• Heiri Nüesch Portrait Sevelen 171204
    Heiri Nüesch aus Sevelen.  (Daniel Ospelt)

Mit Übermut und Leidenschaft zum Autor

Im Übermut der Frühpension recherchierte Heiri Nüesch für sein Buch für die Ostschweizer Gärtnermeister. Dabei arbeitete er unbewusst auch seine persönliche Geschichte auf.

Die ersten Berührungen mit dem Beruf des Gärtners hatte Heiri Nüesch in der Primarschulzeit: «Oftmals schaute ich lieber zum Fenster hinaus als dem Lehrer zu folgen und beobachtete das emsige Treiben bei der alten Gärtnerei. Wenn eine Ermahnung des Lehrers nichts nützte, gab es auch mal eine Kopfnuss.» Aufgewachsen ist er als eines von sieben Kindern in Balgach. Nach Schulschluss half er im elterlichen Rietgarten und in den Reben. «Feuer und Flamme» für die «Gärtnerei» war er aber erst, nachdem er 1969 die Werkzeugmacherlehre bei der Firma Berhalter in Widnau angetreten hatte.

«Gänseblüemli» und Schlagzeug

Auf der Suche nach einem Lokal zur Gründung eines autonomen Jugendklubs machte die Gemeinde Balgach die alte Gärtnerei an der Rebengasse, die den Betrieb eingestellt hatte, zugänglich. «Die drei Jahre mit dem Jugendklub Gänseblüemli waren eine Hammerzeit», erzählt Heiri Nüesch mit leuchtenden Augen. Er erinnert sich an den Drang nach Unabhängigkeit: «Für uns das Paradies – nicht immer für die Eltern.» Die Musik war für ihn damals alles: «Wir mochten Pink Floyd und Jimmy Hendrix.» Heiri Nüesch spielte Flöte, Gitarre und war während seiner Zeit im Technikum Buchs Schlagzeuger einer Band. Das Schlagzeug verkaufte er, als er 1977 seine Marianne heiratete. 


Doch nicht nur die Musik, auch Sport gehörte zu seiner Leidenschaft. Er war Ringer und versuchte sich auch im Kunstradfahren. Als sein Lehrlingsausbildner Fritz Berhalter meinte: «Heinerle, du musst Eishockey spielen», folgte er dessen Wunsch. Er spielte beim Schlittschuhclub Mittelrheintal, für den SC Herisau und später für die Hurricane Hopes, der ehemaligen Firmenmannschaft des Werkzeugherstellers Hilti AG.

Der letzte Milchmann von Buchs

Heiri Nüesch war noch im Studium, als sich Familiennachwuchs ankündigte. Stipendien oder finanzielle Unterstützung wollte er nicht in Anspruch nehmen. So machte er sich auf Jobsuche und war der letzte Milchmann von Buchs. Morgens, um 6 Uhr startete er seine Milch-Touren, schöpfte in Wohnquartieren Milch aus und brachte Milchflaschen zu Coop und anderen Kunden der Milchgenossenschaft Buchs – ein vier-Stunden-Job. Danach fand er eine Anstellung bei der Hilti AG in Schaan und absolvierte berufsbegleitend das Abend-Technikum in Vaduz: «Das war eine intensive Zeit mit meist nur drei bis vier Stunden Schlaf pro Nacht. Familie und Arbeit musste ich ja auch noch unter einen Hut bringen».
Als Sohn Pascal zwei Jahre alt war, ging es auf Weltreise. Auch für Hilti pflegte er über Jahrzehnte internationale Kontakte: «Ich war bis zu meinem letzten Arbeitstag immer ausgefüllt.» Seit 34 Jahren lebt der gebürtige Rheintaler in Sevelen. Er integrierte sich schnell, war im Turnverein, Jugileiter, Verkehrsvereinspräsident, Mitglied der einstigen Kulturkommission und gibt dieses Jahr zum zehnten und letzten Mal den Seveler Kalender heraus.

«Gärtner sind total geerdet»

Mit 60 Jahren entschied sich Heiri Nüesch in Pension zu gehen. Im Übermut der Frühpension und der Leidenschaft zur «Hobby-Gärtnerei» sagte er zu, die Verbandsgeschichte der Ostschweizer Gärtner aufzuarbeiten. Angefragt hatte ihn Christian Müller, Inhaber einer Gartenbaufirma und OK-Präsident von 100 Jahre JardinSuisse Ostschweiz, dem Unternehmerverband der Ostschweizer Gärtner. «Das Schönste und Spannendste an dieser Arbeit war der Kontakt zur Grünen Branche», so Heiri Nüesch: «Die Gärtner sind mit den Händen in der Erde, total geerdet.» 

Fasziniert von den Ursprüngen

Ein Wandel durchlief auch das Ansehen des Gärtners: «Als ich Ende der 60er-Jahre die Lehre machte, wollte kaum jemand Gärtner werden. Heute ist das Ansehen dieser Berufsgattung und der «Gärtnerei» bedeutend höher und von vielen Menschen geschätzt.» Besonders fasziniert haben Heiri Nüesch bei seiner Arbeit die Ursprünge der Gärtnerei: «Zwar hatte ich die Geschichten vom Garten Eden und den Hängenden Gärten von Babylon aus meiner Sonntagsschulzeit noch im Hinterkopf. Doch ich wollte wissen, seit wann es Erwerbsgärtner gibt und was sich in den vergangenen 150 Jahren in der Grünen Branche ereignet hat.» Er recherchierte im Netz, in Archiven und Museen und befragte Gärtner der älteren Generation.

Heraus gekommen ist ein Buch, in dem er nebst der Verbands-Chronik der St. Galler und Appenzeller Gärtnermeister zahlreiche Gärtnergeschichten und viel Wissenswertes aus der nationalen und regionalen Grünen Branche und anverwandter Bereiche aufgearbeitet hat (siehe auch www.jardinsuisseost.ch). 

«Wir leben im Paradies»

Seine Freiwilligen-Arbeit als Buchautor habe Heiri Nüesch auch einen tiefen Einblick in die Zeit gegeben, in der seine Grosseltern gelebt und seine Eltern aufgewachsen sind: «Das hat mich motiviert, meine Familiengeschichte demnächst aufzuarbeiten.» In der wieder gewon- nenen Freizeit will er sich vor allem der Musik widmen: «Endlich wieder einmal die von meiner Mutter geerbte Konzertzither spielen oder die 125-jährige Autoharp, die ich vor Kurzem restaurieren liess – darauf freue ich mich.» 
Heute, so sagt Heiri Nüesch, sei er ein glücklicher Mensch mit erfülltem Familienleben und guten Freunden, frei und ohne existenzielle Sorgen – ganz anders, als einst seine Eltern: «Wir leben wie in einem 
Paradies.»

 

17. Dez 2017 / 00:00
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