• Interview mit Oliver Müller in Vaduz
    Der Biologe Oliver Müller ist in der Abteilung Wald und Landschaft beim Amt für Umwelt tätig.  (Daniel Schwendener)

"Diese Mücken sind auch tagsüber lästig"

Seit vergangener Woche läuft das erste Mücken-Monitoring in Liechtenstein. Oliver Müller vom Amt für Umwelt informiert über die Gründe dafür.

Asiatische Stechmücken, die gefährliche Krankheiten übertragen können, stehen vor der Türe. Haben wir Grund zur Sorge?
Oliver Müller: Das ist jetzt übertrieben formuliert. Allerdings gibt es im Tessin seit 2003 überlebensfähige Bestände von Tigermücken. Die asiatische Buschmücke hat sich bei uns bereits etabliert. Deshalb führen wir das Mücken-Monitoring durch, um die Lage zu überwachen. 

Das Zika-Virus sorgte im vergangenen Jahr für Hysterie. Müssen wir uns darauf einstellen?
Nein! Bisher ist die Wahrscheinlichkeit verschwindend klein, dass die Voraussetzungen für Ansteckungen mit solchen Viren erfüllt sind. In Ravenna, Italien, gab es im Jahr 2007 Fälle von Chikungunyafieber. Dazu waren aber folgende Bedingungen erfüllt: Die Dichte der Tigermücken war dort sehr hoch. Ein Reisender, der sich im Ausland angesteckt hat, wurde von einer solchen Mücke gestochen, welche das Virus weiterverbreitete. Alle diese Voraussetzungen sind bei uns momentan nicht erfüllt. Da müssten schon sehr viele Zufälle zugleich passieren.

Dennoch ist man vom Amt aus in Beobachtung. Warum hat man sich entschieden, ein Monitoring durchzuführen?
Wir sind dabei, Kompetenzen aufzubauen. Wir wollen die Situation im Land beobachten und wollen früh gerüstet sein, falls die Tigermücken hier heimisch werden sollten. Wir lernen hier von den Kollegen im Tessin, wo die Mücken bereits in hohen Dichten vorkommen. Angesichts des Klimawandels ist es nicht unwahrscheinlich, dass die Tigermücken irgendwann auch einmal bei uns überwintern können. 

Das ist derzeit noch nicht der Fall?
Nein. Zwar werden durch Waren- und Personentransporte womöglich einzelne Exemplare eingeschleppt, im Winter ist es aber zu kalt für die Tigermücken, um den Winter zu überleben. Das Monitoring soll uns jetzt zeigen, ob wir überhaupt brütende Exemplare in Liechtenstein haben und in welcher Häufigkeit. Dann werden gegebenenfalls weitere Massnahmen ergriffen.

Wie funktioniert das Monitoring?
Wir haben am vergangenen Dienstag an 39 Standorten im ganzen Talgebiet schwarze Plastiktöpfen aufgestellt. Diese sind mit Wasser gefüllt und ein Holzstab dient als potenzieller Eiablageort für Mücken und stehen bis Ende September am selben Ort. Die Holzstäbe werden in ein Labor ins Tessin geschickt, wo die Auswertung erfolgt. Bis zum Ende des Jahres wird der Bericht erstellt. Je nachdem wird entschieden, wie es weitergeht: Entweder wir finden keine Bestände der Tigermücken, dann können wir im Jahr darauf evtl. aussetzen. Sollten Vorkommen festgestellt werden, werden wir die Situation intensiver beobachten und ein engmaschigeres Monitoring durchführen.

Wo befinden sich die Fallen?
Die erste «Linie» haben wir entlang des Rheins auf Parkplätzen postiert. Das deshalb, weil die Mücken in von Süden kommenden Fahrzeugen eingeschleppt werden. Sie sind zudem schlechte Flieger, weshalb sie sich nicht weit ausbreiten. Die zweite «Linie» der Fallen steht im Siedlungsgebiet oder bei Laderampen von internationalen Unternehmen. Auch dort ist es dasselbe Prinzip: Die Mücken kommen mit einem Transportmittel ins Land und lassen sich in unmittelbarer Nähe zum «Ausstiegsort» nieder. Die dritte Reihe steht an Waldrändern – hier wollen wir den Nachweis der Asiatischen Buschmücken verifizieren.

