•  (Tatjana Schnalzger)

"Die Erkenntnisse sind wichtiger als die Daten"

Die Welt wird von Daten überflutet. Einer, der dabei das Steuer fest im Griff hat, ist Aaron Giesinger. Ein Gespräch über Big Data, Digitalisierung und das neue Gold.

Herr Giesinger, Sie sind Experte in Sachen digitale Transformation und Business-Intelligence-Lösungen – das tönt recht abstrakt.  
Aaron Giesinger: Ganz so abstrakt, wie es klingt, ist es zum Glück nicht. Unter Digitalisierung versteht man allgemein, dass man weg vom Papier geht. Diesen Schritt haben wir in vielen Bereichen schon längst gemacht. Wie Sie sehen, verwende ich zum Beispiel selbst gern mein Tablet. Meine Notizen mache ich aber nach wie vor handschriftlich, aber eben auf dem Tablet. Computer gehören längst zu unserem Alltag – in verschiedensten Formen. Diese produzieren eine Unmenge an Informationen. Es geht darum, diese Daten bestmöglich zu nutzen. 

Tun wir das denn nicht?
Nicht so, wie wir könnten und bei Weitem nicht in allen Bereichen. Ein Beispiel: Ein Mitarbeiter arbeitet an einer Maschine und notiert auf einem Zettel, was er macht, wie lange er dafür braucht und welche Materialien und Werkzeuge er benötigt. Den Zettel gibt er dem Vorarbeiter, der trägt die Informationen in eine Excel-Tabelle und schickt diese weiter an den Produktionsleiter, der die Daten aus der einen Excel-Tabelle in eine andere Excel-Tabelle überträgt, damit er die Informationen von mehreren Maschinen sieht. Wir haben also jede Menge Arbeitsschritte und manuellen Aufwand der Datenpflege. Je grösser ein Unternehmen ist, desto mehr solcher Schritte und manuell gepflegte Tabellen gibt es. Will man sie analysieren, werden sie oft händisch unter grossem Aufwand zusammengeführt und in weiteren manuellen Auswertungen zusammengefasst. 
 
Ich vermute, Sie sind kein Fan von Excel-Tabellen …
Verstehen Sie mich nicht falsch. Excel-Tabellen sind nützlich, aber sie sind starr, begrenzt und fehler-anfällig. Es gibt Firmen, die Tausende Tabellen führen, um ihr Unternehmen zu steuern. Das ist ein unglaublicher Aufwand und birgt viele Fehlerquellen. Führt man die Informationen aber in einer Datenbank oder einem «Data Lake» zusammen, kann man sie flexibel auslesen, aufarbeiten und vergleichen, so wie man es braucht.

Und das soll mit der digitalen Transformation erreicht werden?
Mit der Digitalisierung können wir die vielen Zwischenschritte, die man im Laufe der Arbeitsprozesse hat, überspringen. Liefern die Maschinen, oder welche Systeme auch immer, die Informationen direkt an einen zentralen Datenpool, wo sie automatisiert analysiert und vor allem visualisiert werden, werden solche Fehlerquellen ausgemerzt. Einem Computer passieren keine Rechenfehler und er verrutscht auch nicht in einer Zeile. Man kann Daten fast in Echtzeit analysieren und aufgrund deren fundierte Entscheidungen treffen. In der heutigen, schnelllebigen Zeit will man jederzeit und überall aktuelle Daten zur Verfügung haben, um schnell reagieren zu können. 

Birgt ein solches Tempo nicht auch Risiken? 
Im Gegenteil. Die Gefahr, dass ich mich auf eine Kleinigkeit fokussiere und das Gesamtbild aus den Augen verliere, ist sogar geringer. Die Daten werden so ausgewertet beziehungsweise dargestellt, wie ich sie brauche – und zwar alle notwendigen Informationen, nicht nur, wie bisher, einzelne. Ich bekomme einen fundierten Überblick über die aktuelle Situation und kann sie zudem ganz unkompliziert vergleichen. Zuvor war das vielleicht noch ein riesiger Aufwand. 

Es geht also um die Optimierung von Prozessen.
Genau. Und ich kann nur dann optimieren beziehungsweise die richtigen Entscheidungen treffen, wenn ich die validen Informationen vor mir habe. Daher ist es wichtig, dass Daten gesammelt und aber auch analysiert werden. Nur die Sammlung allein bringt keinen Wettbewerbsvorteil. Die Challenge dabei ist, den Überblick über den gesamten Prozess zu behalten. Wenn Arbeitsschritte übersprungen werden, vergisst man oft, was dazwischen passiert und warum. Um Prozesse zu optimieren, muss man den Weg der Informationen verstehen. Erst dann kann man diese nutzen und Erkenntnisse daraus schliessen. 

