• Michael Nachbaur, Götzis
    Michael Nachbaur besuchte mit Andrea Gussger in Sardinien 14 Hotels, um sich einen persönlichen Eindruck von der Lage zu machen.  (Tatjana Schnalzger)

"Das Reisen lässt sich keiner gerne nehmen"

Die Reisebranche leidet derzeit massiv unter den Einschränkungen. Doch Michael Nachbaur sieht in der Situation auch eine Chance für die Reisebüros.

Das Reiseverhalten hat sich kurzfristig extrem verändert. Wie sieht es derzeit in Ihrer Branche aus?
Michael Nachbaur, Geschäftsführer High Life Reisen: Anfangs hatte keiner damit gerechnet, dass das Reisen über so lange Zeit nicht möglich sein wird. Selbst als die Grenzen wieder geöffnet wurden, sind die Leute zu Hause geblieben. Für uns war es extrem schwierig, zu planen. Einerseits wussten wir nicht, wie gross die Einschränkungen für die Reisenden in unseren Zielgebieten sein werden und wieviele unserer Hotels überhaupt öffnen. Andererseits war unklar, wie sich die Nachfrage und nicht zuletzt die Coronasituation entwickelt.  Deshalb haben wir uns Ende Juni auf eine Testreise nach Sardinien begeben, um zu prüfen, wie die Hotels die Massnahmen umsetzen und wie die Situation generell vor Ort ist.
 
Wie haben Sie Sardinien erlebt?
Aufgrund der noch fehlenden Flugverbindungen waren nur sehr wenige Urlauber vor Ort. Wer auf die Insel reist, muss sich vorab online registrieren und bei der Einreise wird die Körpertemperatur gemessen – das war’s. Die Tourismus-Mitarbeiter sind alle froh, dass sie überhaupt arbeiten können. Obwohl es weniger Urlauber gibt, mangelt es nicht an der Atmosphäre. Das einzige, was an das Coronavirus erinnert, sind die Temperaturscanner in den Hotels und die Maskenpflicht in den öffentlichen Innenräumen. Sardinien hat wenige Fälle, da sich die Insel abgeschottet hat, doch die Devise lautet noch immer «Abstand halten». Wenn die paar Einschränkungen nicht stören, wird man Sardinien wie vor 30 Jahren bereisen können, aber mit dem Standard von heute.

Sie führten in den sozialen Medien ein Tagebuch Ihrer Reise.
Das fand grossen Anklang. Wir schauten uns 14 Hotels an und haben uns vor Ort ein Bild der Lage gemacht. Wir planen, ab Ende August wieder ab dem Flughafen 
Altenrhein diverse Reiseziele anzufliegen. In dieser Saison kommen vor allem Urlauber, die sich nach Ruhe und Entspannung sehnen, voll auf ihre Kosten.

Spürt man von den Massnahmen also nicht viel?
Als Besucher kaum, die meisten Massnahmen spielen sich unbemerkt vom Gast im Hintergrund ab. Das Zimmer wird beispielsweise vor der Ankunft gründlich desinfiziert. In vielen Hotels gibt es derzeit keine Buffets im klassischen Sinne. Die Teller werden beispielsweise hinter einem Glastresen vom Personal angerichtet oder à la carte serviert. Die Hotels werden nur bis zu 70 Prozent ausgelastet, um ihren Service und die Massnahmen einhalten zu 
können.

Sardinien ist eine Ihrer Hauptdestinationen.
Die Insel ist unsere wichtigste Destination und wir bieten daher bis zu zwei Flüge pro Woche an. Ausserdem haben wir ab Altenrhein Ferienflüge nach Kroatien und Mallorca im Programm. Weiters sind wir spezialisiert auf Städtereisen nach Wien. Seit Mitte Juni fliegt People’s wieder täglich ab Altenrhein in die Bundeshauptstadt. Sie ist eine der sichersten Städte der Welt, darum verzeichnen wir in diesem Bereich jetzt bereits wieder viele Buchungen. 

Wie fühlt es sich für Sie an, dass während der Hochsaison in Ihrer Branche einfach nichts los ist?
Dieses Jahr ist komplett anders. Ende Juni öffneten die meisten Hotels wieder. Wir waren fast die ersten in Sardinien vor Ort. Man fühlte sich wie in der Nebensaison, obwohl die Temperaturen und die Vegetation die Hochsaison repräsentieren. Wenn die Situation jetzt ruhig bleibt, wird man im September und Oktober mit zwei tollen Reisemonaten rechnen können. Wir arbeiten noch immer mit einem reduzierten Betrieb. Die Stornierungen und Umbuchungen nehmen viel Zeit in Anspruch. Wir haben unsere Öffnungszeiten und den Kundenempfang an die Nachfrage angepasst.  