Schlüpfen die Larven nicht, wenn sie bis September Zeit haben?
Nein. Zum einen werden die Fallen alle zwei Wochen geprüft und die Holzstäbe ins Labor geschickt. Zum anderen haben wir die Töpfe mit Maisschrot bestückt, das mit Bakterien beimpft ist. Diese speziellen Einzeller sorgen dafür, dass die Larven schon vor dem Schlüpfen abgetötet werden.

Sind diese Bakterien nicht für andere Tiere gefährlich? Beispielsweise, wenn ein Hund aus dem Eimerchen trinkt?
Die Bakterien sind sehr spezifisch und töten nur die Mückenlarven im Stadium vor dem Schlüpfen ab. Für alle anderen Tiere und Menschen sind sie unbedenklich. Wir können also die Menschen beruhigen: Es passiert weder einem Hund noch einer Katze etwas. Wir appellieren an die Spaziergänger, die Mückenfallen nicht zu berühren und einfach zu ignorieren, falls sie überhaupt welche sehen. Sie sind an geeigneten Orten postiert. Es wäre nicht gut, wenn man die Eimerchen verstellt oder entwendet. Das sorgt dafür, dass wir keine guten Ergebnisse liefern können. Das wäre nicht der Sinn der Sache.

Zurück zu den Mücken: Was unterscheidet die asiatischen von den einheimischen?
Ähnlich wie bei den Neophyten – den eingeschleppten Pflanzenarten, die wir auch eindämmen müssen – sind die Asiatische Tigermücke und die Asiatische Buschmücke invasiv. Das heisst, sie verdrängen einheimische Arten, wenn sie sich hier ansiedeln. Ausserdem sind sie grösser. Während sich die Buschmücken im Wald und an Waldrändern aufhalten, sind die Tigermücken im urbanen Raum, also im Siedlungsgebiet, zu Hause. Ausserdem sind beide Arten tagaktiv. Während uns die heimischen Mücken in der Dämmerung und in der Nacht auf die Nerven gehen, sind uns die asiatischen Arten tagsüber lästig. Zu guter Letzt können die fremdländischen Mückenarten auch Krankheiten übertragen.

Und wenn sie stechen?
Sowohl Busch- als auch Tigermücke haben einen grösseren Stechapparat als die heimische Mücke. Die Stiche sind schmerzhafter und die Schwellung ist grösser. 

Angenommen, die asiatischen Mücken lassen sich hier nieder. Wie kann man reagieren?
Man kann ihnen nur die Brutplätze wegnehmen: Da die Tigermücken gerne in Regentonnen oder anderen, kleineren, wasserhaltigen und stehenden Gefässen ihre Eier ablegen, gibt es viele Orte, die in Frage kommen: Blumentopfuntersetzer, Regenwasserschächte, Regentonnen, nicht abgedeckte Sandkästen, Altreifenlager oder ein Loch in der Mauer reichen den Mücken, um ihre Eier abzulegen. Diese gilt es, trockenzulegen oder mit den Larviziden zu behandeln. Und dabei ist man natürlich auf die Mithilfe der Bevölkerung angewiesen. Im Tessin gibt es regelmässige Anweisungen, wie man sich zu verhalten hat. Ausserdem wird man in teils Gemeinden gebüsst, wenn man gegen die Vorschriften verstösst. Zudem müsste man dann einen regen Informationsaustausch – zum Beispiel mit dem Amt für Gesundheit – etablieren. Dann müssten wir informiert werden, wenn relevante Krankheiten auftreten, damit wir infizierte Personen und Mücken voneinander fernhalten können.

Wie sieht es eigentlich mit dem Monitoring jenseits des Rheins aus?
Meines Wissens nach plant der Kanton St. Gallen derzeit kein Monitoring. Allerdings überwacht das Bundesamt für Umwelt (BAFU) Hauptverkehrswege in der Schweiz. Beispielsweise an der Autobahn-raststätte Heidiland. Hier gab es übrigens bereits Nachweise von Tigermücken-Eiern , weshalb auch wir hellhörig wurden. (mw)

09. Jul 2017 / 00:00
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