•  (Eddy Risch)

Ich bin zufriedener und bescheidener geworden

Obwohl Alexandra Jehle in Burkina Faso ohne Käse und Schweizer Schokolade auskommen muss, geniesst sie das Leben und die Möglichkeit, den Menschen in Westfrika zu helfen, sehr.

Das Haus, in dem Alexandra Jehle lebt, hat einen Strom- und einen Wasseranschluss. Der Boden ist gefliest und in der Küche steht ein Kühlschrank. Was in einem Land wie Liechtenstein zum Standard gehört, gilt in Burkina Faso schon als Luxus. «Aber es lebt sich hier sehr gut», sagt die 29-Jährige. Seit Februar lebt und arbeitet sie in dem westafrikanischen Land, das zu den ärmsten der Welt gehört. Dort betreut sie die Projekte des Vereins für humanitäre Hilfe (VfhH). 

Eigentlich hat Alexandra Jehle ihr alter Job bei der AHV in Vaduz schon gefallen, wie sie erzählt. «Ich habe dort die KV-Lehre gemacht und später einige Jahre als Sachbearbeiterin und Lehrlingsausbildnerin gearbeitet.» Nach neun Jahren im selben Unternehmen habe ihr aber doch irgendwie etwas gefehlt. «Ich habe eine Abwechslung gesucht, nach etwas, das mich ausfüllt.» Also hat die damals 25-Jährige beim Liechtensteinischen Entwicklungsdienst (LED) angefragt, ob sie nicht etwas für sie hätten. «Sie haben mir ein Projekt – das Zentrum für Kinder in Not, ‹Les Saints Innocents›, in Burkina Faso vorgeschlagen, wo ich ein Praktikum absolvieren durfte. So kam ich zum VfhH, denn das Zentrum ist das Gründungsprojekt des Vereins.» 

Das war 2013. Noch heute kann sie sich gut an ihre erste Ankunft in der westafrikanischen Stadt erinnern. «Ich dachte: ‹Wo bin ich denn hier gelandet?› Am Strassenrand wird überall etwas verkauft: Gemüse, Plastik-
eimer, Hygieneartikel, Benzin in Flaschen und vieles mehr. Auf den Strassen geht es wild zu und her. Autos, Motorräder, Velofahrer, Esel mit Karren, Lastwagen – alle teilen sich die oft sehr engen Strassen mit vielen Schlaglöchern. Überholt wird von links oder von rechts, wo eben gerade Platz ist.» Mittlerweile hat sie sich an das Chaos in der Stadt gewöhnt. «Ich muss nur aufpassen, dass ich meinen burkinischen Fahrstil nicht in Liechtenstein anwende», meint sie und lacht. 

«Schnelle Küche» ist ein Luxus
Nach dem Praktikum wollte Alexandra Jehle unbedingt wieder zurück nach Afrika. «Ich will dem Land und den Menschen dort etwas zurückgeben, denn wir können nicht leugnen, dass unser zum Teil verschwende-
risches Konsumverhalten negative Auswirkungen auf die Entwicklungsländer hat», gibt sie zu bedenken. Über den LED konnte sie eine entsprechende Ausbildung absolvieren und erneut für knapp zweieinhalb Jahre im Zentrum für Kinder in Not arbeiten. Heute betreut sie für den VfhH mehrere Projekte vor Ort und übernimmt die Geschäftsführung. 

Einen Grossteil der Arbeit kann sie von ihrem Büro aus erledigen. Ein oder zwei Mal in der Woche besucht sie die Projekte vor Ort. «Wir haben immer wieder neue Ideen, die Projekte zu verbessern oder zu vergrössern. Bald werden wir beispielsweise Solarenergie für das Savannenspital Shalom einrichten und die Gästeherberge des Zentrums für Kinder in Not vergrössern», erzählt sie begeistert. 

