• Cleanliness is key
    Ständiges Händewaschen – der Übergang von der Marotte zur Zwangsstörung kann fliessend sein.  (PeopleImages)

Von schiefen Bildern und wackligen Klavierstühlen

Marotten, Spleens, schrullige Eigenheiten – nahezu jeder hat wohl eine(n) oder gar mehrere. Die meisten leben ganz gut damit. Und solange diese das Leben nicht gravierend einschränken, sind sie harmlos. Anders sieht es aus, wenn sie den Alltag bestimmen und zur Zwangsstörung werden.

Jeder Mensch hat seinen Vogel, sagt ein altes Sprichwort. Es gibt allerdings auch Leute, die haben eine ganze Voliere!», sagt Willy Meurer, deutsch-kanadischer Aphoristiker und Publizist. Für die einen ist es ein Spleen. Andere nennen es Schrulle, Marotte, Macke, Tick, Überspanntheit oder wunderliche Angewohnheit. Gemeint sind seltsame Angewohnheiten, die auf andere komisch wirken können. Und die manchmal die Frage aufwerfen, ob es sich noch um einen Spleen handelt oder doch schon um eine behandlungsbedürftige Zwang. Morgens in der Kaffeeküche bei der Auswahl einer geeigneten Kaffeetasse bekommt man mit, dass der Arbeitskollege dicke Tassenränder überhaupt nicht mag. Der Kaffee schmecke daraus irgendwie anders. Oder die Mutter der Kollegin, die kein Salz an den Fingern mag und mit dem Löffel würzt, die Nachbarin, die immer farbig passende Socken zu ihrem Oberteil trägt. Ein anderer kann nicht an einem Bild vorbeigehen, ohne es gerade- bzw. schiefzurücken. Und dann sind da noch der Investmentbanker, der sein Penthouse erst verlassen kann, wenn alle Teppichfasern in dieselbe Richtung zeigen, und der Frühpensionär, der ausrastet, wenn in seinem Portemonnaie der Fünf-Euro-Schein nicht vor, sondern hinter dem Zehner liegt. 

Skurril, aber harmlos

Die meisten kennen ihre Ticks und Marotten, sie nehmen sie hin oder versuchen sie zu verstecken, diese Absonderlichkeiten, die einem manchmal den Gedanken in den Kopf schieben: Ist das eigentlich noch normal? Andere bemerken ihre Ticks gar nicht, sie tragen sie ganz selbstverständlich mit sich herum und werden erst darauf aufmerksam, wenn man sie fragt oder andere sich darüber amüsieren. Viele Marotten bzw. Macken seien hoch automatisierte Gewohnheiten, sagt Norbert Kathmann, klinischer Psychologe and der Humboldt-Universität zu Berlin. «Deswegen stellt man sie nicht infrage. Oft bemerkt man sie selbst nicht einmal.» Einige Macken treten vor allem dann auf, wenn man sehr angespannt und nervös ist: bei einem Vortrag, während eines Bewerbungsgespräches oder wenn einem etwas Peinliches passiert. Manche fangen dann an, wie wild die Haare zu zwirbeln, ohne Unterlass zu blinzeln oder mit dem Fuss auf und ab zu wackeln. Andere schmatzen in den Redepausen laut oder lachen vor Verlegenheit weitaus mehr, als Form und Inhalt des Gesagten es angemessen erscheinen lassen. Die meisten dieser Spleens sind ein skurriler, aber harmloser Teil der Persönlichkeit. Schlimmstenfalls wird man von aussen als «schräger Vogel» angesehen.

