•  (Daniel Schwendener)

Persönliche Kontakte schaffen Verständnis

Norbert Hemmerle von der Flüchtlingshilfe Liechtenstein erklärt, worum es am Weltflüchtlingstag geht, der am Dienstag in Vaduz stattfindet.

Am Dienstag begehen wir den Weltflüchtlingstag. Flüchtlinge sind eines der Hauptthemen in den europäischen Medien. Was halten Sie von der Berichterstattung?
Es gibt ausländische Medien, welche sorgfältig mit dem Flüchtlingsthema umgehen, sachlich informieren, 
und andere, welche mit negativen Schlagenzeilen vor allem Ängste schüren. Die liechtensteinischen Medien sind meiner Meinung nach sehr bemüht, sachlich über die Situation der Asylsuchenden und Flüchtlinge im Inland zu berichten. Der Flüchtlingshilfe wird auch immer wieder die Möglichkeit geboten, über die aktuelle Situation in der Unterbringung und Betreuung der Asylsuchenden zu berichten, was zu einer sachlichen Berichterstattung beiträgt. Problematisch waren in der jüngeren Vergangenheit einzig einzelne veröffentlichte Leserbriefe, welche angebliche Vorfälle beschrieben, die so nicht stattgefunden haben.

In der Tat sprach ein Leserbriefschreiber in den letzten Wochen ein Gerücht an, wonach es in einer Asylunterkunft zu einer Vergewaltigung gekommen sei. Polizeiliche Ermittlungen haben ergeben, dass dies nicht der Fall war. Wie kann man verhindern, dass solche Gerüchte entstehen? Wie gross ist der Schaden solcher Gerüchte?
Verhindern wird man solche Gerüchte wohl nie können. Es gibt immer Menschen, welche Informationen in der Öffentlichkeit verbreiten, ohne zuvor abzuklären, ob diese auch den Tatsachen entsprechen, ohne über die Auswirkungen eines solchen Vorgehens nachzudenken. Etwas bleibt nämlich immer hängen, auch wenn sich die entsprechenden Meldungen als falsch erwiesen haben und nachträglich richtiggestellt werden. Ich würde mir in diesem Zusammenhang wünschen, dass zuerst bei den zuständigen Stellen nachgefragt wird, bevor der Gang in die Öffentlichkeit gesucht wird. Hier haben auch die Medien eine grosse Verantwortung. Leserbriefe, welche auf Gerüchten basieren, sollten von der Redaktion nicht veröffentlicht werden, ohne auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft worden zu sein – gerade in besonders sensiblen Bereichen wie dem Asylwesen.

Wie kann man Ihrer Meinung nach die Sensibilität für Asylsuchende in der Bevölkerung stärken? 
Eine transparente Information darüber, wie die Asylsuchenden in Liechtenstein untergebracht sind und betreut werden, woher sie kommen, was sie mitgemacht haben, wie sie heute leben, kann das Verständnis für diese Menschen erhöhen. Auch persönliche Kontakte mit ihnen können dazu beitragen. Wer einmal zu Besuch im Aufnahmezentrum war oder sonst Kontakte mit Asylsuchenden hatte, kann dies sicherlich bestätigen. Die Asylsuchenden müssen hier in sehr einfachen Verhältnissen leben und ihr Leben selbstständig mit relativ wenig Geld bestreiten. Trotzdem sind sie im Grossen und Ganzen mit ihrer Situation zufrieden. Der Flüchtlingstag vom kommenden Dienstag bietet eine gute Möglichkeit, die Menschen in Liechtenstein für die Asylsuchenden zu sensibilisieren.

Welche Situation finden wir heute in Liechtenstein vor? Wie präsentiert sich die Situation der Asylsuchenden?
In der ersten Hälfte dieses Jahres hat die Zahl der von der Flüchtlingshilfe zu betreuenden Personen wieder zugenommen. Dies führte kurzfristig zu Engpässen bei der Unterbringung. Die Situation hat sich in den letzten Wochen wieder etwas entspannt. Trotzdem sind die zur Verfügung stehenden Unterbringungsräumlichkeiten nach wie vor gut belegt und die Zahl der betreuten Personen ist zurzeit auf einem hohen Niveau. Mehr Informationen und statistische Angaben dazu gibt es auf unserer Homepage www.fluechtlingshilfe.li.

Es ist auch immer wieder von Konflikten in den Unterkünften die Rede. 
Obwohl diese Menschen mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund und verschiedenen Sprachen auf engem Raum zusammenleben müssen, halten sich die Asylsuchenden zum überwiegenden Teil an die bei uns geltenden Regeln, führen sich friedlich auf und sind dankbar für die Aufnahme in Liechtenstein sowie den Schutz und die Hilfe, die wir ihnen zukommen  lassen. Ab und zu gibt es zwar auch Konflikte unter den Asylsuchenden. Man muss hier aber immer die schwierige Situation berücksichtigen, in welcher sich diese Menschen befinden. Fern der Heimat und in grosser Unsicherheit lebend, warten sie auf einen Entscheid, ob sie hierbleiben dürfen oder unser Land in eine ungewisse Zukunft wieder verlassen müssen.

