• Child Poverty
    Weihnachtsspende für Menschen in Not. Bild: iStock  (chameleonseye)

Versteckte Armut im reichen Land

2,6 Prozent der Liechtensteiner benötigten im Jahr 2016 die staatliche Sozialhilfe. Die Dunkelziffer ist aber höher, denn für viele ist der Schritt zum Sozialamt (ASD) die letzte Option – dank niederschwelliger Angebote.

Wer in Liechtenstein auf die Suche nach Armut geht, tappt zunächst im Dunkeln. Grosse Autos, teure Kleider und dicke Zigarren täuschen an der Oberfläche über die Tatsache hinweg, dass es auch hierzulande Armut gibt. Betroffene fürchten sich vor Vorurteilen und schämen sich. Der Gang zum Amt für Soziale Dienste (ASD) ist für sie ein No-Go. Wer im Postgebäude in Schaan, wo das ASD angesiedelt ist, ein und aus geht, wird vielfach unfreiwillig Teil der Gerüchteküche. Selbst wenn man nur beim Amt für Lebensmittelkontrolle und Veterinärwesen etwas zu erledigen hatte, kann es am Ende heissen: «Der ist arm, der war gestern beim Sozialamt.»

Hemmschwelle hoch

Diese und ähnliche Vorgänge führen dazu, dass die Hemmschwelle hoch ist, wirtschaftliche Sozial-
hilfe beim Staat zu beziehen. Und dennoch waren es im Jahr 2016 630 Personen, die diesen Schritt unternahmen – 43 Personen mehr als im Vorjahr. Im Jahr 2015 wurden zudem an 283 Bezüger Mietbeiträge ausbezahlt. Im Berichtsjahr 2016 hat sich die Anzahl um 12 Familien auf 295 Bezüger erhöht. Wegen wirtschaftlicher Probleme wurden insgesamt 1009 Personen beim ASD vorstellig. Gut 8,8 Millionen Franken gab das Land im Jahr 2016 für wirtschaft-liche Einzelfallhilfe aus. Tendenz steigend. «Die drei Hauptgründe für die Inanspruchnahme des Dienstes waren: Arbeitslosigkeit, Erwerbsunfähigkeit (kann bei einer körperlichen oder psychischen Erkrankung oder bei einer Suchtproblematik vorliegen) und ungenügendes Einkommen», schreibt das ASD in seinem Jahresbericht. 90 Klienten benötigten wirtschaftliche Hilfe aufgrund der Tatsache, dass sie trotz eines Erwerbseinkommens den Existenzbedarf für sich und/oder ihre Familienangehörigen nicht decken konnten. Diese Personen teilten sich wie folgt auf: «Working Poor»: unselbstständig Erwerbstätige mit vollem Erwerbs-einkommen (13), unselbstarändig 
Erwerbstätige in Teilzeit (54), selbstständig Erwerbstätige mit zu wenig Einkommen (23). Die Sammelkategorie «Sonstige Gründe für Einkommensschwäche» umfasst 89 Personen mit den Problemstellungen Wohnungsprobleme (14), Ausbildung (33), Verwahrlosung/Sozialisationsdefizit (2), Probleme mit Berufstätigkeit (7), verschiedene andere Gründe (33).

Privatisierung der Wohlfahrt

Die Zahlen des Amts für Soziale Dienste sind aber nur die Spitze des Eisbergs. Denn Menschen, die nicht unter dem Existenzminimum leben müssen, suchen sich meist Hilfe mit niederschwelligeren Angeboten. Und da kommt unter anderem die Stiftung Liachtbleck – aber auch Institutionen wie beispielsweise die Caritas – ins Spiel. Diese betreuen die Menschen, mit denen es das Schicksal nicht so gut meinte, mit ihrem Angebot. Die Fälle sind vielfältig: Von Menschen, welche gerade eine finanzielle Durststrecke durchmachen, bis hin zu jenen, die aufgrund einer Langzeitarbeitslosigkeit jeden Monat jeden Rappen umdrehen müssen, ist alles dabei. 
Darunter befinden sich auch Menschen, die nicht unverschuldet in die Krise geschlittert sind oder nicht mit ihren Finanzen umgehen können. Die überwiegende Mehrheit der Bedürftigen gelangt aber aufgrund komplexer Problemstellungen in die Armutsfalle. Zum Beispiel, wenn das Einkommen nicht ausreicht, um Reserven anzusparen und unvorhersehbare Rechungen – z. B. für neue Küchengeräte oder aufwendige Zahnbehandlungen – fällig werden. Die entsprechenden Institutionen können Überbrückungshilfen anbieten. Sie sind untereinander und auch mit dem Amt vernetzt. Ihre Finanzen beziehen sie grösstenteils aus Stiftungen, von Gönnern und Spendern.

Lerneffekt muss vorhanden sein

Bei den genannten Institutionen legt man grössten Wert auf Diskretion. So ist auch die Armut der Betroffenen versteckt. Das ist wichtig, um die Betroffenen vor Vorurteilen und gesellschaftlicher Stigmatisierung zu schützen. Ein weiteres Anliegen ist es, die Betroffenen wieder auf solide Bahnen zu führen. Budget- und Schuldenberatung gehört ebenfalls zum Angebot. So arbeitet die Stiftung Liachtbleck beispielsweise eng mit der Beratungsstelle der Hand in Hand zusammen. So soll ein Lerneffekt vorhanden sein, welcher den Menschen dabei hilft, nicht wieder in solch eine finanzielle Bredoullie zu geraten. 
Die Fallzahlen nehmen nicht nur beim Amt für Soziale Dienste zu. Auch die Beratungs- und finan-
ziellen Hilfsleistungen der privaten Organisationen werden immer wichtiger für die Gesellschaft. Zumal die monatlichen Fixkosten stetig steigen. (mw)

02. Dez 2017 / 00:00
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