•  (Daniel Schwendener)

"Eine Sonderbehandlung gab’s für mich aber nicht"

Aufgrund ihrer Gehbehinderug fällt Anja Pucher nicht nur im ersten Arbeitsmarkt aus dem Rahmen. Weniger Berührungsängste – das wünscht sie sich.

Anja Pucher wohnt im Erdgeschoss. Nach dem Klingeln dauert es etwas länger als allgemein üblich, bis sich die Tür öffnet. Die 26-Jährige erwartet ihre Gäste mit einem Lächeln auf den Lippen – und stehend.

Frau Pucher, entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen zu nahe trete ... ich dachte, Sie sitzen im Rollstuhl.
Anja Pucher:
Sie dürfen gern fragen (lacht). Im Umgang mit Menschen mit Behinderung haben die Leute oft Hemmungen. Dabei ist das völlig unbegründet. 

Es macht Ihnen also nichts aus, über Ihr Handicap zu sprechen?
Nein, absolut nicht. Und um Ihre Frage zu beantworten: Ja, ich habe einen Rollstuhl. Ich habe das Glück, nicht vollständig gelähmt zu sein. Ich kann also gehen – wenn auch nur kurze Strecken.

Werden Sie denn oft auf Ihre Behinderung angesprochen?
Nein, eigentlich nicht. Aber ich merke schon, dass die Leute neugierig sind. Wenn sie merken, dass es mir nichts ausmacht, darüber zu sprechen, fragen sie auch nach.

Was für eine Behinderung haben Sie?
Der Fachausdruck dafür ist «Spina bifida». Ich wurde mit einem offenen Rücken geboren. 

Davon habe ich schon gehört. 
Das ist eine Art angeborene Rückenmarksverletzung. Je nach Ausprägung liegt das Rückenmark bei der Geburt tatsächlich offen, die Nervenstränge liegen frei und sind teilweise oder ganz unterbrochen. Studien zufolge ist die Ursache ein Folsäuremangel während der Schwangerschaft. Mittlerweile ist die Fehlbildung nicht mehr so häufig wie früher einmal. Etwa eines von tausend Kindern kommt mit einem offenen Rücken zur Welt. 

Sind Sie im Alltag mehr mit dem Rollstuhl unterwegs oder zu Fuss?
Ich versuche so viel wie möglich zu laufen. Die meiste Zeit bin ich aber im Rollstuhl unterwegs. Heute etwas mehr als früher. 

Warum?
Es ist einfacher, schneller und ehrlich gesagt auch bequemer für mich. 

Wie sieht Ihr Alltag aus?
Ich nehme an, wie der von anderen Leuten auch: Ich gehe arbeiten, mache im Haushalt, was möglich ist, gehe einkaufen und ins Fitnessstudio. Was meinen Alltag von jenem gesunden Menschen unterscheidet, ist wohl das Tempo. Bei mir geht alles etwas langsamer voran. 

Wo arbeiten Sie?
Ich arbeite bei chur@work, einem Büro-Dienstleistungsbetrieb. Das Unternehmen beschäftigt Menschen mit Handicap.

Welches sind Ihre Aufgaben dort?
Ich bin am Empfang und arbeite bei  Kundenarbeiten mit. Ausserdem gebe ich interne PC-Schulungen, wie zum Beispiel Textverarbeitung oder zu den Microsoft-Office-Programmen. 

Arbeiten Sie Vollzeit?
Nein, ich arbeite 50 Prozent. Das ist auch das Maximum, das spüre ich schon. 

Inwiefern?
Meine Behinderung hat nicht nur körperliche Auswirkungen. Sie bringt auch kognitive Schwächen mit sich.

Wie äussern sich diese?
Man sagt ja, Frauen sind multitaskingfähig. Das kann ich von mir nicht behaupten (lacht). Ich kann mich immer nur auf eine Sache nach der anderen konzentrieren. Ich muss mir vielleicht auch öfter Notizen machen als andere, damit ich nichts vergesse. Und ich bin, wie gesagt, etwas langsamer. Das sind Dinge, die im ersten Arbeitsmarkt leider nicht immer toleriert werden.