Schon vor Jahren war das Anliegen, dass die Asylverfahren beschleunigt werden sollen. Inwieweit konnte man hier etwas verbessern? 
Mit der Revision des Asylgesetzes, welche anfangs dieses Jahres in Kraft getreten ist, konnte das Verfahren in der ersten Instanz beschleunigt werden. Neu werden alle erstinstanzlichen Entscheidungen von der Regierung bzw. dem zuständigen Regierungsmitglied erlassen. In bestimmten Fällen sind neu auch Unzulässigkeitsentscheide vorgesehen, was ebenfalls zu einem rascheren Verfahren beiträgt. Gegen eine erstinstanzliche Entscheidung kann aber Beschwerde erhoben werden. Im Einzelfall – besonders wenn umfangreiche Abklärungen notwendig sind – kann dies nach wie vor zu langen Verfahren führen. Die Gen-fer Flüchtlingskonvention, welcher Liechtenstein beigetreten ist, erfordert es allerdings auch, dass in jedem Fall gründlich abgeklärt wird, ob asylrelevante Gründe vorliegen.

Kommen Sie selbst oft mit Flüchtlingen in Kontakt? Was ist Ihr Eindruck? Wie fühlen sich die Flüchtlinge bei uns? Immer wieder müssen Familien und Einzelpersonen das Land verlassen. Inwiefern berühren den Präsidenten der Flüchtlingshilfe die Geschichten der Flüchtlinge?
Ich bin regelmässig im Aufnahmezentrum in Vaduz und habe somit auch Kontakt mit einzelnen Asylsuchenden. Diese Menschen sind in der Regel dankbar für ein freundliches Wort oder ein kurzes Gespräch. Es geht einem schon nahe, wenn Menschen, vor allem Familien mit Kindern, die mehrere Monate im Zentrum gelebt haben, eines Tages wieder ausreisen müssen. Das betrifft aber viel stärker die Mitarbeitenden der Flüchtlingshilfe, welche tagtäglich Kontakt mit diesen Menschen hatten, sich ihrer Probleme angenommen  und mit ihnen einiges unternommen haben. Das gehört aber zum Alltag in einem Betreuungszentrum für Asylsuchende. Wer im Aufnahmezentrum arbeitet, weiss, was auf ihn zukommt und muss mit solchen Situationen umzugehen können.

In den Nachbarländern sind Flüchtlinge gerne Zankapfel in der politischen Debatte und die Kapazitäts- und Toleranzgrenzen sind laut vieler Politiker erreicht. Wie sieht das in Liechtenstein aus? 
Ich bin froh, dass das bei uns nicht der Fall ist. Die Asylpolitik war in den letzten Jahren kaum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit. Verschiedene Politiker haben dem Aufnahmezentrum in den letzten Jahren einen Besuch abgestattet und sich dabei ein persönliches Bild über die Situation machen können. Das hat sicherlich zum Verständnis für die Asylsuchenden beigetragen. Es gibt zwar auch in unserem Land Menschen, welche der Asyl- und Flüchtlingspolitik eher kritisch gegenüberstehen. Der weitaus grösste Teil der Bevölkerung hat meiner Ansicht nach aber Verständnis für die Asylsuchenden und steht hinter der liechtensteinischen Asylpolitik. Bemerkenswert ist jeweils die grosse Hilfsbereitschaft in der einhei-
mischen Bevölkerung, wenn eine ausserordentliche Zunahme von Asylsuchenden und Schutzbedürftigen  festzustellen ist. Dies zeigte sich etwa in den Neunzigerjahren in Zusammenhang mit den bosnischen Flüchtlingen und im Jahr 2015, als die Zahl der Asylsuchenden  auch in Liechtenstein stark zunahm.

Zurück zum Weltflüchtlingstag: Was hat die Flüchtlingshilfe geplant?
Den Weltflüchtlingstag in diesem Jahr haben wir unter das Motto «Begegnung mit Flüchtlingen» gestellt. Asylsuchende und Flüchtlinge werden auf dem Peter-Kaiser-Platz traditionelle Speisen aus ihren Heimatländern anbieten. Wie jedes Jahr werden Mitglieder des Soroptimist Clubs Liechtenstein Kuchen backen. Anerkannte Flüchtlinge werden über ihre Fluchtgründe und ihr Leben in unserem Land berichten. Moderiert wird diese Veranstaltung, an welcher die Flüchtlingshilfe über die aktuelle Situation in Liechtenstein berichten wird, von  unserem Vorstandsmitglied Dr. Dorothee Laternser. Wir freuen uns auf viele Besucherinnen und Besucher. Der Anlass beginnt um 11 Uhr und dauert bis ca. 14 Uhr. (mw)

17. Jun 2017 / 21:12
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