• Dompfarrer Jochen Folz
    Dompfarrer Jochen Folz: «Ich sehe meinen Dienst für ein gutes Miteinander».  (Daniel Schwendener)

"Es war nie leicht, aber lohnt sich immer"

Der neue Dompfarrer von Vaduz war Militärdekan und für die Bundeswehr in Afghanistan. Jetzt freut er sich auf die neue Aufgabe in Liechtenstein.

Herr Dompfarrer, dieses Interview führen wir für die «Liewo Sonntagszeitung». Muss man diese Zeitung aus Ihrer Sicht entweder vor 9 Uhr oder nach 11 Uhr lesen? 
Jochen Folz: Das wäre doch prima! Aber für all jene, die am Sonntagmorgen nicht aus den Federn kommen oder aus anderen Gründen nicht die Messe besuchen, gibt es ja auch noch die Vorabendmesse am Samstag und mancherorts gibt es eine Sonntagabendmesse. Wir sind da also sozusagen kundenfreundlich. 

In Ihrer früheren Funktion bei der deutschen Bundeswehr waren Soldaten Ihre Kunden. 
Ja, ich war knapp neun Jahre als Militärseelsorger der deutschen Streitkräfte tätig, zunächst bei einem Sanitätseinsatzkommando in Ostfriesland, einer Einheit, die für Auslandseinsätze aufgestellt wurde, um schnell humanitäre Hilfe leisten zu können. Mit diesem Kommando war ich 2011 in Afghanistan, also während einer sehr schwierigen Zeit, in der mehrere Anschläge auf die Bundeswehr verübt wurden und auch mehrere Gefallene zu beklagen waren. Danach ging ich nach München an die Universität der Bundeswehr, als Hochschulseelsorger sowie Dozent. Während der Semesterferien war ich jedes Jahr in einem Auslandseinsatz, zum Beispiel an der türkisch-syrischen Grenze, im Kosovo oder mit der Marine auf dem Mittelmeer vor Nordafrika. 

Man will sich gar nicht ausmalen, was Sie in den Kriegsgebieten alles erlebt haben...
... und das würde ich auch nicht erzählen.

... aber kann man sagen, dass die Soldaten auf Einsätzen empfänglicher sind für Religion und Glaube? 
«Not lehrt beten» ist ja so ein geflügeltes Wort, aber so einfach ist das nicht. Es gab keine Bekehrungswellen, falls Sie das meinen, und darum geht es auch nicht. Als Militärseelsorger lebt man mitten unter den Soldaten und hat einen engen Bezug zu ihnen. Man pflegt den interkulturellen Dialog, organisiert Betreuungsmassnahmen und berät die Führung in schwierigen Situationen. Dazu gehört eine intensive Zusammenarbeit mit den Psychologen und Medizinern. 

Was waren Ihre Aufgaben an der Universität der Bundeswehr in München? 
Zum einen die Seelsorge für die Studierenden, Lehrenden und Beschäftigten, zum anderen unterrichtete ich als Dozent die angehenden Offiziere in Ethik. Mir ging es darum, gerade den jungen Leuten, die ja aus ganz Deutschland kommen, eine geistige Heimat vor Ort zu ermöglichen. Die Erfahrung der Gemeinschaft steht dabei im Mittelpunkt und die Campus-Kirche war deshalb immer ein beliebter Treffpunkt, ein Ort der Begegnung. 

Gibt man den Soldaten andere Botschaften mit als den zivilen Gläubigen? 
Nein, eigentlich nicht. Aber es werden beispielsweise die Soldatenheiligen an den entsprechenden Tagen besonders gefeiert. Es gibt auch im Militär gewisse Patronate, wie die heilige Barbara als Patronin der Artillerie, oder den Erzengel Michael als Patron des Militärs generell. Soldatenpatrone sind ausserdem der heilige Sebastian und der heilige Martin, die in den römischen Legionen gedient haben und aufgrund ihres Mutes und ihrer Treue als Vorbild für heutige Offiziere gelten. 

