Südamerikaner wachen über die Schafe auf der Alp

Zum Schutz der Schafherden auf den Alpen gegen die Raubtiere haben sich Schutzhunde durchaus bewährt. Jedoch bringen die Tiere ein erhöhtes Konfliktpotenzial mit sich. Als Alternative kamen die Lamas in einer Testphase zum Einsatz.

In der Schweiz läuft derzeit ein Projekt von Agridea, Vereinigung für die Entwicklung der Landwirtschaft und des Ländlichen Raums, in dem Lamas zum Herdenschutz für die Schafe eingesetzt werden. Auch das Landwirtschaftliche Zentrum in Salez befasst sich intensiv mit diesem Thema. Bis anhin wurden erst vereinzelt Erfahrungen mit den Tieren aus Südamerika gesammelt. Sie sollen dann zum Einsatz kommen, wenn die Haltung von Schutzhunden nicht ideal ist. 

Es kam zu Beschwerden
Die Hunde sind zwar sehr effektiv, wenn es darum geht, die Schafe vor dem Wolf zu beschützen. Jedoch sind sie in Wander- oder Siedlungsgebieten nicht die beste Lösung. Denn der Hund versucht, auch Wanderer und Biker von den Schafen fernzuhalten. Da die Schutzhunde beim geringsten Zeichen anschlagen, kam es in besiedelten Orten vermehrt zu Beschwerden. Denn in den Wintermonaten bleiben die Hunde bei den Schafen. Schliesslich können sie die Tiere nur dann optimal beschützen, wenn sie als Teil der Herde gelten. Darum ist es nicht möglich, die Schutzhund von den Schafen zu trennen.

Im Jahr 2012 startete Agridea ein Pilotprojekt mit Lamas im Herdenschutz, um Erfahrungen mit den Tieren zu sammeln. Nun ist es abgeschlossen. Trotzdem werden regelmässig die Erfahrungen ausgetauscht. Seit 2017 übernimmt die Vereinigung die nationale Koordination des Projektes, das durch WWF Schweiz und CHWolf finanziell unterstützt wird. Den Lamas kommt die angeborene Abneigung gegen alle Hundearten zugute. In den USA, Kanada und Australien wurden die Tiere bereits erfolgreich eingesetzt im Schutz gegen Kojoten, Dingos und Luchse. Lamas sind keine Fluchttiere und stossen bei Gefahr einen Warnschrei aus. Sie stellen sich zwischen den Angreifer und die Herde, rennen sogar auf die Bedrohung zu. Sie versuchen, den Feind mit heftigem Stampfen, Ausschlagen und Beissen  zu vertreiben. Das kann durchaus einzelne Wölfe in die Flucht schlagen. In überschaubaren und kleinen Schafherden stellen Lamas eine optimale Alternative dar, jedoch betont Agridea, dass sie den Herdenschutzhund nicht gänzlich ersetzen können. 

Noch keine Anhaltspunkte
In der Region sind bereits vereinzelt Lamas im Einsatz. Dazu gehört auch der Schafzüchter Markus Büchel aus Balzers. Er beschäftigt sich mit dem Thema Herdenschutz, aber aktiv unternommen hätte man in Liechtenstein noch nichts, weil es bisher noch keine Anhaltspunkte für Wölfe gab. Jedoch hat er bereits Kurse besucht, wie man die Herde bestenfalls schützen kann. «In dorfnahen Gebieten, wie es in Liechtenstein teilweise der Fall ist, stellen die Hunde ein Problem dar, da sie beim geringsten Anzeichen Alarm schlagen», berichtet Büchel. Im Ländle gäbe es nur kleine Weiden, darum ist der Einsatz der Hunde auch finanziell gesehen unpraktisch. Seine Tiere würden im Bündnerland auf die Alp gehen und in dem Gebiet hätte es noch keine Wolfssichtungen gegeben. Vor drei Jahren hätte er es einmal mit den Lamas versucht, doch er ist von den Tieren weniger be-geistert. «Sie sind nicht besonders effektiv. Ein Kollege von mir in Graubünden verlor trotzdem zahlreiche Schafe durch den Wolf», so Büchel. «Die Wölfe sind sehr schlau. Auch beim Einsatz von Schutzhunden sind bereits mehrere Schafe gerissen worden.»

