•  (Tatjana Schnalzger)

«Wir halten die Motivation hoch»

Maria-Theres Büchel-Wolf ist Schulische Heilpädagogin an der Oberschule Vaduz. Sie tritt dem Vorurteil entgegen, dass die Oberschulen soziale Krisenherde seien. «Wir haben Schüler mit einseitigen Begabungen. Unser Job ist es, sie sinnvoll auf ihr Leben in der Berufswelt und als Erwachsene vorzubereiten», erklärt Büchel-Wolf. Text: Michael Winkler

Die Oberschule in Liechtenstein geniesst nicht den besten Ruf. «Zu Unrecht», wie Maria-Theres Büchel-Wolf aus Erfahrung weiss. Sie ist seit 1977 – mit Unterbrüchen – im Schulwesen aktiv. Zunächst an der Primarschule, wo sie als Klassenlehrerin auf allen Stufen unterrichtete. Seit 1992 arbeitet sie an der Oberschule Vaduz. Während sie in den ersten Jahren Deutsch als Zweitsprache unterrichtete, ist sie seit 1995 als Ergänzungslehrerin tätig. Aus ihrem Arbeitsalltag weiss sie: «Die Schüler, welche die Oberschule besuchen, sind – entgegen der landläufigen Meinung – meist tolle junge Menschen, sehr anständig und auch leistungsfähig.» Sie wünsche sich, dass die Lehrbetriebe das Potenzial dieser Schüler erkennen und die Arbeitgeber vermehrt auf das Können der Oberschüler setzen. Bei vielen Arbeitgebern würden Bewerbungen immer noch zu oft und zu früh aussortiert. «Das beruht sicher auch auf Vorurteilen und dem mangelnden Wissen um den Fortschritt dieser Schulen und Schüler.»

Durchmischung der Leistungsstufen hilft
Das Klischee der Brennpunkt-Schulen erfüllen die Oberschulen schon lange nicht mehr. Für Vaduz kann Maria-Theres Büchel-Wolf ein gutes Zeugnis ausstellen: «Bei uns gibt es keine gröberen Probleme im Zusammenleben untereinander. Gerade auch der gemeinsame Pausenplatzmit der Realschule und die Nachbarschaft zum Gymnasium führen zu einem friedlichen Miteinander. Diese Durchmischung tut dem Schulklima gut», erklärt die Schulische Heilpädagogin, die bedauert, dass damals die Volksabstimmung Gesamtschule SPES abgelehnt wurde. «Wir sehen nämlich heute – gerade auch im altersdurchmischten Lernen an der Primarschule –, dass hier stärkere Schüler die schwächeren unterstützen können. Demgegenüber sind aber bei den guten Schülern keine Leistungseinbussen festzustellen.» Es würden alle von der Zusammen-arbeit und dem gegenseitigen Austausch profitieren – und zwar auf allen Ebenen: schulisch, sozial und menschlich. «Themen wie Mobbing oder ähnliche negative Probleme kommen bei uns nicht häufiger vor als an anderen Schulen.»

Einseitige Begabungen fördern
Lernschwierigkeiten und Schwierigkeiten mit dem Sprachverständnis sind die häufigsten Gründe, warum Schülern beim Übertritt in die weiterführenden Schulen ein erfolgreiches Bestehen von Gymnasium und Realschule nicht möglich ist. «Die Zuweisung erfolgt durch die Primarschulen in Abstimmung mit den Eltern und den Kindern», erklärt Maria-Theres Büchel-Wolf. «Besonders häufig beobachten wir einseitige Begabungen. Diese gilt es zu fördern, damit die Schüler nach ihrer Schulzeit einen Beruf ergreifen können, der ihnen entspricht.»

Förderung als Teamleistung
Um auf den Stärken der Schülerinnen und Schüler aufzubauen und gleichzeitig ihre Schwächen zu reduzieren, steht die Individualisierung im Mittelpunkt. Das heisst, dass jeder Schüler bei seinem Entwicklungsstand abgeholt wird und durch passende Lernzielanpassungen Lernen am gleichen Thema, wenn immer möglich im Klassenverband, ermöglicht wird. Dabei gilt die Devise: So viel integrative Förderung wie möglich und Separation nur wo unbedingt nötig. Das Ziel sei es schliesslich ja, die Schüler zu guten Leistungen zu motivieren und nicht, sie durch zu schwierigen Lernstoff und Prüfungen zu schikanieren. «Wir halten die Motivation hoch und freuen uns an den individuellen Fortschritten.» 

Da die Förderung in der Regel im Klassen- oder im Lerngruppenunterricht stattfindet, bedarf das einer intensiven Koordination und guten Zusammenarbeit zwischen Klassen- und Ergänzungslehrperson sowohl in der Vorbereitung als auch in der Unterrichtsdurchführung und Nachbereitung. «Die Ergänzungslehrer werden in Planungen, Entscheidungen und Evaluationen miteinbezogen. Das bedeutet eine enge Zusammenarbeit zwischen Klassen- und Ergänzungslehrer», erklärt dieErgänzungslehrerin. An der Oberschule Vaduz unterrichtet sie so grösstenteils im Teamteaching.

Gerade für eine schulische Integration in der Regelschule (SiR)müssen die Fortschritte zudem laufend dokumentiert und am Ende des Schuljahres in einem Bericht an das Schulamt zusammengefasst werden. Darin werden die wichtigsten Entwicklungen festgehalten. Anpassungen des SiR-Pensums (Erhöhung, Reduktion oder Auflösung der Förderung) werden für das kommende Schuljahr bereits Mitte April beantragt. Zum Austausch über die Fortschritte treffen sich alle an der Förderung Beteiligten mit den Jugendlichen und deren Eltern zweimal jährlich zu einem Runden Tisch: Hier werden die Förderungsschwerpunkte evaluiert, die neue Ausgangslage erörtert und die Abstimmung der Elternarbeit vorgenommen.

Musterbeispiel: Erfolgreicher Abschluss mit Trisomie 21
Ein besonderes Beispiel bei der Integration eines Menschen mit Behinderung absolvierte die Regelschulzeit vor knapp 10 Jahren: Ein Schüler mit Trisomie 21. «Der Anfang war mit grossen Unsicherheiten verbunden. Wir betraten Neuland», erinnert sich Maria-Theres Büchel-Wolf ans Jahr 2004 zurück. «Er war bereits im Kindergarten und der Primarschule erfolgreich integriert. Das war sicher ein grosser Vorteil.» Am Ende gelang das Projekt – er konnte im Sommer 2009 sein Abschlusszeugnis in Empfang nehmen.

Diese und ähnliche Beispiele sowie die sichtbaren Erfolge seien es, die der Lehrerin Erfüllung in ihrem Beruf verschaffen. «Ausserdem ist jeder Schüler individuell und es ist jeweils eine spannende Aufgabe, sich an deren Fortschritten zu freuen und miterleben zu dürfen, was für tolle junge Menschen die Oberschule Vaduz am Ende der Pflichtschulzeit verlassen», erklärt Büchel-Wolf. (mw)

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17. Jun 2017 / 21:21
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