Den Sommer wird wohl nichts mehr wettmachen können.
Den Sommerurlaub haben viele bereits umdisponiert. Wir hoffen nun noch auf den Herbst. Viele haben umgebucht oder ihre Ferien bereits auf den September oder Oktober verschoben, anstatt zu stornieren. 

Als kleiner Flughafen hat Altenrhein nun bestimmt einige Vorteile gegenüber den grossen.
Es wird nur ein Flug auf einmal abgefertigt, man hat nach wie vor keine Wartezeiten und im Flieger befindet sich jeder zweite Platz am Fenster. Es gibt nur Zweierreihen und zwischen diesen befindet sich ein Gang. Kurzfristig steht für Reisen derzeit sowieso fast nur der europäische Raum zur Verfügung. Unsere Reiseziele sind in Reichweite und liegen im Mittelmeerraum, darum denke ich, dass wir für die nächste Zeit guten Karten haben.

Also aus einem Übersee-Urlaub wird nichts.
Für einzelne Reiseländer werden die Reisewarnungen langsam gelockert und einige weltweite Destinationen kündigen den Neustart an. Es ist noch nicht abzusehen, wann wieder normale Reisen ohne Einschränkungen möglich sein werden. 

Rechnen Sie mit einem grossen Ansturm auf das Reisejahr 2021?
In der Vorausplanung befinden wir uns bereits seit Wochen in der nächsten Saison. Der Buchungsstand ist bereits sehr vielversprechend. Ich denke, dass ein grosser Aufholbedarf besteht. Denn das Reisen lässt sich keiner gerne nehmen. Nach dieser langen Zeit zu Hause sehnen sich viele nach einem Tapetenwechsel. 

Trotz den Lockerungen besteht noch eine grosse Ungewissheit, wie es weitergeht. Was macht das mit der Reisebranche?
Das ist ein sehr ungünstiger Faktor und die Reisebranche ist wohl am härtesten davon betroffen. Wir mussten nicht nur auf Neubuchungen verzichten, sondern zusätzlich tausende Buchungen stornieren. Die Reisebranche wird wohl die letzte sein, die sich von der Krise erholt. Langfristig gesehen glaube ich aber, dass die Leute auf das Reisen nicht verzichten wollen. Jetzt ist klar, die Situation lässt nichts anderes zu. Ich hoffe nun, dass es bald kalkulierbarer wird. Die derzeitige Lauerstellung ist sehr herausfordernd für die ganze Branche.

Wie sehr sind die Reisenden davon betroffen?
Der Gast kann sich sozusagen zurücklehnen, sofern er im Reisebüro eine Pauschalreise bucht oder gebucht hat. Gibt es Reisewarnungen, Einreisebeschränkungen oder werden die Flüge vom Veranstalter abgesagt, erhält der Klient sein Geld zurück oder kann seine Reise umbuchen. Bei Individualreisen wird es schwieriger.

Inwiefern?
Diejenigen, die nur auf den Preis geschaut und im Internet den günstigsten Deal geschnappt haben, wären jetzt froh, hätten sie über ein Reisebüro gebucht. Da spreche ich für alle. Wir erhalten dauernd Anfragen, bemerken den Frust und man spürt auch, wenn Kunden deswegen auf die Nase gefallen sind. Jemand, der Flug und Hotel separat bucht, kann bei Ausfall einer der Leistungen nicht automatisch die andere kostenlos stornieren. So kann es passieren, dass das Hotel geschlossen bleibt, aber man den Flug trotzdem nicht stornieren kann. Bei Fluggesellschaften, Fähren und Onlineportalen kommt man derzeit mit Anfragen kaum mehr durch. Viele Flüge sind auch immer noch von  kurzfristigen Änderungen betroffen. Auch darum kümmert sich das Reisebüro, da muss man nicht stundenlang in der Warteschleife warten. Die derzeitige Krise könnte daher auch eine Chance für das Reisebüro sein, da wir dem Kunden den gesamten Aufwand abnehmen. 

Befinden sich die Leute wieder im Reisefieber?
Und wie. Sie warten gespannt darauf, wieder reisen zu dürfen. Sie haben Sehnsucht nach dem Meer. Sie warten die ersten Reaktionen der jetzigen Urlauber ab, die bald zurückkehren. (ms)

12. Jul 2020 / 00:00
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