•  (Daniel Schwendener)

Politik für Minderjährige"

Sophie Eberle und Valerie Nigg vertreten Liechtenstein im Jugendparlament der Alpenkonvention, das Mitte März in Slowenien tagt.
Der Interview-Termin ist auf 11.15 Uhr angesetzt. Sophie Eberle erscheint als Erste. Ein paar Minuten später kommt Valerie Nigg, unter den Armen das Etui, zwei Hefte und Heinrich Bölls «Ansichten eines Clowns». 
 
Valerie Nigg: Entschuldigung, ich bin etwas zu spät, weil ich noch eine Deutsch-Schularbeit nachschreiben musste. 
 
Sophie Eberle: Ich hätte jetzt gerade Klassenstunde. Aber das passt schon.
 
Dann vielen Dank, dass ihr euch Zeit nehmt. 
Valerie Nigg: Ich muss um 12 Uhr weiter: Schularbeit in Physik nachholen. Ich war letztens leider krank.  
 
Gut, wir beeilen uns. Worum geht es beim YPAC? 
Valerie Nigg: Aus dem ganzen Alpenraum kommen Jugendliche zusammen und diskutieren die aktuellen Herausforderungen der Alpenregion. Jede Konferenz hat ein «Umbrella Topic», also ein Überthema. Dieses Jahr ist es «Soil» – Boden. Das diesjährige Thema ist in die vier Unterthemen Landwirtschaft, Raum-
planung in der Stadt, Raumplanung auf dem Land und Naturgefahren aufgeteilt und wird so bearbeitet. 
 
Wie kam es zu eurer Teilnahme? 
Sophie Eberle: Ich habe eine E-Mail von YPAC erhalten, als ich mit Ursina Banzer, die ebenfalls dabei ist und mir davon erzählt hat, an der Projektwoche war. Da habe ich noch auf der Zugfahrt eine Bewerbungs-E-Mail geschrieben. 
 
Valerie Nigg: 2012 fand das Treffen in Liechtenstein statt, da war ich in der zweiten Klasse. Ich fand den Anlass damals so cool, dass ich beschloss, eines Tages mitzumachen. 
 
Als ich am Gymnasium war, meldeten sich vor allem die Streber für solche Engagements. 
Sophie Eberle: Ich würde mich nicht als Streberin bezeichnen – auf alle Fälle sicher nicht aufgrund meiner Noten. Dass ich mich über den Unterricht hinaus engagiere, ist normal, ich nehme auch viele Wahlfächer. 
 
Wie schaut es bei dir aus, Valerie?  
Valerie Nigg: Ähnlich. Meine Klassenkameraden sind einfach verwundert, dass ich mich so stark für Politik interessiere. 
 
Wie läuft die Vorbereitung auf die Konferenz? 
Sophie Eberle: Dieses Jahr wurde mit «Boden» sicher ein spezielles Thema gewählt. Aber wir mussten uns schon im Vorfeld damit auseinandersetzen und ein Essay dazu schreiben. Je mehr man sich darin vertieft, desto mehr versteht man auch das Problem und wo Handlungsbedarf besteht. 
 
Wie nutzt ihr den Alpenraum?
Valerie Nigg: Skifahren und Wandern gehört bei uns einfach dazu. Fährt man in den Ferien ans Meer, was ja durchaus sehr schön ist, und kommt wieder nach Hause und sieht die Berge, den Rappenstein, dann ist das schon ein wunderbares Gefühl. Als Liechtensteinerin gehört es auch zur Persönlichkeit, dass man aus einem Tal kommt und stets von Bergen umgeben ist. 
 
Was tut ihr, um die Welt zu retten? 
Sophie Eberle: Unsere Familie fliegt selten irgendwohin. Wir heizen auch sehr wenig: Mama hat das Gefühl, dass es reicht, wenn nachts 15 Grad im Haus sind. 
 
Valerie Nigg: Wenn wir fliegen, dann zahlen wir wenigstens den Öko-Zuschlag, aber auch nur, um das Gewissen zu beruhigen. 
 
Seid ihr generell an Politik interessiert? 
Valerie Nigg: Auf jeden Fall, sonst würde es keinen Sinn ergeben, an die YPAC-Konferenz zu gehen. Das ist sozusagen Politik für Minderjährige. 
 
Sophie Eberle: Ja klar, ich finde es wichtig, dass man sich mit politischen Themen auseinandersetzt.  
 
Kommt ihr aus einem klassisch parteigefärbten Haus? 
Sophie Eberle: Ich weiss, dass es bei Mama und Papa unterschiedlich ist. Aber ich weiss grad nicht mehr, wer was ist. Sie kommen aus verschiedenen Parteienhäusern, haben jetzt aber ähnliche Ansichten und wählen nicht eine spezifische Partei, sondern nach Kandidaten.
 
