«Der Mensch ist irrational»

Wissenschaftskabarettist Vince Ebert erklärt, warum selbst intelligente Menschen in der Lage sind, den absurdesten Blödsinn zu glauben.

Herr Ebert, wir hoffen, Sie sind auch in schriftlich geführten Interviews lustig.
Vince Ebert: Jetzt machen Sie mir aber richtig Druck. Okay, dann vielleicht zum Einstieg ein wissenschaftlicher Witz: Zwei Colibakterien kommen in eine Bar. Sagt der Barkeeper: «Tut mir leid, wir bedienen keine Colibakterien.» «Wieso bedienen», sagen die zwei, «wir arbeiten seit Wochen in deiner Küche». 

Sie sind nach 2016 am kommenden Samstag ein weiteres Mal in Liechtenstein. Wie haben Sie das Land und das Publikum damals erlebt
Auch der Liechtensteiner hat ja Humor. Es war damals ein wahnsinnig lustiger Abend. Die Inhalte meines Programms sind ohnehin länderübergreifend. Ich rede im Kern über Wissenschaft und die funktioniert bekanntlich überall gleich. Ausser vielleicht im amerikanischen Bible Belt, den ja bekanntlich Gott vor 6000 Jahren erschaffen hat. Dazu gibt es sogar ein sehr 
renommiertes wissenschaftliches Paper: Genesis 1-4a.

Informieren Sie sich im Vorfeld über die Orte, an denen Sie auftreten und stellen dadurch einen Lokalbezug her? Wenn ja, was wissen Sie bereits zu Liechtenstein? 
Ich selbst komme ja aus einem eher ländlichen Bereich – dem bayerischen Odenwald. Genauer gesagt ist der sogar flächenmässig grösser als Liechtenstein! Darüber mache ich meine Scherze und ziehe dann gerne Parallelen zur jeweiligen Region. Schaan zum Beispiel finde ich faszinierend, weil es einer der wenigen Städte ist, deren Stadtplan im Massstab 1:1 herauskommt.  

«Fire and Fury»-Trump, Affentests fürs Diesel-Auto, SPD-Selbstdemontage: Braucht es noch Kabarettisten, wenn Realsatire täglich in den Nachrichten vorkommt?
Tatsächlich rede ich im Programm gar nicht so sehr über tagespolitische Themen. Mich interessieren eher die grossen Zusammenhänge: Warum ist der Mensch trotz wissenschaftlicher Erkenntnisse dennoch so irrational? Wieso glauben wir, die Welt wird immer schlechter, obwohl die meisten Daten das genaue Gegenteil sagen? Warum sind unbestätigte Anekdoten für viele glaubhafter als randomisierte Doppelblindstudien? 

Ich unterstelle, dass Sie als Diplom-Physiker rational denken und entscheiden. Dringt man mit rationalen Argumenten noch zu gewissen Teilen des Wahlvolks vor? Wie geht man am besten vor, um jene zu erreichen, die für rationale Argumente nicht mehr empfänglich sind?
Der Mensch ist irrational. Jeder von uns. Intelligente Menschen sind problemlos in der Lage, den absurdesten Blödsinn zu glauben. Es gibt Gynäkologen, die glauben an Jungfrauengeburt. Krebsforscher rauchen. Wir Menschen sind lebende Widersprüche. Die einen predigen Wasser und trinken Wein. Andere predigen Wein und trinken Wasser. Und wieder andere trinken ausschliesslich Wein. Millionen von uns verhalten sich auf eine Weise, von der sie wissen, dass sie ganz schön bescheuert ist. Wir rauchen, saufen, fahren Motorrad oder kaufen Hedgefonds. Manche heiraten sogar. Anderseits ist unsere Irrationalität das Geheimnis unserer Kreativität und Fantasie. Oder wie es Ludwig Wittgenstein treffend formulierte: «Wenn die Menschen niemals etwas Dummes täten, geschähe auch nichts Vernünftiges.»

Was war Ihr irrationalster Entscheid? 
Dass ich mich 2005 in meine Frau verliebt habe. 

... und ihr rationalster? 
Dass wir immer noch zusammen sind.

Was hat es mit Ihrem virtuellen Sidekick «VAL» auf sich? Wie funktioniert das?
VAL ist eine computergestützte Frauenstimme – angelegt an HAL, den Computer in Stanley Kubricks «2001 Odyssee im Weltraum». Ähnlich wie HAL auch übernimmt VAL ab und an im Programm das Kommando. Im Grunde ist es wie im normalen Leben auch: Benutzen wir die Technik oder benutzt Sie uns? 