Verstärkung in Sevelen
Vor rund zwei Jahren verloren Schafzüchter in Sevelen während der  Sömmerung fünf Schafe durch den Wolf. Deshalb dürfen nun ausschliesslich Herden den Sommer dort auf der Alp verbringen, die geschützt sind. Hans-Heinrich Eggenberger aus Sevelen hat sich darum vor rund zwei Jahren zwei Lamas zur Verstärkung geholt. «Der Schutz ist noch nicht erwiesen, denn seit die Tiere im Einsatz sind, sind sie noch keinem Wolf begegnet», erzählt Eggenberger. Was er aber bereits beobachten konnte ist, dass eines seiner Schutztiere Hunden gegenüber sehr aggressiv reagiert. «Sie sind in erster Linie neugierig und kommen auf einen zu. Der Wolf könnte bereits davon im ersten Moment irritiert sein», so Eggenberger weiter. «Die Lamas sind momentan die beste Lösung für mich, denn wenn Schutzhunde zum Einsatz kommen, muss jeden Tag jemand auf die Alp, um die Hunde zu füttern. Das ist in Sevelen nicht der Fall.» Weiter betonte er, dass es auch ein bisschen Glück im Herdenschutz brauche. Auch wenn die Tiere nicht immer im ersten Moment sichtbar seien, würden sie sofort bemerken, wenn sich jemand nähert und den Besucher genau mustern. «Im Herbst tauschten wir unsere Erfahrungen mit den Lamas aus. Einer stellte sein Lama sogar zu den Hühnern in den Freilaufstall und seitdem sei ihm kein einziges Huhn mehr vom Fuchs gerissen worden», fügt Eggenberger hinzu. 

In Werdenberg sind bisher nur vereinzelt Wölfe gesichtet worden. «In der Region gibt es nicht viele Schafherden. Im Süden des Kantons schon eher, da werden Schutzhunde eingesetzt. Hier ist die Situation aber anders. Mit kleinen Herden kann man rasch reagieren und sie zusammenstellen», erläutert Markus Hobi, zuständiger Alpwirtschaft beim Landwirtschaftlichen Zentrum in Salez. Die Lamas würden seiner Ansicht nach bestimmt helfen, wenn die Herde kompakt beisammen ist. Aber auf der Alp, wenn sich kleine Gruppen innerhalb einer Herde bilden, sieht er das Potenzial schwinden. «Wir versuchen zudem, bei tiefer gelegenen Gebieten mit hohen Zäunen und genügend Strom, die Raubtiere fernzuhalten. Da wären die Lamas mit ihrem Verhalten bestimmt eine optimale Ergänzung», so Hobi.

Eine soziale Bindung aufbauen
Dabei ist aber auch die Auswahl der «richtigen Lamas» wichtig. Denn Agridea hält in einem Merkblatt über die Tiere fest, dass vor allem männliche und dominante Tiere geeignet seien. Denn sie besitzen einen grössere Schutzinstinkt als die Weibchen. Zudem würde es nichts bringen, ein Tier einzusetzen, das von seinem Charakter her rasch eingeschüchtert wirkt und die Flucht ergreift. Da die Tiere sehr sozial sind, können sie zu verschiedenen Tierarten innerhalb einiger Monate eine soziale Bin-dung aufbauen. Während dieser Zeit sollte laut Agridea möglichst wenig Weide- sowie Tierwechsel stattfinden. Trotzdem müssen wegen ihres sozialen Wesens per Gesetz mindestens zwei Lamas gehalten werden. Bei mehreren besteht aber die Gefahr, dass sie sich von den Schafen abkapseln und ihre eigene Herde gründen. Damit die Lamas einen bestmöglichen Schutz bieten können, sollte die Weide übersichtlich sein, da sie potenzielle Feinde über ihren Sehsinn wahrnehmen. Die Schafherde sollte klein sein, also nicht mehr als 200 Tiere umfassen. Diese Bedingungen können das Schutzverhalten positiv beeinflussen. 

Beeindruckendes Verhalten
Da Einzelwölfe sehr vorsichtig sind, meiden sie grundsätzlich Situationen, in denen sie geschwächt werden könnten. Darum kann das Verhalten der Lamas einzelne Tiere beeindrucken und zur Umkehr bewegen. Im Schutz gegen streunende Hunde, Kojoten, Dingos und Füchse wurden bereits internationale Erfahrungen zusammengetragen. Über das Verhalten gegenüber dem Wolf gibt es noch wenige Kenntnisse, da bisher keine direkten Beobachtungen stattgefunden haben. (ms)

 

15. Jul 2017 / 19:57
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