• Martin Meier, Vaduz
    Behaglichkeit ist Martin Meier fast ein wenig suspekt.  (Tatjana Schnalzger)

"Es zieht mich immer wieder raus aus der Komfortzone"

Für Martin Meier ist das Betreten von Neuland nicht risiko-, sondern chancenbehaftet. Seine positive Sicht auf die Dinge hängt wesentlich mit seiner grössten Leidenschaft zusammen.

Zu viel Behaglichkeit ist Martin Meiers Sache nicht. Sie ist ihm fast ein wenig suspekt. Der 23-Jährige will sich nicht auf Dauer in annehmbaren Lebensumständen einmummeln, Herausforderungen meiden, Widerständen aus dem Weg gehen. «Es zieht mich immer wieder raus aus der Komfortzone», sagt er über sich selbst.
Dass das nicht bloss leere Worte sind, beweist sein junges Leben schon zur Genüge. Seit seinem Eintritt als Fünfjähriger ist Martin Meier mit Leib und Seele Pfadfinder. Das mag in den Anfängen sicher auch noch in einer im familiären Umfeld gepflegten Tradition begründet gewesen sein. Schon Mutter und Götti trugen einst das blau-rote Tuch um den Hals. Doch es war eben auch das Wesen der weltumspannenden Bewegung, das den Balzner so sehr zu vereinnahmen vermochte. Konzipiert als Vereinigung, welche die nonformale Erziehung junger Leute zum Ziel hat, ist das wiederholte Verlassen der Komfortzone praktisch in ihrem Kern angelegt. Auf Menschen wie Martin Meier kann das nur anziehend wirken.

Ins kalte Wasser geworfen

«Der Grundgedanke besteht darin, dass du nicht nur einer Freizeitaktivität nachgehst, sondern dabei auch etwas lernst», erklärt er. Lernen kann aber nur, wer sich auf Neues einlässt. Eine Situation, in die bei den Pfadfindern früher oder später jeder gerät, ganz automatisch. Martin Meier erinnert sich noch lebhaft daran, wie er bei den Pfadi Balzers eines Tages ganz unvermittelt die Aufgabe zugeteilt bekam, ein Budget für das anstehende Pfingstlager zu erstellen. «Obwohl das für mich absolutes Neuland war.» Man habe ihn einfach machen lassen, bei Bedarf freilich unterstützt von erfahreneren Mitgliedern. «Und am Schluss hat es auch funktioniert.»

Über solche Aufgaben wird nicht nur die Persönlichkeitsentwicklung gefördert, sondern auch ein spe-
zifischer Wertekanon vermittelt. «Naturverbundenheit, sich Neuem öffnen, keinen Vorurteilen anhängen, positiv an Herausforderungen herangehen, sich aktiv in die Gemeinschaft einbringen, Dinge anpacken», zählt Meier auf. Seine persönliche Haltung, stark geprägt durch mittlerweile 18 Jahre Pfadfindermitgliedschaft, spiegelt sich in jedem einzelnen dieser Punkte wider: Raus aus der Komfortzone.
Und Verantwortung übernehmen. Auch das ist Martin Meier längst ins Blut übergegangen. Die Initialzündung hierfür ereignete sich 2011 in Schweden, während des «Jamboree» – ein alle vier Jahre stattfindender Anlass, an dem Pfadfinder aus aller Herren Länder zusammen den Geist ihrer Bewegung zelebrieren. «Diese Vielfalt zu sehen, zu erleben, dass die geteilten Werte selbst für solche Länder eine gemeinsame Basis darstellen, die sich politisch nicht wohlgesonnen sind, das hat mich fasziniert», erinnert sich Meier.
Seine Begeisterung blieb auch den Verantwortlichen der Pfadfinderinnen und Pfadfinder Liechtensteins (PPL) nicht verborgen. «Als ich wieder zu Hause war, hat Carmen Kindle vom Internationalen Team der PPL mich und eine Kollegin angerufen», erzählt er. «Bei einem Treffen hat man uns dann nähergebracht, wie sich die Pfadfinder national, kontinental und international organisieren.» Und die beiden auch gleich als Mitglieder gewonnen.

Auf internationalem Parkett

In den sechs Jahren, in denen er dem Internationalen Team nun ange-hört, hat Meier den Liechtensteiner Pfadfindern schon an einigen bedeutsamen Zusammenkünften eine Stimme gegeben. Zwei Europakonferenzen und zwei Weltkonferenzen scheinen unter anderem in seiner Vita auf. Seit 2014 bringt sich Meier parallel dazu im Weltverband World Organization of the Scout Movement (WOSM) ein. Drei Jahre lang fungierte er als External Representative für die Europaregion und vertrat die Interessen der Pfadfinderbewegung gegenüber der EU-Kommission, dem Europarat und dem Europäischen Jugendforum. Im August 2017 wurde er vom World Scout Youth Forum unter 16 Kandidaten zu einem von sechs Youth Advisors bestimmt. Das Sextett bildet zusammen mit zwölf Voting Members das World Scout Committee – das ausführende Organ der WOSM-Weltkonferenz – und sorgt dafür, dass die junge Generation im Weltverband genügend Gehör findet.

Das alles bedeutet viel Arbeit. Arbeit, die der 23-Jährige aber gerne auf sich nimmt: «Als Kind und Jugendlicher habe ich viel profitiert. So kann ich etwas zurückgeben.» Ausserdem ist er überzeugt davon, sich für eine gute Sache zu engagieren. «Wenn alle Menschen unsere Werte beherzigten», sagt er, «sähe die Welt womöglich anders aus.» Und natürlich ist da auch wieder dieser Drang, den sicheren Hafen stets aufs Neue zu verlassen, dem er, indem er mit anderen Ländern und Kulturen in Kontakt tritt, auf eine sinnvolle Weise nachgeben kann.

Studium in Grossbritannien

Natürlich findet das ständige Hinauschauen über den Tellerrand und die wiederholte Herausforderung seiner selbst auch in Meiers beruflichem Werdegang seine Entsprechung. Im Sommer hat der Balzner sein Masterstudium in Internatio-nalen Beziehungen und Wirtschaft im schottischen St. Andrews abgeschlossen. «Das akademische Englisch war sehr herausfordernd», erinnert er sich. «Aber nach einem halben Jahr habe ich langsam reingefunden.» Das kommt ihm jetzt zugute. An der London School of Economics hat er kürzlich den einjährigen MSc-Studiengang in Internationaler Politischer Ökonomie in Angriff genommen.
So ist das bei Martin Meier. Eine Bewährungsprobe jagt die nächste. Ausbrechen aus der Komfortzone, um sich eine neue zu schaffen, die er irgendwann ebenso hinter sich lassen wird. Nicht, weil er unzufrieden wäre, sondern weil es noch so viel zu entdecken gibt. (bo)

02. Dez 2017 / 00:00
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