•  (Daniel Schwendener)

"Das Abwasser ist ein Spiegelbild der Gesellschaft"

Die ARA in Sargans wird ausgebaut und erneuert. Den Grundstein dafür legte die Gemeinde Wartau gemeinsam mit dem Abwasserverbund Saar.

Der um die Gemeinde Wartau erweiterte Abwasserverband Saar investiert 34,4 Millionen Franken in den Ausbau der ARA Sargans.

Peter Müller, Betriebsleiter ARA Sargans: Als der Abwasserverband 2004 entschieden hat, mit der Gemeinde Wartau zusammenzuarbeiten, wurden die Kennzahlen der beiden Betriebe in einem schweiz­weiten Benchmarking-Projekt untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass kleinere Kläranlagen im Verhältnis kostspieliger sind. Also zeigten wir strategisch auf, wie die ARA Sargans und Wartau als Einheit kostengünstiger und gemeinsam betrieben werden könnten. Damit gewannen wir Synergien, indem die Betriebsorganisationen sowie die Labors zusammengelegt und deutlich professioneller wurden.

Im Jahr 2013 folgte ein weiterer Schritt.

Alles wurde konkreter. Die unbestrittenen Vorteile einer gemeinsamen Abwasserreinigung in tech- nischer, betrieblicher, wirtschaft­licher und ökologischer Hinsicht ­erfordern eine noch intensivere Zusammenarbeit – auch was kommende Herausforderungen wie die Entfernung von Mikroverunreinigungen aus dem Abwasser betrifft. Alle Varianten eines möglichen ­Zusammenschlusses wurden untersucht – auch einen möglichen Anschluss an die ARA Buchs. Es stellte sich heraus, dass ein Anschluss der Gemeinde Wartau an die ARA Sargans die beste Lösung darstellt. Also wurde entschieden, das Abwasser der Gemeinde Wartau künftig der erweiterten ARA Sargans zuzu­leiten.

Wieso ist Sargans der geeignete Ort dafür?

Die Anlage, vor allem die Schlammbehandlung, ist grosszügig konzipiert. Zudem konnte das Betriebs- gelände im Baurecht mit der Ortsgemeinde Sargans zusätzlich erweitert werden. Die ARA Wartau hätte man noch einmal sanieren können, aber ein weiterer Ausbau wäre aus Platzgründen unmöglich.

Resultierte daraus das Bauprojekt?

Nein. Da sich das Sarganserland demografisch stark verändert hat und die Anlage mit dem Baujahr 1974 in die Jahre gekommen ist, muss sie ­sowieso saniert und ausgebaut werden, um den neuen Anforderungen gerecht zu werden. Mit dem Ausbau ist eine gesetzeskonforme Abwasserreinigung die nächsten 25 bis 30 Jahre sichergestellt.

Wie lauten die neuen Vorgaben?

Eine weitere Reinigungsstufe zur Eliminierung der Mikroverunreinigung (organische Spurenstoffe, die in sehr tiefen Konzentrationen in Gewässern vorkommen) wird künftig ein Thema sein. Bereits kleinste Mengen können auf Wasserlebewesen schädlich wirken. Schweizweit sind über 30 000 solcher Stoffe in alltäglichen Produkten. Dazu gehören Rückstände von Medikamenten, Inhaltsstoffe in Reinigungs- und Desinfektionsmitteln, Körperpflegeprodukten oder Industriechemikalien, Materialschutzmittel und Pestizide. In grösseren Kläranlagen wird diese Reinigungsstufe bereits betrieben. Wir schaffen bereits Platz für eine solche Anlage. Zudem soll aus dem Klärschlamm der Phosphor zurückgewonnen und als Dünger in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Als Rohstoff wird er immer kostbarer.

Konnten Sie mit dem Bau rechtzeitig beginnen?

Eigentlich wäre der Start früher geplant gewesen. Das Umzonungsverfahren der im Baurecht erworbenen landwirtschaftlichen Fläche stellte sich als eine Geduldsprobe heraus. Die Teilzonenplanänderung und der Sondernutzungsplan müssen vom Kanton und Bund genehmigt werden. Dieses Verfahren geriet ins Stocken. Derzeit haben wir eine provisorische Baubewilligung, damit wir zumindest mit den Vorbereitungen beginnen konnten.

Wann werden Sie starten?

Wir hoffen, nach den Sommerferien loslegen zu können. Ende 2023 ist die Fertigstellung geplant, danach erfolgt der physische Zusammenschluss mit Sargans und Wartau. 

Worauf sind Sie beim Neubau besonders stolz?

Wir decken die ganze Anlage mit Fotovoltaik ab mit dem Ziel, den eigenen Betrieb autark betreiben zu können. Die Anlage benötigt zwar mehr Strom, aber die Ausrüstung ist energieeffizienter.

Das Projekt ist seit einigen Jahren in Planung, was beanspruchte so viel Zeit?

Eine Kläranlage ist heute ein Hightech-Unternehmen. Es steckt viel Detailarbeit dahinter. Hinzu kommen alle Bewilligungsverfahren, die wie bereits erwähnt viel Zeit in Anspruch nehmen. Dank der Planung mit Gebäudedatenmodellierung (BIM) kann der Planungsstand im 3D-Modell virtuell besichtigt werden.

