffen. Dafür muss man jedoch verstehen, für wen man arbeitet. Denn die Wertigkeit ist nicht überall dieselbe. In einer hochentwickelten Volkswirtschaft zum Beispiel haben die Menschen andere Bedürfnisse als jene eines Dritte-Welt-Landes. Als es noch darum ging, die Grundbedürfnisse zu bedienen, hat die Arbeitsteilung Sinn gemacht. Jeder hatte seine Aufgabe. Heute wollen die Leute einen Sinn in ihrer Arbeit haben, nicht mehr nur Geld verdienen. Wer nur des Geldes wegen arbeitet, wird auf Dauer unglücklich. 

Also kommen wir auf die Frage zurück: Worum geht es?
Um die Menschen – ganz klar. Besonders in einer Welt, die so schnelllebig ist und in der die Digitalisierung vieles erleichtert, sind die Menschen umso wertvoller. Es geht nicht um Digitalisierung. Das ist nur Mittel zum Zweck. Wenn es darum geht, Informationen zu beschaffen, da hilft die Digitalisierung enorm. Denn nur wenn ich meine Kunden und ihre Bedürfnisse kenne, kann ich auf sie ein-
gehen. Da sind mittlerweile Unmengen an Daten vorhanden. Früher war das die Erfahrung. 

Mit Erfahrung allein kommt man heute nicht mehr weit.
Nein. Es hat eine Verschiebung gegeben. Früher haben die Unternehmen den Ton angegeben, heute sind das die Kunden. Es gibt mittlerweile so viele Angebote. Wenn eines nicht passt, geht man eben woanders hin. 

Was bedeutet das für die Unternehmer in der heutigen Zeit?
Für die Unternehmen geht es darum, eine Community aufzubauen, ein Ökosystem, in dem gleichgesinnte zusammenkommen und sich wohlfühlen. Kein Angebot, das für alle passen soll. Man muss extrem fokussiert sein. Das heisst nicht, anders zu sein, sondern zu wissen: Wo komme ich her, wo stehe ich und wo will ich hin. Begeistern zu können, ist eine entscheidende Tugend der Führung.

Die Motivation ist also ein entscheidender Faktor, wenn es um Erfolg geht.
Richtig. Wenn die Menschen bzw. die Mitarbeiter Freude an ihrer Arbeit haben und einen Sinn dahinter sehen, sind sie auch motiviert, etwas zu leisten. Der Sinn der Arbeit muss als Ziel definiert werden.

Und wie erreicht man das?
Früher hat man zum Beispiel auf das Jahresergebnis geschaut. Heute macht man dasselbe, nur in kürzeren Sequenzen. Wenn man regelmässig ein Erfolgserlebnis hat, steigt auch die Begeisterung. Das hat viel mit der Firmenkultur zu tun und wie man miteinander umgeht. Früher hat man ein Assessment gemacht und sich die Frage gestellt: Passt der Arbeitnehmer zum Job? Heute sucht man sich die Arbeitnehmer anhand ihrer Stärken aus, und zwar jene, die Freude an dem haben, was sie tun. Das ist wie in einer Beziehung. Wenn man jemanden kennenlernt, macht man im Normalfall auch keine Liste mit positiven oder negativen Eigenschaften. Warum? Das ist eine Vertrauensfrage. 

Wie gewinnt man dieses Vertrauen?
Ganz einfach: durch Transparenz. Das schafft Vertrauen und das wiederum schafft Werte – und am Ende Gewinn, wenn man die Kette so weiterspielen möchte. 

Transparenz setzt ein gewisses Mass an Kommunikation voraus …
… Offenheit, vor allem. Die Geschichte hat immer wieder gezeigt: Ein Staat hat nur Erfolg, wenn er offen ist. 

Hier erweist sich doch die Digitalisierung als Vorteil. 
In gewisser Weise, ja. Allerdings werden wir mit Informationen überflutet. Da ist die grosse Herausforderung, wie man sich aus der ganzen Daten- und Informationsflut heraus eine eigene Meinung bilden kann. Dafür ist es jedoch wichtig, dass man in einer Welt, in der so viele Meinungen kursieren, die Fakten kennt. Meinungen darf man haben und man muss sie auch als solche tolerieren, aber man braucht Fakten, um Entscheidungen fällen zu können. Zum Glück ist die Digitalisierung auch hilfreich, um die Unmengen an Informationen zu verarbeiten. Wenn es allerdings um emotionale Dinge geht, ist das immer noch die Domäne des Menschen. Wenn man die Trends spüren will, wissen will, was die Gesellschaft bewegt und verändert, kommt man nicht um den direkten Kontakt herum. (sms)

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02. Jun 2019 / 00:00
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