Können Sie «VAL» die nächste Frage beantworten lassen?
«Ich habe Sie nicht verstanden ... Wenn Sie lieber einen Kunden-
berater möchten, dann sagen Sie ‹Kundenberater›. Für Kfz-Versicherungen wählen Sie die 1. Aus Gründen der Service-Qualität wird dieses Gespräch mitgeschnitten …»

Wird der Mensch durch künstliche Intelligenz dereinst nutzlos? 
Definitiv nicht! Wir Menschen sind nach wie vor in vielen Dingen dem Computer heillos überlegen. Bis zum heutigen Tag versteht kein Computer eine einfache Kindergeschichte, die man ihm vorliest. Prozessoren wissen nicht, dass man nach dem Tod nicht mehr zurückkommt oder dass man mit einem Bindfaden ziehen, aber nicht schieben kann. Big Data und Algorithmen sind tolle Tools. Aber sie werden wahrscheinlich nie die menschliche Kreativität ersetzen. Weil Computer komplett anders arbeiten als Gehirne. Einen guten Freund aus 60 Metern von hinten zu erkennen, das fällt uns leicht. Ein Computer kann das nicht. Der hat keinen guten Freund. Dafür kann der blitzschnell 73 mit 26 multiplizieren. Ein Mensch, der das kann, hat meistens auch keinen guten Freund. 

Ihr Programm, das Sie in Schaan zeigen, heisst «Zukunft is the Future». Klingt irgendwie nach einem FDP-Wahlslogan, oder? Sagen Sie das nicht so laut, sonst klauen die den. 

Machen Sie jetzt Matthias Horx Konkurrenz? 
Matthias Horx und ich kennen und schätzen uns seit Jahren. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass wir beide eine ganz ähnliche Auffassung von der Zukunft haben. Wir sind beide in dieser Hinsicht Optimisten, aber tappen gleichzeitig nicht in die Falle, die Zukunft im Detail zu kennen. Denn mit konkreten Prognosen haben sich bekanntlich die grössten Experten immer wieder in die Nesseln gesetzt. «Wir denken, dass es einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer gibt», sagte IBM in den 40er-Jahren. «Wer zum Teufel will Schauspieler sprechen hören?», scherzte Warner Brothers in den 20ern. «Lolita und ich bleiben für immer zusammen», war sich 
Lothar Matthäus sicher. 

Was können die Zuschauer in Ihrem Programm erwarten? Geben Sie Prognosen für die Zukunft ab? Welche?
Als Physiker kann ich eines ganz sicher sagen: Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik besagt, dass es mit unserem Universum kontinuierlich bergab geht. Und spätestens seit Rammstein von Heino gecovert wurde, ist das jedem klar. Anderseits besagt der dritte Hauptsatz: «Man kann den absoluten Nullpunkt niemals erreichen.» Und das macht Mut. Egal, wie beschissen es uns geht, es ist immer noch Luft nach unten. 

Worin liegt die Chance eines Kleinstaats wie Liechtenstein? 
In der Flexibilität. Schnelles, flexibles Handeln ist in unruhigen Zeiten oftmals wichtiger als starre Grösse. Damit können Sie eine Menge Defizite ausgleichen. Kennen Sie die Tintenfischart Sepia apama? Die trifft sich einmal im Jahr zu einer riesigen Fortpflanzungsorgie in Südaustralien. Und dabei nutzen die schwächeren, die benachteiligten Männchen einen genialen Trick: Sie wechseln in einer Art Travestie die Farbe und täuschen vor, ein Weibchen zu sein. Also quasi vom Tinten- zum Tuntenfisch. Damit kommen sie unbemerkt an die streng bewachten Weibchen heran, machen ihre Farbe rückgängig und paaren sich. In Deutschland heisst das übrigens Karneval.

Wie sorgen Sie für die Zukunft vor? Halten Sie Aktien – wenn ja, welche? 
Wollen Sie jetzt einen Anlagetipp von mir? Auch wenn es im sicherheitsfanatischen Deutschland unüblich ist, habe ich tatsächlich meine Altersvorsorge hauptsächlich auf Aktien aufgebaut. Internationale Blue Chips. Ein bisschen Zocken ist aber auch drin. Vor einiger Zeit habe ich mit einer Put-Option auf Tesla ein schönes Sümmchen verdient. 

Zum Schluss noch drei Alltagsfragen: Ab wann braucht ein Kind ein Smartphone? 
Da bin ich definitiv der falsche Ansprechpartner. Wir haben keine Kinder.

Wie plane ich meine Zukunft am besten? 
Die Zukunft ist unberechenbar. Das ist schwer auszuhalten, aber es wird umso schwerer, wenn man das ignoriert und glaubt, durch das sture Befolgen und Anwenden von irgendwelchen dubiosen Erfolgstipps tatsächlich Erfolg zu haben. Deswegen plädiere ich statt für die etwas naive Think-positive-Strategie lieber für die Pizza-Margherita-Taktik: Erwarte nichts, dann wirst du im Zweifel positiv überrascht. 

Wie oft sollte ein gesunder Mensch täglich auf sein Handy schauen? 
Wie war noch mal die Frage? Ich hab’ gerade eine WhatsApp bekommen ... (db)

17. Feb 2018 / 22:14
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