• "Null Sterne Hotel"
    Die St. Galler Künstler Frank und Patrik Riklin.  (claudiobaeggli.com)

«Wir rufen die konsequente Immobilienbefreiung aus»

Mit ihrem «Null Stern Hotel» könnten die St. Galler Künstler Frank und Patrik Riklin den Tourismus im Toggenburg ankurbeln.
St. Gallen. 

Schön, dass es mit dem Interview geklappt hat. Ich hatte schon die Befürchtung, Sie sind im Urlaub, nachdem ich die automatische Rückmeldung bekam: «Wir sind offline.» 
Patrik Riklin:
Wir sind tatsächlich im Urlaub (lacht). Aber man schaut halt doch hin und wieder in den Posteingang.

Eine digitale Diät ist gar nicht so einfach.
Patrik Riklin:
Vor allem nicht, wenn viel läuft.

Stimmt. Sie machen gerade mit Ihrem «Null Stern Hotel» im Toggenburg auf sich aufmerksam. 
Frank Riklin:
Ja, aber da müssen wir gleich richtigstellen: Es handelt sich dabei nicht um unser Projekt «Null Stern Hotel», sondern um eine Cover-Version unter dem Label «Zero Real Estate».

Wie darf man das verstehen? 
Patrik Riklin:
Wir sind Künstler, keine Hoteliers. Nachdem unser Kunstprojekt vergangenen Sommer im Appenzellerland eine Nachfrage mit über 4500 Personen auf einer Warteliste erzielte, haben wir uns trotzdem dazu entschlossen, das «Null Stern Hotel» bis auf weiteres auf Eis zu legen. Das banale Business interessiert uns nicht. Den Mainstream zu bedienen, würde uns langweilen. Das würde unserem Leitsatz als Künstler widersprechen. 
Frank Riklin: Mit «Zero Real Estate» haben wir deshalb eine kommerzielle Bühne geschaffen, auf der andere das Konzept des immobilienbefreiten «Null Stern Hotel» covern können. So werden sie zu Performern unserer künstlerischen Idee.

Nun stehen drei immobilien­befreite Zimmer im Toggenburg. Wie kams dazu?
Patrik Riklin:
Bei einem Interview im April sprachen wir mit einem Journalisten über die Situation des krisengebeutelten Toggenburgs. In Wildhaus-Alt St. Johann wurde ja der Kredit für den Bau eines Hotels von den Stimmbürgern abgelehnt. Und wie das so ist als Künstler: Man versucht gleich Verbindungen zu schaffen. 

Sie wollten den Toggenburger Tourismus unterstützen.
Frank Riklin:
Die Schlüsselfrage für uns war, wie man mit dem Potenzial der Nachfrage nach dem «Null Stern Hotel» umgehen kann - und eine Tourismusregion in Bewegung bringt. Das hat auch etwas Subversives.  
Patrik Riklin: Kunst und Wirtschaft kommen zusammen. Mit der Cover-Idee erhalten die Hoteliers die
Möglichkeit unter bestimmten
Bedingungen ihre Version des «Null Stern Hotels» zu verkaufen. Ohne dabei unser Kunstwerk zu tangieren.
Frank Riklin: Im Gegenteil: Die Cover-Version bestärkt die Originalversion sogar.

Wie ist die Idee des «Null Stern Hotels» überhaupt entstanden? 
Patrik Riklin:
Das Projekt ist bereits zehn Jahre alt. Es beschreibt unsere Antithese zum Grössen- und Luxuswahn. 
Frank Riklin: Je mehr Sterne, desto besser – das war damals der Mainstream der Hotelindustrie. Wir haben uns überlegt, wie Luxus in der Zukunft aussehen könnte und haben mit dem Konzept des «Null Stern Hotels» im Luftschutzbunker den Nerv der Zeit getroffen. Mit der Zahl 0 haben wir eine neue Kategorie in der Hotellerie eingeführt, die den Luxus neu beschreibt. 
Patrik Riklin: Als das Bild der Hotelbetten in dem kargen Bunker um die Welt ging, waren wir selbst recht überrascht von dem Erfolg. Aber nachdem wir A sagten, mussten wir auch B sagen und haben das «Null Stern Hotel» als Marke international schützen lassen. 
Frank Riklin: Wir konnten uns selbst nicht vorstellen, dass dort wirklich jemand übernachten möchte. Aber wir wurden mit Anfragen überhäuft.