Sie stammen aus der nahen Bodensee-Region. 
Ich bin in Friedrichshafen geboren und in Berg, Ravensburg aufgewachsen. Mit dem Umzug von München nach Vaduz erfüllt sich militärisch betrachtet nun der Traum eines jeden Stabsoffiziers: Nach einer gewissen Zeit hoffen diese, eine «heimatnahe Verwendung» zu finden, wie das im Militärjargon heisst. 

Seit vergangenem Dezember sind Sie Dompfarrer von Vaduz. Wie sind Sie gestartet? 
Wirklich gut und ich fühle mich hier sehr wohl. Ich finde diese besondere Aufgabe hier in Vaduz spannend, wo sich so vieles konzentriert: das politische Geschäft mit Fürstenhaus, Regierung und Landtag oder das gesellschaftliche Leben, und alle finden in der Kirche eine Schnittmenge. Aber vor allem freue ich mich, das pfarrliche Leben mitzugestalten und für die Menschen als Seelsorger ganz dasein zu können. 

Wie waren die ersten Kontakte mit der Politik?
Sehr angenehm. Ich hatte bereits die Gelegenheit für einen anregenden Austausch mit dem Vaduzer Gemeinderat. Zum Heiliggeistamt, welches traditionell vor der Landtagseröffnung stattfindet, habe ich alle Abgeordneten sowie die Regierung persönlich eingeladen. Kurz vor der Messfeier kam mir spontan der Gedanke, die Landtagsabgeordneten in «ihren» Gottesdienst einzubinden. So hat ein Abgeordneter die Lesung gehalten und zwei weitere haben die Fürbitten vorgetragen. Über dieses Engagement habe ich mich sehr gefreut.  

Auffallend war, dass Sie Ihre Predigt offensichtlich nicht aufgeschrieben haben. 
Ich predige immer frei. Das einzige, was ich beim Heiliggeistamt schriftlich vor mir hatte, waren die Zitate des Philosophen Habermas, die ich verwendet habe. Ich habe ihn als weltliche Autorität herangezogen, um grundsätzlich positives zum Verhältnis von Moderne und Religion zu sagen. 

Wie stehen Sie zur Trennung von Kirche und Staat? 
Mir steht hier keine offizielle Meinung zu, aber ich habe natürlich persönliche Gedanken. Es ist schon ein Unikum, wie Staat und Kirche in Liechtenstein kooperieren. Die Kultur des Landes ist wesentlich geprägt durch katholische Traditionen, denken wir nur an die vielen zusätzlichen Feiertage. Eigentlich sollte unabhängig von persönlichen Befindlichkeiten grundsätzlich das Positive dieser Verbindung in den Blick genommen werden. In diesem Zusammenhang frage ich mich, ob die viel diskutierte Trennung künftig eher noch mehr Probleme schafft und zwar weniger im Materiellen als im Ideellen. Gerade in der Moderne braucht der Mensch und auch ein Staat eine verlässliche Institution, die eine Orientierung oder sogar eine Opposition hinsichtlich eines konstanten Wertesystems ermöglicht. 

Sie haben es bereits in die Schaaner Fasnachtszeitung geschafft.  
Das ist ja schon mal etwas! Allerdings verstehe ich den Zusammenhang nicht. Auf jeden Fall bin ich niemand, der polarisieren will. Wie bisher werde ich auch hier mit allen Menschen kommunizieren und mich für ihre Anliegen interessieren, aber ich kann mich im Zweifelsfall durchaus klar positionieren.  

Wie lautete Ihr Primizspruch? 
«Ahme nach, was Du vollziehst.» Das bedeutet, nicht nur äusserlich die Messe feiern, sondern auch innerlich die Messe leben. Das charakterisiert gut die besondere Herausforderungen des priesterlichen Dienstes: authentisch sein. Das ist mein Anspruch, dem ich gerecht werden möchte. 

Wir leben in wilden Zeiten – kann man heutzutage noch ein katholisches Leben führen? 
Es war nie leicht, aber lohnt sich immer! (db)

04. Feb 2018 / 00:05
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