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Integrativer Ansatz erhöht Chancen

Seit den 90er-Jahren wird in Liechtenstein vieles unternommen, um Kinder mit Lernschwächen oder Behinderungen in der Regelschule zu integrieren. Das Konzept scheint zu funktionieren.

Kinder mit Behinderung oder besonderen Bedürfnissen sind im Alltag, vor allem aber in der Schule, auf Unterstützung angewiesen. Vor dem Kindergarten- oder dem Schuleintritt stellt sich deshalb für Familien die Frage, ob ein Kind in die Sonderschule oder in die Regelschule kommt. 

Die Sonderschule ist darauf ausgerichtet, den Kindern genau diese Unterstützung zukommen zu lassen. Seit Anfang der 90er-Jahre ist das aber auch vermehrt in der Regelschule möglich. Heilpädagogische Förderung und Klassenassistenzen helfen dabei. Es ist ein komplexer Abstimmungsprozess, der am Ende darüber entscheidet, ob ein Kind eine Sonderschule – in Liechtenstein ist das in der Regel das Heilpädagogische Zentrum hpz, das dieses Jahr das 50-Jahr-Jubiläum feiert – oder eine Regelschule besucht. «Ziel muss es sein, dass so viele Schüler wie möglich und sinnvoll in die Regelschule integriert werden», erklärt Schulamtsleiter Arnold Kind. «Diese Entscheidung fällen bei uns die Schulen, Eltern und das Schulamt gemeinsam.» Dadurch, dass im Fürstentum Liechtenstein die Strukturen relativ überschaubar sind, könne jeder Fall individuell diskutiert werden. «Es sind relativ viele Leute beteiligt, wenn es um diese Entscheidungen geht», meint Arnold Kind.

Das Verhältnis ist relativ ausgeglichen
Eignet sich ein Kind mit Behinderung oder besonderen Bedürfnis-sen für einen Unterricht in der Regelschule, greift der Ergänzungsunterricht durch schulische Heilpädagogen. «Man merkt in der Regel schnell, welche Schulform für die Kinder besser ist.» Dabei sei bei der Sonderschulung in der Regelschule (SiR) darauf zu achten, dass ein Kind, das beispielsweise sehr grosse Konzentrationsschwierigkeiten hat, andere Schüler im Lernen nicht beeinträchtigt. «Es gibt aber viele Schüler, die besondere Bedürfnisse haben, die sich sehr gut integrieren lassen.» Eltern verzichten manchmal von sich aus auf einen Antrag auf Integration in die Regelklassen, denn es geht immer darum, die für das Kind optimalste Beschulung in geeignetem Umfeld zu finden. «Es ist natürlich oft eine grosse Herausforderung, den Bedürfnissen gerecht zu werden», erklärt Peter Binder, der bei der Pädagogischen Arbeitsstelle für diesen Bereich zuständig ist. «Aktuell ist das Verhältnis zwischen Sonderschulung in der Regelschule und in der Sonderschule recht konstant: 1,6 Prozent besuchen die Regel-, 1,7 Prozent die Sonderschule», erklärt er. «Dabei wird immer geschaut, was das Beste für das Kind ist.»

«Je früher desto besser»
Bereits auf der Kindergartenstufe oder später in der Primarschule setzt der Mechanismus an: Abklärungen, ob Kinder Sonderschulung benötigen, werden von Experten vorgenommen. Grundlage bildet das «standardisierte Abklärungsverfahren» (SAV), das den individuellen Förderbedarf feststellt. Dabei ist die Abstimmung zwischen Schulpädagogen, Eltern, Ärzten und Kind zentral. Dann wird individuell abgestimmt, welche Massnahmen ein Schüler benötigt. «Je früher man Lernschwächen erkennt, desto gezielter kann man Massnahmen ergreifen, die das Lernen erleichtern», erklärt Binder. Die Bedürfnisse sind vielfältig und reichen von Lernbegleitung und Hausaufgabenhilfe (z. B. Logopädie bzw. Deutsch als Zweitsprache) bis hin zur expliziten Sonderschulung. Unterschieden wird hier zwischen verstärkten und nicht verstärkten Massnahmen. Dabei sind die Übergänge fliessend. Oft komme es sogar vor, dass die Entwicklungen der Schüler derart positiv sind, dass die Sonderschulung aufgelöst werden kann.

Es gehe bei allen Massnahmen darum, den Kindern dabei zu helfen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Es steht dabei für das Schulamt fest, dass integrative Ansätze nicht nur für die Kinder mit Lernschwächen, sondern auch für deren Mitschüler wertvoll sind. «Es profitieren alle davon, wenn sie ein gegenseitiges Verständnis aufbauen können», erklärt Arnold Kind. «Es besteht ein grosses Vorurteil, dass schwächere Schüler stärkere Schüler bremsen würden. Das ist aber erwiesenermassen nicht der Fall. Im Gegenteil», erklärt Kind. Die stärkeren Schüler würden sogar profitieren und das Gelernte noch einmal vertiefen, wenn sie ihre Klassenkollegen bei Repetitionen unterstützen – ganz zu schweigen von der sozialen Komponente: Die Schüler lernen, aufeinander einzugehen und somit ihre empathischen Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Auch Erfahrungen in der Primarschule, die in diesem Zusammenhang mit dem altersdurchmischten Lernen gemacht wurden, stützen diese These. 

Oberschule übernimmt wichtige Aufgaben
Sonderschulung in der Regelschule findet in Liechtenstein an den drei Oberschulen (Triesen, Vaduz und Eschen) statt. Hier stehen Ergänzungslehrpersonen zur Verfügung, welche die Schüler mit Lernschwächen besonders unterstützen. Hier greift ein komplexer Mechanismus, bei dem die Ergänzungslehrer in den Unterricht so eingebunden sind, dass die Schüler wohl besonders gefördert werden, sich jedoch integriert fühlen und nicht stigmatisiert werden.«Das Wichtigste ist es, die Potenziale, Schwächen und Talente der Schüler zu erkennen. Das führt dann dazu, dass sie später eine Arbeitsstelle finden, die ihren Fähigkeiten entspricht», erklärt Arnold Kind. Das Ziel sei es, dass am Ende aus Schülern mit einer leichten Behinderung oder besonderen Bedürfnissen Menschen werden, die selbstständig und unabhängig ihr Leben gestalten können. (mw)

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17. Jun 2017 / 21:19
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