Valerie Nigg: Bei uns ist es auch verschieden, eigentlich ein Durcheinander. Ich finde auch nicht nur eine Partei alleine super, man kann sich das ja je nach Thema wie zusammenwürfeln. 
 
Wie nehmt ihr die Parteien wahr?
Valerie Nigg: Die beiden grossen Volksparteien sind schon sehr von sich selbst überzeugt und müssen jetzt damit kämpfen, dass die kleineren Parteien stärker geworden sind. 
 
Sophie Eberle: Die meisten in unserer Generation fühlen sich noch der Partei zugehörig, zu der sich die Eltern bereits bekannten. Der Trend geht aber schon dahin, dass man selbst das Köpfchen einschaltet und überlegt, mit welcher Partei man sich am besten identifizieren kann. 
 
Diskutiert ihr auch in eurer Klasse über Politik? 
Valerie Nigg: Letztes Jahr, am Morgen nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten, hat man gemerkt, dass alle Schüler irgendwie verstört waren, auch die, die sich noch nie für Politik interessiert haben. Da wurde schon mehr Bewusstsein geschaffen. Wir haben auch Wahlpflichtkurse zum Thema Politik und vor rund einem Monat hatten alle Sechst- und Siebtklässler eine Podiumsdiskussion mit Regierungschef Adrian Hasler. Man merkt schon, dass Interesse vorhanden ist: Es ist nicht null. 
 
Sophie Eberle: Aber die grosse Masse interessiert es schon eher weniger. 
 
Wie informiert ihr euch? 
Valerie Nigg: Ich lese das «Vaterland» und das «Volksblatt» sowie die «Zeit», dazu informiere ich mich in den sozialen Medien, online oder in Apps wie «20 Minuten». 
 
Sophie Eberle: Ich lese ebenfalls die Zeitungen und informiere mich online. Aber auch im Gespräch mit meinen Eltern tausche ich viele Informationen aus. Sie sind auch sehr politisch interessiert und ich teile oft ihre Meinung. 
 
Wo seht ihr grosse Herausforderungen für Liechtenstein? 
Valerie Nigg: Ich denke mir, wenn das Top-Thema der Streit zwischen Regierungschef und einem Abgeordneten ist, dann können wir nicht so grosse Probleme haben. Wichtiger sind die Themen, die lange totgeschwiegen wurden, aber jetzt aufs Tapet kommen – wie die Stellung der Frauen in der Gesellschaft. 
 
Wenn ihr es grad ansprecht: Wie steht ihr zur Frauenquote? 
Sophie Eberle: Einerseits ist es wichtig, andererseits ist es einfach ein blöder Weg. Meiner Meinung nach ist die konservative Geschlechterrollenverteilung noch mehr in der Gesellschaft verankert, als sich so mancher selbst eingesteht, und man sollte sich fragen, ob Zwang als Lösung dieses Problemes sinnvoll ist.
 
Valerie Nigg: Ich will keine Quotenfrau sein und nicht irgendwo dabei sein, nur weil ich eine Frau bin. Das ist nicht die Idee der Gleichberechtigung. Die Qualifikation sollte entscheidend sein und nicht das Geschlecht. Meine Mutter hat da aber eine ganz andere Meinung. 
 
Was ist eure wichtigste Komunikationsplattform?  
Valerie Nigg und Sophie Eberle: WhatsApp für den privaten Kreis, und natürlich Instagram und Snapchat. 
 
Wie schaut’s aus mit Facebook?  
Valerie Nigg: Da habe ich nur einen Account erstellt, weil es für die YPAC-Konferenz eine Gruppe gibt.
 
Du hattest vorher also gar keinen Facebook-Account?  
Valerie Nigg: Ich durfte keinen haben, als es noch cool war, also etwa 2012, und jetzt braucht man ihn nicht mehr. 
 
Sophie, bist Du auf Facebook?  
Sophie Eberle: Ja, aber nur, weil die Theatergruppe letztes Jahr darüber kommunizierte. Ich hab daher auch nur einen Freund auf Facebook.  
 
Wie sehen deine Zukunftspläne aus, Valerie?
Valerie Nigg: Zuerst mache ich ein Zwischenjahr und gehe viereinhalb Monate nach Tansania und arbeite in einer Schule. Danach möchte ich arbeiten und etwas Geld verdienen. Ich möchte Internationale Beziehungen in Genf oder London studieren mit dem Ziel, eines Tages bei der UNO zu arbeiten.  
 
Sophie, wohin zieht es dich?
Sophie Eberle: Wenn ich alles auf die Karte Musik gesetzt hätte, hätte ich jetzt aufs Konservatorium gehen müssen, doch das wäre mir zu viel gewesen. Ich möchte auch gerne studieren, weiss aber noch nicht genau, zu welchem Beruf mich das führt. Geschichte interessiert mich sehr. Aber auch Medizin und Rechtsmedizin klingen für mich sehr spannend. (db)
11. Mär 2018 / 00:00
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