Macken sind gut für die Seele

Manche meinen, dass gerade sehr kreative Persönlichkeiten wie Künstler oder Wissenschaftler die Tendenz hätten, ihre Marotten zu etwas Demonstrativem, Besonderem auszubauen. Möglich sei das schon, sagt Kathmann. Denn für sehr kreative Menschen sei es eine Selbstverständlichkeit und oft sogar ein Bedürfnis, ihr Innerstes zu zeigen und sich mitzuteilen. So ist etwa von dem kanadischen Pianisten Glenn Gould bekannt, dass er nur Klavier spielen konnte, wenn er auf einem wackeligen Stuhl sass, der nur halb so niedrig war wie ein normaler Klavierhocker. Im englischen Sprachgebrauch wird aufgrund solcher Beispiele zwischen exzentrischen Verhaltensweisen, also den Spleens, die jeder mal hat, und Exzentrikern unterschieden, die gleich ein ganzes Arsenal an Macken um sich versammeln. Einer Analyse an über 1000 dieser seltenen Exemplare zufolge geht es diesen Exzentrikern aber mit ihren vielen Marotten ausgesprochen gut. Der schottische Psychiater David Weeks befand nach zehnjähriger Untersuchungszeit im Jahr 1995, dass diese Menschen weniger häufig psychisch krank oder drogenabhängig wurden als andere und ein ausgesprochen gutes Immunsystem hatten. Vermutlich, weil es ihnen schlicht egal war, was die anderen über sie dachten. Wer nicht unbedingt konform sein will, steht weniger unter Druck. Und das ist scheint der Seele gut zu tun. 

Kollektion «tickreich»

Der englische Fussballer David Beckham kann nicht einschlafen, wenn um ihn herum nicht alles parallel liegt – Zettel auf dem Schreibtisch, Teppich vor dem Bett, Socken in der Schublade etc. Der Designer Samuel Treindl kennt diese Ordnungsmarotte und hat deshalb die Kollektion «tickreich» entworfen, zum Beispiel die Stehlampe «Leuchtick», bei der überflüssige Kabellänge eingerollt werden kann. So etwa «Chaotick», ein Teppich, der sich mithilfe eines Reissverschlusses in einen Papierkorb verwandeln lässt, oder «tacktick»: eine Wanduhr, deren Minutenzeiger so dick ist, dass er drei Minuten Reservezeit anzeigt – für alle notorischen Zuspätkommer.

Spleen oder schon Zwang?

Ein kleiner Spleen kann symphathisch und amüsant wirken. Oder im Fall ritualisierter Handlungen sogar dabei helfen, Sicherheit und eine gewisse Struktur in den Alltag zu bringen. Vor allem Kinder wissen diese wiederkehrenden Handlungen zu schätzen und manche dieser liebgewonnenen Rituale werden sogar bis ins Erwachsenenalter beibehalten. Problematisch ist es allerdings, wenn der kleine Spleen zur krankhaften Zwangshandlung wird und möglicherweise noch mit Angstgefühlen einhergeht. Festzustellen, ob bei einem Menschen eine psychische Krankheit vorliegt, ist nicht immer einfach –erst recht nicht für Laien, Angehörige, Nachbarn oder Kollegen. Für Menschen, die das Verhalten eines anderen beobachten, es möglicherweise seltsam finden, sich Gedanken machen und Sorgen. Die dann häufig nicht wissen: Soll ich etwas tun? Muss ich vielleicht sogar? Oder ist es besser, denjenigen einfach in Ruhe zu lassen? Auch unter Fachleuten herrscht nicht immer Einigkeit darüber, wo genau die Grenze zu ziehen ist zwischen einer Variante menschlichen Verhaltens und einer behandlungsbedürftigen Störung oder Krankheit. Josef Aldenhoff, Psychiater, Neurobiologe und Autor («Bin ich psycho oder geht das von alleine weg?»), hat auf die Frage, wann ein Spleen, eine Macke zum Zwang wird, eine einfache Antwort. «Wenn diese beginnt, unser Leben massiv zu beeinträchtigen bzw. zu bestimmen – z. B. ständiges zwanghaftes Putzen, mehrmaliges Herdplattenüberprüfen, bevor man das Haus verlässt, ständiges Händewaschen. Wenn sie anfängt, sehr viel Zeit zu beanspruchen, uns zu kontrollieren und nicht umgekehrt, kann die anfänglich harmlose Macke durchaus gefährlich werden und bedarf einer Behandlung», so Aldenhoff. 

Akribische Ordnung im Schrank

Um abschliessend die Frage auf Seite 13 zu beantworten: Wessen Kleiderschrank sich akribisch aufgeräumt zeigt – Pullover, Hemden und Socken nach Farben sortiert und gestapelt, Blusen, Hemden, Kleider hängen, ebenso einer Farbreihe folgenden, an Bügeln, die sich wie ein Ei dem anderen gleichen –, neigt wohl zum 
Perfektionismus (Streben nach Vollkommenheit, hohe persönliche Standards, Organisiertheit), der aber per se nicht schlecht sein muss – wenn er nicht das Leben bestimmt. (ge)

02. Sep 2018 / 00:00
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