• Jacqueline Senti-Vogt
    Jacqueline Vogt: "Die Anträge werden immer sehr kritisch überprüft"  (Daniel Schwendener)

"Keine Institution, die hilft, ist zu viel"

Jacqueline Vogt ist Stiftungsrätin der Stiftung Liachtbleck. Sie setzt sich mit ihren sechs Kollegen für Linderung der Probleme von Bedürftigen ein.

Welches Profil haben Menschen, die bei der Stiftung Liachtbleck um Hilfe ansuchen?
Jacqueline Vogt: Diese Frage kann man nicht pauschal beantworten. Von Rentnern bis hin zu jungen Menschen können alle in schwierige finanzielle Situationen kommen. Die Fälle gestalten sich immer komplexer. Es sind auch immer mehr Langzeitarbeitslose – auch junge – dabei, welche durch eine ungeplante, notwendige Ausgabe in Not geraten. Sie haben gemeinsam, dass sie ein geringes Einkommen haben und keine Reserven bilden konnten. Oft spielen Scheidungen, Krankheiten oder Todesfälle eine Rolle, welche sie aus der Bahn werfen. Dazu kommt, dass in Liechtenstein ein hoher Standard herrscht. Dieses Zusammenspiel von komplexen Faktoren führt am Ende zu Problemen, zu deren Lösung wir mit einer Überbrückungsfinanzierung Hilfe leisten können. 

Es gibt die Caritas und weitere  Einrichtungen, welche den Menschen helfen. Warum braucht es die Stiftung Liachtbleck?
Wir haben bei unserer täglichen Arbeit bei «Hand in Hand», wo wir uns für soziale, kulturelle und wissenschaftliche Projekte einsetzen, gemerkt, dass die Caritas zwar viele Aufgaben wahrnehmen kann, die mit Bedürftigen im Land zu tun haben. Dennoch stösst auch sie an Grenzen. Wir verstehen uns bei Liachtbleck als Ergänzung zu den bestehenden Institutionen und arbeiten sehr gut mit ihnen zusammen. Wir sind in der glücklichen Position, dass wir die gebenden Hände – also beispielsweise wohltätige Privatpersonen und Stiftungen – mit Menschen verbinden können, welche dringend Hilfe brauchen. Deshalb war es uns ein Herzensanliegen, im Jahr 2005 die Stiftung Liachtbleck ins Leben zu rufen und das bestehende Angebot zu ergänzen – und auch andere Institutionen damit zu entlasten.

Wie garantieren Sie, dass das Geld, das an ihre Stiftung gespendet wird, auch dort ankommt, wo es richtig eingesetzt wird?
Zugegeben, eine Null-Fehler-Garantie können wir nicht aussprechen. Allerdings ist der siebenköpfige Stiftungsrat, der über die Anträge entscheidet, gut im Land vernetzt und kennt die Begebenheiten gut. Der gesunde Menschenverstand und die detaillierten Angaben, welche die Betroffenen machen, werden kritisch unter die Lupe genommen. Wir haben oft kontroverse Diskussionen im Stiftungsrat, denn wir sind den Spendern verpflichtet, dass ihr Geld gewissenhaft eingesetzt wird. Den Betroffenen helfen wir nicht mit Geld, sondern mit der Begleichung von Rechnungen oder der Ausgabe von Lebensmittelgutscheinen. Das heisst zumindest, dass die Mittel nicht für andere Dinge ausgegeben werden.

Viele Betroffene haben ja auch ihr Leben nicht im Griff. Sie setzen ihre Prioritäten falsch und landen deshalb in der Schuldenfalle. Sind sie dann nicht selbst schuld?
Es gibt Menschen, die nicht mit Geld umgehen können, das stimmt. Das sind aber auch nicht jene Menschen, denen wir bei ihren Anträgen Unterstützung zusprechen. Hier liegen die Probleme tiefer. Wir verweisen Betroffene, deren Situationen sich komplexer gestalten, an Stellen, die nachhaltigere Hilfe bieten können. Hier ist zum Beispiel die Budget- und Schuldenberatung zu nennen, die von Hand in Hand organisiert wird. Wenn die Menschen lernen, die richtigen Prioritäten zu setzen, können sie auch ihre Schulden abbauen. Wir setzen hier auf einen Lerneffekt. In vielen, aber nicht allen Fällen, gelingt uns das. Es muss unser Ziel sein, dass langfristig alle selbst durchkommen und Selbstverantwortung lernen. Und für Fälle unter dem Existenzminimum ist das Amt für Soziale Dienste zuständig, mit dem wir auch eng zusammenarbeiten.

