•  (Daniel Schwendener)

"Wenn wir eine friedliche Welt haben möchten, brauchen wir Bildung"

Mit einer Jacke, gestrickt aus ihrem eigenen Haar, will Sems Sera Leisinger auf das Recht der Kinder – vor allem der Mädchen – auf Bildung aufmerksam machen.

Als Sems Sera Leisinger noch ein kleines Mädchen war, wurde sie von den Leuten in ihrem Heimatort «Cilgesu» genannt. «Das ist persisch-kurdisch und bedeutet ‹40 Zöpfe›», erklärt sie und lacht. Das dunkle, dichte Haar fällt ihr in dicken Locken über die Schultern. «Meine Haare sind ein Geschenk der Natur und dafür bin ich sehr dankbar», stellt sie stolz fest. Jeden Morgen wäscht sie ihre Locken und bürstet sie aus. Die Haare in der Bürste sammelt sie. «Es war mir schon immer zuwider, meine Haare einfach in den Müll zu werfen.» Als sie noch am Waldrand wohnte, warf sie die Locken aus dem Fenster. Diese wurden, wie sie einmal beobachtete, gern von den Vögeln als Baumaterial für ihre Nester verwendet. Später hat sie ihre Locken in einem Kopfkissenbezug entsorgt. «Mir war lange Zeit gar nicht bewusst, wie viele Haare ich da gesammelt habe bzw. warum», erzählt sie. So staunte sie selbst, als sie feststellte, dass sie nach 22 Jahren fast eineinhalb Kilo ihrer Locken im Kopfkissen hatte. 

Eine schicksalhafte Pilgerreise
Sems Sera Leisinger wusste lange nicht, was sie mit ihren gesammelten Haaren machen sollte. «Als ich vor drei Jahren auf dem Weihnachtsmarkt in Badenweiler war, habe ich eine Spinnerin, Brigitte Rupprecht aus Freiburg, getroffen», sagt sie. Spontan fragte sie die Frau, ob sie denn auch menschliches Haar zu Wolle spinnen könne. Die Spinnerin hatte das noch nie ausprobiert, wollte es aber gern versuchen. «Ich bin also nach Hause gegangen und habe ihr von meinen gesammelten Haaren gebracht.» Tatsächlich konnte Brigitte Rupprecht die Locken sofort zu einem Garn spinnen. Doch noch wusste Sems Sera Leisinger nicht, was sie aus dieser speziellen Wolle machen sollte.

Die Idee, aus ihrem gesponnenen Haar eine Mädchenjacke zu stricken, kam ihr vor etwa zwei Jahren, nachdem die Muslima an einer christlichen Pilgerreise nach Schottland teilnahm. «Ich interessiere mich für alle Religionen, denn Religion spielt in unserem Leben eine grosse Rolle», erklärt sie. Doch erst am Ende der Reise offenbarte sie ihren Mitreisenden, dass sie eigentlich dem islamischen Glauben angehört. «Es war für uns alle ein sehr bewegender Moment, als ich in der keltischen Kirche ein arabisches Dankgebet sprechen durfte», erinnert sich Sems Sera Leisinger. Der Gruppe gehörte auch das Ehepaar Grüneberg an, das für den Friedenspark in Hamm-Herringen zuständig ist. Dort sollte der «Ring der Friedensnobelpreisträger» erweitert werden. Der Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai sollte dort ein Baum gewidmet werden. Dafür suchte die Institution noch nach einem geeigneten Paten, der die Laudatio halten sollte – nach einer aufgeschlossenen Muslima wie Sems Sera Leisinger. «Ich habe mit viel Demut und Respekt, aber auch mit grosser Freude die Patenschaft angenommen. Denn genau wie Malala setze auch ich mich für das Recht auf Bildung von Kindern und insbesondere Mädchen ein», sagt die gebildete Frau. 

In die Schule «geflohen»
Sems Sera Leisinger hat persisch-kurdische Wurzeln und ist in Anatolien in der Türkei geboren und aufgewachsen. «Es war mein Glück, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war», sagt sie. Denn in der Türkei gilt die Schulpflicht auch für Mädchen. Sonst wäre sie, wie ihre Freundinnen und ihre Mutter, eine Analphabetin. «Die Schule war für mich ein besonderer Ort. Ich bin jeden Morgen ganz früh aufgestanden und in die Schule gegangen, bevor mir meine Mutter andere Aufgaben geben konnte», erinnert sie sich. Die weltoffene Frau hatte ein weiteres Mal Glück, als sich ihr mit 15 Jahren die Gelegenheit bot, nach Deutschland zu gehen, um dort eine kaufmännische Ausbildung zu absolvieren. «Wenn ich in meinem Leben weiterkommen will, wusste ich, muss ich die Chance ergreifen.» Heute berät sie internationale Unternehmen, die im Nahen Osten und hauptsächlich in der Türkei tätig sind und ist selbst Mutter von zwei Töchtern. «Ich habe mir immer Mädchen gewünscht. Aus einem Grund: Damit ich ihnen sagen kann: ‹Du bist gleichwertig. Du bist frei. Mach, was dir gefällt.› Und aus ihnen sind tolle Menschen geworden.» 

Ein Zeichen für die Rechte der Kinder
«Bildung ist das, was wir brauchen. Wenn wir eine friedliche Welt haben möchten, brauchen wir Bildung für die Kinder», ist Sems Sera Leisinger überzeugt. Denn ohne Bildung werden diese Kinder zu den Tätern und Täterinnen von morgen. Als Botschafterin von Malala Yousafzai setzt sie sich auch aktiv für das Recht der Kinder auf Bildung ein, hält Vorträge an Schulen und liest aus dem Buch «Ich bin Malala» der Friedensnobelpreisträgerin. 

Die Mädchenjacke, welche die Muslima aus ihren Haaren gestrickt hat, soll eine Schuluniform darstellen. «Sie ist ein Zeichen für alle Mädchen und auch Jungen auf dieser Welt, die nicht zur Schule gehen können oder dürfen», erklärt sie. Zum Anziehen ist die Jacke nicht gedacht. «Ich würde sie gern versteigern und mit dem Geld eine Organisation unterstützten, die sich für das Recht der Kinder auf Bildung einsetzt. Oder ich gebe sie einem Museum», erklärt die Frau, die einst «Cilgesu» genannt wurde. (sms)

11. Mär 2018 / 00:00
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