Bleiben Sie optimistisch, dass Sie Ende 2023 fertig werden?

Da bin ich zuversichtlich. Ende 2023 soll der Zusammenschluss erfolgen. Ab 2024 erfolgt die Verrechnung nach dem neuen Verteilschlüssel. Aber eine hundertprozentige Garantie gibt es nicht.

Was stellte sich als grösste Herausforderung heraus?

Die komplette Abwasserstrasse wird in Etappen neu gebaut und die alte zurückgebaut. Zudem haben wir einen gesetzlichen Auftrag und müssen auch während der Bauphase den Betrieb aufrechterhalten, was eine echte Herausforderung darstellt. Das gereinigte Wasser muss qualitativ den gesetzlichen Anforderungen genügen. Bereits bei der Machbarkeitsstudie erhielt diese Problematik, wie der Erweiterungsbau und das Aufrechterhalten des Betriebes gleichzeitig möglich sind, besondere Beachtung.

Was ist in der Erweiterung alles enthalten?

Dank dem zusätzlichen Land (im Baurecht) können wir eine komplett neue mechanische Reinigung erstellen, ohne den laufenden Betrieb zu tangieren. Die mechanische Reinigung umfasst das Zulaufhebewerk, welches das Wasser hochhebt und zur Rechenanlage fördert. Danach wird das Abwasser in der Kompaktanlage von Sand und Fett befreit. Gleichzeitig wird der erste Klärblock Biologiebecken und Nachklärbecken erstellt. Sobald dieser Anlageteil in Betrieb genommen werden kann, stellen wir die alte komplett ab und bauen den zweiten Klärblock. 

Wie hat sich das Abwasser verändert?

Wir haben massive Belastungen, die schweizweit dieselben sind. Das Abwasser ist ein Spiegelbild der Gesellschaft und hat sich stark verändert. Extrem hohe Belastungsstösse fordern den Betrieb. Zudem darf man nicht vergessen, dass eine Kläranlage ein ganzjähriger 24-Stunden-Betrieb ist. Deshalb ist eine seriöse Wartung der Anlageteile und Maschinen unerlässlich. Der Dauerbetrieb führt unweigerlich zu Verschleissspuren.

Welche Abfälle befinden sich im Abwasser?

Im Jahr fallen über 60 Tonnen ­Rechengut an. Da kommen Feuchttücher, Kleidungsstücke, Wattestäbchen, Plastik und vieles andere zusammen. Bisher haben wir diesen Abfall zusammengepresst und zur Verbrennung transportiert. Im Neubau wird das Rechengut verdichtet, um mehr Wasser auszupressen, damit die Masse möglichst klein wird und weniger Transporte nötig sind. Der im Abwasser enthaltene Sand muss entfernt werden, um den Verschleiss der Maschinen zu verhindern. Über den Fettabscheider wird das Fett zur Schlammbehandlung gefördert, wo es als Energieträger zu einer besseren Gasproduktion beiträgt. Zudem haben wir eine Sonderbewilligung zur Annahme von Fettabscheidermaterial. Bei einer Abwasserreinigung fallen Nebenprodukte, die zum Teil recycelt werden, an.

Gehört der Abwasserverband den Gemeinden?

Der Abwasserverband Saar ist ein Zweckverband und somit eine öffentlich-rechtliche Körperschaft mit eigener Rechtspersönlichkeit und eigenem Finanzhaushalt. Dem Verband gehören die politischen Gemeinden Sargans, Vilters-Wangs, Mels und Wartau an. Die Betriebskosten werden den Verbandsgemeinden sowie den abwasserrele- vanten Industriebetrieben jährlich proportional verrechnet wie auch die Finanzierung der Investitionskosten von 34,4 Millionen Franken für das Ausbauprojekt. Die Verbandsgemeinden finanzieren die gesamte Abwasserentsorgung über ihre Abwassergebühren.

Welche Gemeinde macht den grössten Anteil aus?

Derzeit ist es Sargans. Vilters-Wangs und Wartau befinden sich in derselben Grössenordnung. Zudem fallen die Industriebetriebe, die hier angesiedelt sind und einen gewissen Prozentsatz der Schmutzabwasserbelastung der Kläranlage ausmachen, ebenfalls in den Kostenverteiler. Für die Berechnung des prozentualen Verteilschlüssels entnehmen wir von den Gemeinden wie auch den Industriebetrieben Abwasserproben.

Was für Auffälligkeiten traten während dem Lockdown auf?

Es fiel mehr Abwasser und Schlamm an, weil mehr Menschen zu Hause blieben. Das muss eine Kläranlage aber verkraften können. Das ist vergleichbar mit Skigebieten: Wenn die Saison beginnt, fällt auf die Anlage auf einen Schlag eine doppelte Belastung an.

Könnt Ihr jeweils sagen, woher das Wasser kommt?

Wenn spezielle Belastungen anfallen, können wir diese im Kanalsystem zurückverfolgen. Im Netz nehmen wir regelmässig Proben. Eine grosse Veränderung gab es im Bereich der Medikamentenrückstände, da wird einiges ausgeschieden. Das war früher nicht so massiv.  Wir konnten auch schon Verunreinigungen bis zum Verursacher zurückverfolgen. Trends gehen wir immer nach. (ms)

27. Jun 2020 / 19:46
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