•  (zvg)

Freunde, Freizeit und Familie stehen an erster Stelle

Soziologe Robin Samuel hat in der aktuellen ch-x-Studie Lebensstile, Konsum und Zukunftsperspektiven junger Erwachsener in der Schweiz erforscht.

Herr Samuel, Sie sind Soziologe. Was heisst das? Was machen Sie genau?
Robin Samuel:
Die Soziologie ist die Wissenschaft der Gesellschaft. Ich versuche zum Beispiel zu verstehen, wie gesellschaftlicher Wandel zustande kommt oder wie sich soziale Ungleichheiten auswirken, etwa hinsichtlich des Zugangs zu Bildung und Arbeit.

Inwiefern hat sich die Gesellschaft in der Schweiz gewandelt?
Seit den 60er-Jahren wird in der Schweiz regelmässig die ch-x-Erhebungsstudie durchgeführt. Dabei werden junge Erwachsene über die Wichtigkeit von Lebensbereichen, zu ihren Werten, beruflichen Ambitionen und weiteren Themen befragt. Diese Studien ermöglichen uns, ein recht detailliertes Bild der jungen Erwachsenen zu bekommen. Die Gesellschaft ist vielfältiger geworden, gleichzeitig digitalisiert sie sich zunehmend. Man könnte nun denken, dass dies zu einem Wandel geführt haben muss. Unsere Daten zeigen jedoch eine hohe Trendstabilität bei den Grundwerten und bei der Rangordnung der Wichtigkeit von Lebensbereichen.

Was genau haben Sie im Rahmen der Erhebungsstudie von 2012/13 untersucht? 
Wir wollten wissen, was den jungen Erwachsenen wichtig ist im Leben, was ihre Werte sind und welche Rolle die Familie für sie spielt. Auch die Bereiche Arbeit und Ausbildung, Glauben und Religion haben uns interessiert. Ausserdem haben wir sie gefragt, wie sie ihre Freizeit gestalten. 

Welche Ergebnisse hat die Studie geliefert?
Uns ist aufgefallen, dass sich im Laufe der Zeit eine gewisse Stabilität und Wichtigkeit bestimmter 
Lebensbereiche, aber auch der Werte eingestellt hat. Heute wie damals stehen Freunde, Freizeit und Familie bei den jungen Erwachsenen an erster Stelle. Das hat sich über die Jahre wenig verändert. Es sind zwar neue Kommunikationstechnologien dazugekommen. Diese haben die Wertestruktur jedoch nicht auf den Kopf gestellt. Das ist erstaunlich, denn immerhin ist das eine der ersten Generationen der Digital Natives. Unsere Befunde dürfen allerdings nicht dahingehend interpretiert werden, dass es in Zukunft zu keiner Verschiebung in den Wertestrukturen kommen kann. Es gibt andere Studien, die darauf hinweisen, dass sich etwas ändern könnte. Noch ist unklar, in welche Richtung. Diese Entwicklung werden wir auf jeden Fall weiter beobachten.

Welche Rolle spielen die neuen Medien bei den jungen Erwachsenen?
Die neuen Informationstechnologien und die Sozialen Medien spielen wie erwartet eine wichtige Rolle. Allerdings vermochten sie konventionelle Formen der Freizeitgestaltung nicht zu verdrängen. Die jungen Erwachsenen sind immer noch sehr gesellig. Sie treiben Sport und treffen sich gern mit Freunden. Zu behaupten, sie sitzen den ganzen Tag vor dem Bildschirm, wäre nicht zutreffend. Viele junge Erwachsene zeigen in ihrer Freizeitgestaltung ein ähnliches Verhalten wie ältere Generationen. Die neuen Medien sind auch ein Mittel, um sich zu organisieren, um sich zu treffen oder um gesellig zu sein. Es kann durchaus sein, dass man sich bei einem Kollegen zu Hause trifft, um gemeinsam ein Fussballspiel auf der Konsole zu spielen. Das entspricht vielleicht für viele nicht dem, was man allgemein unter einem geselligen Abend mit Freunden versteht, aber für junge Erwachsene kann das durchaus ein sozialer Anlass sein.

Welche Rolle spielt für die jungen Erwachsenen die Familie? 
Wenn es um die Familie geht, sind für viele junge Erwachsene doch eher traditionelle Familienmodelle erstrebenswert. Das hat uns überrascht. Wir haben die Studienteilnehmer konkret gefragt, wie sie sich in den ersten drei Lebensjahren eines gemeinsamen Kindes organisieren wollen. Eine Mehrheit kann sich durchaus vorstellen, dass der Mann Vollzeit arbeitet und die Frau Teilzeit oder überhaupt nicht arbeitet und sich ganz der Familie widmet. Das Ergebnis ist deshalb erstaunlich, weil heute auch egalitäre Familienmodelle gelebt und vorgelebt werden. Etwa ein Fünftel der Befragten kann sich aber durchaus ein Modell vorstellen, bei dem sich Vater und Mutter zu gleichen Teilen an Familienarbeit und Erwerbsarbeit beteiligen.

Wie sieht es mit der Karriere aus? Welche Vorstellungen haben die jungen Erwachsenen in diesem Bereich?
Wenn wir uns die Bereiche Familie und Beruf ansehen, können wir eine «Sowohl-als-auch-Mentalität» feststellen. Das heisst, für die jungen Erwachsenen sind nicht nur traditionelle Familienmodelle erstrebenswert. Sie haben gleichzeitig auch hohe berufliche Ambitionen. Gerade bei Frauen kann es schwierig werden, beides zu verwirklichen. Da haben wir schon gewisse Spannungsverhältnisse festgestellt, auch im Bereich der Freizeit.

Inwiefern?
Wenn man sich die Lebensbereiche ansieht, stellt man fest, dass für die jungen Erwachsenen die Freizeit eine grosse Rolle spielt. Gleichzei-tig wollen sie Karriere machen. Dazu streben sie noch ein traditionelles Familienmodell an. Das wird schwierig. 

Welchen Herausforderungen müssen sich die jungen Erwachsenen stellen?
Die jungen Erwachsenen befinden sich in einem Spannungsfeld zwischen dem Wunsch, sich selbst zu verwirklichen und dem Festhalten an traditionellen Strukturen. Sie stehen vor der Herausforderung, viele nicht vereinbare Wünsche und Verpflichtungen unter einen Hut bringen zu müssen. (sms)

04. Nov 2017 / 22:07
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