Bei Begriffen wie «Digitalisierung» und «Prozessoptimierung» fürchtet so mancher um seinen Job. Inwiefern verändert die Digitalisierung die Arbeit?
Solche Befürchtungen sind nicht unbegründet. In der Regel braucht man aber keine Angst davor zu haben, seinen Job zu verlieren. Ich ziehe da gern das Beispiel des Controllers heran. Die Aufgabe eines Controllers ist es, zu planen und zu steuern. Er sollte nicht Tausende Listen führen und aufbereiten müssen, um Ergebnisse zu bekommen. Dank der Digitalisierung und optimalen Prozessabläufen stehen die nötigen Informationen schneller bereit und das in einer Form, in der sie auch optimal genutzt werden können. Der Controller kann sich so wieder auf den Kern seiner Arbeit konzentrieren. 

Das hört sich nach einer eierlegenden Wollmilchsau an. Ist die Digitalisierung die Lösung für alles?
Nein, das auf keinen Fall. Das ist wie beim Raumschiff Enterprise mit Captain Kirk und Mr. Spock. Auf der einen Seite haben wir Kirk, den Menschen, der impulsiv und emotionsgeladen Entscheidungen trifft. Auf der anderen Seite ist Spock, der nüchtern und logisch handelt. Zusammen funktionieren sie perfekt. Allein für sich wären sie beide aufgeschmissen. So sehe ich auch die digitale Welt. Spock ist die Datenbank, die Technik. Und Kirk ist der Mensch, der seine Emotionen und Erfahrungen mit einbringt. 

Ist die digitale Transformation nur etwas für grosse Unternehmen?
Nein, absolut nicht. Es geht ja nicht um die Menge der Daten, sondern darum, die vorhandenen Daten optimal zu nutzen. Gerade für kleinere Unternehmen bietet die Digitalisierung Chancen, neue Möglichkeiten und Freiheiten. 

Mit der Cloud-Lösung fühlen sich nicht alle wohl …
Das verstehe ich gut. So ging es mir ehrlich gesagt auch. Sensible Daten gibt man nur ungern aus der Hand und speichert sie ausgerechnet auf einem fremden Server. Allerdings bieten diese oft mehr Sicherheit, als es ein kleiner lokaler Server im eigenen Gebäude könnte. Selbst wenn Geräte defekt sind, sind die Daten noch vorhanden. Und wie gesagt: Auf diese kann man von überall aus zugreifen. 

Gibt es Potenziale, die von den Unternehmen noch gar nicht erkannt wurden?
Ja, die gibt es in vielen Unternehmen. Da spielt aber weniger die Digitalisierung eine Rolle, sondern viel mehr, wie die Informationen und die Erkenntnisse daraus genutzt werden. 

Was sind die Hemmnisse der digitalen Transformation? Womit haben Ihre Kunden am meisten zu kämpfen?
Die Gewohnheit ist, glaube ich, die grösste Herausforderung. Wir Menschen reagieren auf Veränderung mit Angst und Vorsicht. Das liegt in unserer Natur. Wenn sie sehen, welchen Nutzen eine Veränderung bringen kann, ändert sich das zum Glück. Wichtig ist, dass man die Kunden bei ihren Bedürfnissen und Wünschen abholt, sich die Situation gemeinsam anschaut und sie auf dem neuen Weg begleitet. Das ist eigentlich unsere Hauptaufgabe. 

Sie sind also so etwas wie die Fahrlehrer der digitalen Transformation?
Das trifft es genau, ja. Das wäre ein guter Slogan.

Die Digitalisierung macht die Arbeit und das Leben flexibler. Was meinen Sie: Chance oder Risiko?
Es ist eine Chance. Besonders in Bezug auf die Mitarbeiter. Im Prinzip ist es egal, ob man im Büro sitzt, im Homeoffice oder im Zug – man arbeitet wann und wo man möchte. Ich glaube, diesbezüglich haben die vergangenen Monate auch so manchen die Augen geöffnet und gezeigt, was alles möglich ist. 

Treibt die Coronakrise die Digitalisierung voran?
Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen. In dem Bereich, in dem unser Unternehmen tätig ist, kann ich das aktuell nicht bestätigen. Aber auch wir haben unsere Arbeit, wie so viele, ins Homeoffice verlegt. Unsere Entwickler sind sonst mehrere Tage bei den Kunden vor Ort. Was sich verändert hat, ist die Basis, auf der man sich begegnet. So haben auch wir sämtliche Meetings mit den Kunden virtuell abgehalten. Wobei mir persönliche Treffen nach wie vor lieber sind. 

Es heisst «Big Data ist das neue Gold». Stimmen Sie dem zu?
Ich würde nicht die Daten, sondern die Erkenntnisse aus ihnen als das neue Gold bezeichnen. (sms)

18. Jul 2020 / 20:23
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