• Dionisio Aguado (1784–1849), spanischer Komponist und Gitarrist. (Bild: zvg)

Die Gitarre: Instrument des Volkes

Die Gitarre genoss einst einen zweifelhaften Ruf, galt sie doch als Instrument des gemeinen Volkes und vor allem der Frauen. Nicht nur dank Rock und Pop ist das Saiteninstrument heute beliebt wie nie, auch namhafte Vertreter der klassischen Gitarre messen sich auf einem noch nie dagewesenen Niveau. Ein Auszug aus der Geschichte der Gitarre.

Die Wurzeln der Gitarre sind mannigfaltig, ihre Geschichte ausgedehnt und komplex. Aus der Vielfalt der überwiegend aus dem vorderasiatischen Raum stammenden Saiteninstrumente entwickelte sich im Mittelalter ein Instrument mit achterförmigem Korpus und flachem Boden, das im Spanien des 13. Jahrhunderts den Namen «guitarra» erhielt. Seit dem 16. Jahrhundert, als man mit der Notation von Instrumentalmusik in Tabulaturen begann, haben wir auch ein umfangreiches Repertoire für die Gitarre. Sie war anfangs vierchörig, seit dem 17. Jahrhundert fünfchörig und seit etwa 1800 mit sechs Einzelsaiten in der heutigen Stimmung bespannt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte Antonio de Torres in Sevilla ein neues Modell, auf dem die heutige klassische Gitarre basiert.

Ein zweifelhafter Ruf

Während bis um die Mitte des 18. Jahrhunderts die Laute zu den wichtigsten Instrumenten des höfischen Musiklebens zählte, war die Gitarre das Instrument des Volkes und vornehmlich der mediterranen Länder. Im deutschsprachigen Raum hatte sie einen zweifelhaften Ruf, reflektiert in der Polemik von Theoretikern wie Michael Prätorius, Johann Georg Mattheson und Ernst Gottlieb Baron. Die Musik der Laute und der «Barockgitarre» ist heute ein wesentlicher Bestandteil des Repertoires für die klassische Gitarren, aber auch die Interpretation auf historischen Instrumenten hat sich in den letzen Jahrzehnten etabliert. 

In der bürgerlichen Kultur des frühen 19. Jahrhunderts fand die Gitarre ein ideales Biotop. Sie wurde innerhalb weniger Jahre zum Massenphänomen und zum Modeinstrument, speziell für die Frauen. Neue Hauptfiguren des Musiklebens waren einerseits die Dilettanten/Dilettantinnen, andererseits die Virtuosen/Virtuosinnen. Zentren der «Guitaromanie», wie der Gitarrenhype in einer Publikation von Charles de Marescot um 1825 genannt wurde, waren Paris und Wien. Dort wirkten prominente Gitarristen wie Napoleon Coste und J.K. Mertz, Gitarrenbauer (René Lacote, Johann Georg Stauffer) und gitarrenaffine Musikverleger (Jean Antoine Meissonnier, Anton Diabelli). Die Metropolen der Gitarre waren attraktiv für die besten Gitarristen aus Spanien und Italien: Fernando Sor und Dionisio Aguado lebten einige Zeit in Paris, Mauro Giuliani und Luigi Legnani in Wien. Das konzertante Gitarrenspiel erreichte einen hervorragenden künstlerischen Standard, führte aber auch zu Auswüchsen zirkusmässiger Darbietung, die um die Mitte des Jahrhunderts schliesslich zum Ende der Hochblüte führten. 

Die Klampfe – ein steter Begleiter

Nach einer Zeit der Stagnation setzte um die Jahrhundertwende eine Renaissance des Gitarrenspiels ein, die einerseits durch die Konzertreisen der spanischen Virtuosen Miguel Llobet, Andrés Segovia und Emilio Pujol, andererseits in besonderem Masse vom Laienmusizieren bestimmt war. Es bildeten sich Vereine und Verbände, für Jugendbewegungen wie die der «Wandervögel» war die Gitarre beziehungsweise die «Laute» ein ganz wichtiges Attribut.  

Die jungen Leute pilgerten scharenweise mit der Klampfe in die freie Natur und sangen dazu alte und neue Lieder, Instrumentenmanufakturen vor allem im Vogtland produzierten Wandervogellauten und billige «Zupfgeigen» von der Stange, Verlage druckten Lieder zur Laute  in riesigen Auflagen – die Gitarre wurde von der Industrialisierung erfasst. Griffschriften und Akkorddiagramme wurden neu erfunden, 
allerlei Schnellsiedekurse angeboten, um den Weg zum Lautenlied zu erleichtern. Fachzeitschriften entstanden, in denen über verschiedenste Themen diskutiert wurde – ein wunderbarer Spiegel des gitarristischen Lebens. Dieses blühte bis etwa Anfang der 1930er-Jahre und wurde durch Wirtschaftkrise und Krieg allmählich zum Stillstand gebracht.

Neuer Höhenflug dank Popmusik

In der Nachkriegszeit war es wieder eine Jugendbewegung, die der 
Gitarre zu einem neuen Höhenflug verhalf. Durch die Popmusik wurde die Gitarre wieder zum Masseninstrument, Objekt eines riesigen Marktes. Wie schon in den vorangegangenen Epochen der «Guitaromanie» entwickelte man wieder neue Konzepte, das zeitraubende und kostspielige Lernen zu vermeiden oder zumindest abzukürzen. Der Markt offeriert allerlei Hilfsmittel und Accessoires für den schnellen Weg zum Erfolg, und die Silhouette der Gitarre ist Verkaufsvehikel für allerhand seltsame Artikel. 

Nachdem die Gitarre jahrhundertelang eine besondere Rolle «absaits» des offiziellen Musikbetriebs spielte, ist sie heute etabliert – im Konzertleben, an Universitäten und Hochschulen. Renommierte Komponisten schreiben für die Gitarre. Sie hat ihren Platz in allen Stilrichtungen – von der Volksmusik über Rock und Jazz bis zur sogenannten «Ernsten Musik». Sie ist hierzulande das beliebteste Instrument an den Musikschulen und hat ein breites Publikum aus allen Bevölkerungsschichten. 

09. Jul 2017 / 00:00
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