Waren Sie denn schon einmal im ersten Arbeitsmarkt tätig?
Ja, ich habe ein paar Praktika im ersten Arbeitsmarkt absolviert. Ich hatte die Hoffnung, eines Tages fest angestellt zu werden. Nach eineinhalb Jahren Arbeitslosigkeit bin ich in den zweiten Arbeitsmarkt zurückgekehrt. 

Das tönt frustrierend.
Das ist es. Ich habe eine zweijährige Lehre zur Büroassistentin absolviert und eine dreijährige KV-Ausbildung gemacht. 

In Sachen Integration gibt es also noch Verbesserungspotenzial.
Ja, da sind wir noch lange nicht am Ziel. Wenn man von Barrierefreiheit spricht, denkt man zuerst an Rollstuhlgängigkeit. Dabei geht es auch darum, zwischenmenschliche Barrieren abzubauen. Darum, sich zu trauen, jemanden einzustellen, der anders ist und für manche Dinge etwas mehr Zeit braucht. Und darum, dafür Verständnis zu zeigen – nicht nur als Arbeitgeber, auch als Kunde. Aber verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe kaum Grund, mich zu beschweren. Im Gegenteil. Ich hatte eine tolle Kindheit und Schulzeit – auch was das Thema Integration betrifft. 

Wie meinen Sie das?
Ich bin in eine «normale» Schule gegangen, also mit Kindern ohne Behinderung.

Das ging?
Ja, klar! Ein Vorteil war sicher, dass ich laufen konnte. Aber die Schule wusste ja, dass ich komme und hat bei der Organisation darauf geachtet. Damals wurde in Gams ein neues Schulhaus gebaut. Ich war eine jener, die frisch umzogen sind, da hat man mich beziehungsweise meine Eltern gefragt, was ich brauche. Das fand ich unglaublich toll. Eine Sonderbehandlung gab’s für mich aber nicht. Ich habe ganz normal am Unterricht teilgenommen, eine Zeit lang sogar am Turnunterricht. Da lag es an der Lehrperson, die Stunde so zu gestalten, dass ich möglichst mitmachen konnte. Später wurde ich vom Sport freigestellt und bin währenddessen in Therapie gegangen. 

Sie halten nichts von «Extrawürsten».
Absolut nicht. Nur weil ich im Rollstuhl sitzte? Sicher nicht! Als gesunder Mensch kann man sich das vielleicht nicht vorstellen, weil es selbstverständlich ist. Aber für einen Menschen mit einem Handicap ist seine Selbstständigkeit etwas unglaublich Wertvolles.

Mit einer Behinderung auf sich gestellt zu sein, ist sicher nicht einfach. Wie meistern Sie Ihren Alltag?
Mit viel Planung und einigen Hilfsmitteln (lacht). Wenn ich zum Beispiel Besuch erwarte, bin ich froh, wenn ich das einige Tage im Voraus weiss. Aber ich nehme an, das geht jeder Hausfrau gleich. Dank der tollen Unterstützung meines Freundes machen wir den Haushalt gemeinsam. Eine Putzfrau habe ich nicht (lacht).

In welchen Bereichen in Ihrem Leben sind Sie auf Hilfe angewiesen?
In allem. Mein Freund und mein engstes Umfeld stehen mir immer zur Seite. Egal ob Grosseinkauf, Haushalt oder gar bei der Körperpflege. Bei guter Organisation, kann ich auch selbständig Kleinigkeiten erledigen. 

Das sorgt sicher für Verwunderung.
Ja (lacht). Wenn man eine so offensichtliche Behinderung hat, sorgt man manches Mal für Aufmerksamkeit. Aber die Blicke, die man dafür erntet, wenn man kurz vom Rollstuhl aufsteht, sind göttlich! 

Den hatte ich wohl zu Beginn unseres Gesprächs auch ... 
Allerdings.

01. Jul 2018 / 00:00
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