Was meinte die Hotelindustrie zu dem Projekt?
Frank Riklin:
Wie erwartet war diese weniger begeistert. Immerhin stellten wir ihr ganzes Sternesystem auf den Kopf. Einen Butler-Service gab es bis dahin nur ab 5 Sternen. Nun hatten wir aber bei unserem «Null Stern Hotel» ebenfalls einen Butler. Die Hotelindustrie musste sich mit einer ganz neuen Art der Definition von Luxus auseinandersetzen. 
Patrik Riklin: Genau das ist unser Ziel als Künstler: Gegen den Mainstream zu denken und neue Realitäten schaffen. Mit dem «Null Stern Hotel» ist uns das perfekt gelungen. 
Frank Riklin: Allerdings war es dann eine Herausforderung für uns, das Projekt zu schützen, damit es nicht selbst zum Mainstream wird.

Haben Sie damals schon Angebote für das Konzept beziehungsweise die Marke erhalten?
Patrik Riklin:
Ja, sehr gute sogar. Wir sind aber unserem Credo des Künstlers treu geblieben und haben einen Millionen-Deal in den Wind geschlagen. 
Frank Riklin: Das war auch der Moment als wir das Projekt erstmals in der Schublade verschwinden liessen. 
Patrik Riklin: Fünf Jahre später haben wir es wieder hervorgeholt und als immobilienbefreites Konzept neu erfunden. Auch das schlug sofort ein, wie eine Bombe. Wir bekamen Anfragen von Menschen aus aller Welt, die in dem Hotelzimmer ohne Dach und ohne Wände übernachten wollten. Unsere Warteliste umfasst über 4500 Personen.

Diese haben nun die Möglichkeit, im Toggenburg eine Nacht in dem immobilienbefreiten Zimmer zu verbringen. 
Frank Riklin:
Richtig. Auch das ist ein Vorteil des «Zero Real Estate»-Projekts: Durch die Cover-Version haben wir die Möglichkeit, unsere Gäste über die neue Alternative zu infomieren. Diese freuen sich über das Erlebnis und wir können unser Kunstprojekt, das «Null Stern Hotel» nicht nur schützen, sondern die Wirkung noch multiplizieren. Wie ist die Nachfrage nach dem Angebot im Toggenburg?
Patrik Riklin: Nach zwei Tagen war die Hälfte der möglichen Buchungsnächte bereits belegt. Wir vermuten, dass die Zimmer schnell ausgebucht sind.

Wie ist das, im «Null Stern Hotel» zu übernachten?
Patrik Riklin:
Eine gute Frage. Ehrlich gesagt, hatten wir bisher nie die Gelegenheit, unsere Installation selbst einmal auszuprobieren. Wir haben immer den Gästen den Vortritt gelassen. 
Frank Riklin: Aber wir haben gehört, es soll toll sein.

Wie definieren Sie Luxus? 
Patrik Riklin:
Luxus ist ja immer subjektiv. Für den einen ist es das tolle Auto, die Eigentumswohnung und die Yacht im Bodensee. Für den anderen ist es Zeit und Freiheit. Wir gehören definitiv zum zweiten Typ. Wobei wir auch hin und wieder gern dem materiellen Luxus frönen und eine Nacht im teuren Hotelzimmer verbringen. 
Frank Riklin: Dabei geht es uns aber mehr darum, den Kontrast zu erleben. Weniger um den Luxus an sich. Wir sind Künstler. Wir suchen die Extreme und Gegensätze abseits vom Mainstream. (sms)

 

Zum Kunstprojekt
Das «Null Stern Hotel» wurde 2008 von den St. Galler Künstlern Frank und Patrik Riklin ins Leben gerufen. In einer leerstehenden Zivilschutzanlage in Sevelen installierten sie ein Hotelzimmer ohne jeglichen bisher bekannten Luxus. In Zusammenarbeit mit dem Hotelmanager Daniel Charbonnier schufen sie 2009 die Marke «Nullstern – the only star is you». 2016 lancierten die Künstler des Ateliers für Sonderaufgaben die Landversion des Kunstprojekts im Safiental in Graubünden. Vergangenes Jahr war das «Null Stern Hotel» im Appenzellerland sehr erfolgreich. – Weitere Informationen: www.sonderaufgaben.ch

 

21. Jul 2018 / 20:41
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