Gehen Sie als Stiftungsräte auch selbst bei den Betroffenen vorbei, um sich ein Bild von der Situation zu verschaffen?
In einigen Fällen ist es wichtig, dass wir uns vor Ort ein Bild verschaffen. So lernt man Liechtenstein von einer ganz anderen Seite kennen. Es ist sehr oft beklemmend, in welchen Verhältnissen die Betroffenen leben. Da ist es dann ganz schwierig, die Distanz zu wahren. Das müssen wir aber, wenn wir unseren Stiftungszweck erfüllen wollen. Ich bin aber überzeugt, dass die Fälle, die uns präsentiert werden, niemanden kaltlassen würden.

Verschwiegenheit ist Ihnen sehr wichtig. Können Sie dennoch einige Beispiele nennen, mit denen Sie konfrontiert sind?
Es sind wirklich bewegende Schicksale. Es gibt beispielsweise Familien, die sich keine Winterkleider für die Kinder leisten können. Andere wiederum reichen bei uns Arztrechnungen ein, die sie nicht bezahlen können. 

Apropos Arztrechnungen: Kürzlich haben die Krankenkassen ihre Praxis verschärft, was die Leistungsaufschübe angeht. Spüren Sie das auch?
Die einkommensschwachen Versicherten haben damit Probleme, ja. Sie wägen in der Regel sorgfältig ab, welche Rechnungen bezahlt werden und welche nicht. Sie machten die Erfahrung, dass nichts passiert, wenn sie die ausstehenden Rechnungen der Krankenkassen nicht bezahlten. Es gibt solche, die ihre Krankenkassen-Rechnungen seit zwei Jahren nicht mehr bezahlt haben. Solchen Menschen können wir aber nicht mit Einmalzahlungen helfen. Sie müssen mit der Krankenkasse und gegebenenfalls der Schuldenberatung einen Weg finden, wie sie die Rechnungen am Ende doch begleichen können. 

Das Amt für Soziale Dienste gibt knapp 9 Millionen Franken für die Sozialhilfe aus. Wie hoch sind die Hilfen der Stiftung Liachtbleck?
Diese Frage beantworten wir nicht. Die Antwort würde viele erschrecken. Es ist eine bewusste Ent-
scheidung, die Zahlen nicht zu veröffentlichen. Es würde bei vielen Menschen das Gefühl entstehen, dass die karitativen Organisationen in Konkurrenz zueinander stehen. Dabei ist keine Institution mit dem Ziel, Menschen im Land zu helfen, zu viel. Was ich aber sagen kann: Die Anzahl der Anträge steigt laufend. Wir haben monatliche Sitzungen, an denen wir inzwischen 30 und mehr Anträge behandeln. In unserem Revisionsbericht wird ausgewiesen, dass die Beträge dort ankommen, wo sie benötigt werden – und dass alle Stiftungsräte, die Adminstration und die Buchhaltung nicht auf Kosten der Stiftung gehen, sondern ehrenamtlich erfolgen.

Kurz zu Ihnen: Was brachte Sie dazu, sich in den Dienst der weniger Vermögenden zu stellen?
Ich habe mich bereits seit jeher dafür interessiert, was die Unterschiede zwischen reich und arm ausmachen. Ich war über ein Jahr bei Schwester Rebecca in Peru im Einsatz. Dort präsentiert sich Armut ganz anders. Zunächst wollte ich über eine längere Zeit dort bleiben. Mit der Zeit entstand aber ein tiefes Bedürfnis, den Menschen in Liechtenstein zu helfen, denen es nicht so gut geht. 

Sie sprachen davon, dass die Arbeit sehr beklemmend sein kann. Können sie nach Feierabend «abschalten»?
Ja, das gelingt mir mittlerweile sehr gut. Meine Arbeit umfasst nicht nur jene für die Stiftung Liachtbleck. So kommt man auch auf andere Gedanken und gewinnt zwischendurch Abstand.Es ist ein gutes Gefühl, nach Hause zu meiner Tochter zu kommen und den ganzen Tag hindurch etwas Sinnvolles getan zu haben. 

Besonders zur Weihnachtszeit wird darauf aufmerksam gemacht, dass es Menschen gibt, denen es nicht so gut geht. Gibt es Ihrerseits eine spezielle Aktion?
Ja, wir wählen jedes Jahr 150 Personen bzw. Familien aus, denen wir Gutscheine zukommen lassen. Diese können – ausser für Tabak und Alkohol – eingesetzt werden. So wird es den Eltern beispielsweise möglich, den Kindern ein Weihnachts-geschenk zu kaufen oder zu Weihnachten ein schönes Essen zu kochen. (mw)

02. Dez 2017 / 00:00
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