Ihre Hilfsbereitschaft hat ihr mittlerweile zu einigen gefiederten Haustieren verholfen, wie sie erzählt. «In Burkina Faso ist es üblich, Hühner als Dankeschön zu erhalten. Praktisch jeder hat ein paar Hühner im Hof, die früher oder später im Kochtopf landen. Da ich aber Vegetarierin bin,  dürfen meine Hühner frei im Hof umherlaufen. Da es mittlerweile so viele sind, bin ich gerade dabei, einen Hühnerstall zu bauen.»

Die Frauen in Afrika bewundere die gebürtige Schaanerin sehr, wie sie sagt. «Sie versorgen die Kinder, putzen die Häuser, waschen die Wäsche und kochen drei Mal täglich – alles ist Handarbeit.»  Nur die reichsten «Burkinbè» haben Wasch- oder Spülmaschinen, denn diese sind sehr teuer, genauso wie der Strom. Viele haben noch einen Nebenjob und verkaufen Obst, Säfte oder andere Dinge auf dem Markt, um sich etwas dazuzuverdienen. Während der Regenzeit betreiben sie zudem noch Landwirtschaft. «Wenn Reichtum das Ergebnis von harter Arbeit wäre, müssten diese Frauen Millionärinnen sein», ist sich Alexandra Jehle sicher. 

Auch sie verbringe immer viel Zeit beim Kochen. «Aber ich koche nicht nur für mich allein. Wir sind hier zu fünft und wechseln uns bei den Aufgaben ab. Dann geht es leichter.» Meistens gebe es viel Gemüse mit Reis, Bohnen, Teigwaren oder Tô, ein Nationalgericht aus Hirse- oder Maismehl. Wenn Alexandra Jehle etwas Käse zur Verfügung hat, gönnt sie sich den Luxus und macht eine Pizza. «Aber auch das ist mehr Arbeit, als man es in Europa gewohnt ist. Immerhin muss ich sowohl den Teig als auch die Tomatensauce vorbereiten», erklärt sie. Manchmal mache sie auch Käsenudeln. «Das sind die Afrikaner natürlich nicht gewohnt, aber es gibt schon ein paar, die das gern haben. Meine Pizza mögen aber alle sehr.» 

Alltägliches fehlt
Neben dem Käse fehle ihr vor allem die Schweizer Schokolade. «Manchmal würde ich gern Minigolf spielen, Gokart fahren oder an einem See baden gehen. Leider gibt es solche Möglichkeiten hier nicht», sagt die 29-Jährige. Trotz der Entbehrungen seien es nur wenige, alltägliche Dinge, die ihr fehlen würden. «Ich glaube, durch meine Arbeit in Burkina Faso bin ich zufriedener und bescheidener geworden. Das ist das, was mich an dem Land und den Menschen so fasziniert: Sie strahlen eine solche Zufriedenheit und Lebensfreude aus. Und sie sind grosszügig, obwohl sie selbst nur wenig haben.»

Am meisten vermisst Alexandra Jehle ihre Freunde und ihre Familie. Selbstverständlich kann sie es kaum erwarten, sie im August wiederzusehen. Dann ist sie nämlich wieder zu Hause in Liechtenstein, für die grosse Jubiläumsfeier des Vereins für humanitäre Hilfe am 12. August. «Das Fest habe ich von Burkina Faso aus mitorganisiert», erzählt sie. «Ich kann zum Glück sehr viel Organisatorisches per E-Mail machen.» Zu diesem Anlass bringt sie noch zwei Ordensschwestern mit, die von ihrer Arbeit erzählen werden. «Ausserdem haben wir ein tolles Programm ausgearbeitet und es wird ein burkinisches Buffet und westafrikanische Musik geben», freut sich die 29-Jährige. Pläne, wieder nach Liechtenstein zu ziehen, hat sie derzeit nicht. «Solange die Projekte gut laufen, meine Anwesenheit hilfreich ist und ich hier glücklich bin, bleibe ich.» (sms)

 

15. Jul 2017 / 19:48
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